Tanner spricht mit Stefanie Kipke vom Grünsteinhof in Ebersbach: Wir lieben die Großstädter

In der wundervollen Oberlausitz liegt der beschauliche Ort Ebersbach – Teil der Gemeinde Ebersbach-Neugersdorf – und im schönen Ebersbach gibt es den einladenden, familienfreundlichen Grünsteinhof mit Tieren, Freundlichkeit, guter Luft, Ruhe und der Familie Kipke, die hier alles zusammenhält.

Volly Tanner sprach mit Stefanie Kipke über Familienfreundlichkeit, die Oberlausitz, Umgebindehäuser, Corona, Schwalben und die Sehenswürdigkeiten der Gegend.

 

Volly Tanner: Guten Tag, liebe Stefanie Kipke. Wir dürfen hier bei Ihnen auf dem Grünsteinhof in Ebersbach zu Gast sein. Idyllisch! Am Eingang hängt ein kleines Schild: „Schwalben willkommen“. Funktioniert das Schild?

 

Stefanie Kipke: Hallo Herr Tanner, vielen herzlichen Dank für Ihren Besuch auf unserem Hof!

Ja, das Schild funktioniert tatsächlich (schmunzelt – die Red.). Ehrlich gesagt war es aber so, dass die Rauchschwalben schon immer unsere jahrhundertealte Holzscheune mit ihren vielen morschen Brettern und Öffnungen ganz Klasse fanden. Irgendwann bekam ein Feriengast die Schwalben mit Nachwuchs mal ganz toll vor die Linse. So konnten wir dem Naturschutzbund Sachsen e.V. und der Sächsischen Landestiftung Natur und Umwelt den Nachweis von Schwalben auf dem Hof erbringen. Dafür ist der Grünsteinhof mit dieser Plakette ausgezeichnet worden. Auch in diesem Jahr gab es wieder zwei Schwalbengelege, in denen die fleißigen Altschwalben zehn Schwälbchen aufgezogen haben.

Grünstein-Sonnenblume im Sonnenuntergangsschein c/o Volly Tanner

Sie betreiben hier einen Familienferienspass-Hof. Was macht Ihren Hof denn so familientauglich?

 

Wir, mein Mann Thomas und ich mit unseren drei Söhnen, bringen so Einiges an eigenen Familieurlaubserfahrungen mit. Wichtig war uns, mit der Zunahme der Verantwortung, der Arbeit und der Kinderschar, dass wir als Eltern im Urlaub nicht nur die Bespaßer unserer Kinder waren, sondern dass wir auch ein großes Maß am Eigenerholung brauchten. Auf unserem Hof, der einer der historischen Bauernhöfe der Region ist, wird nicht klassisch Landwirtschaft betrieben. Die Rahmenbedingungen der Bewirtschaftung soll einen Familienbauernhof von vor ca. 150 Jahren darstellen. Mit dem entsprechenden Tierbestand (Schafe, Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen, Enten, Hühner) und den kleinen Haus-Blumen- und Nutzgärten und der großen Streuobstwiese. Für die Gastfamilien bieten wir Einblicke in die arbeitsintensive Landwirtschaft aber auch Bauernhofromantik mit vielen Entdecker- und Spielmöglichkeiten für Groß und Klein. Es gibt viel Auslauf für die Kinder. Dabei haben die Eltern ihre Kinder im Blick und können entspannt auf den vielen Sitzinseln oder Gartenliegen verweilen. Der Zugang zu den Tieren ist ganzjährig vorhanden. Auch werden die Tiere gemeinsam mit den Gästekindern täglich früh umfangreich versorgt. Viele Familien kommen schon jahrelang zu uns, da sie meinen, hier die entspannteste Zeit mit ihren Kindern zu verleben.

 

Ich las, dass der Hof im 15. Jahrhundert von den Hussiten bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde? Hussiten? Wer waren die denn und was wollten die hier?

 

Die Hussiten waren unterschiedliche reformatorische und haupsächlich auch revolutionäre Bewegungen im Böhmen. Nach der Verbrennung des Theologen und Reformators Jan Hus bildeten sie sich um 1415 heraus. Dabei ging es ihnen hauptsächlich gegen die böhmischen Könige, die damals gleichzeitig das Amt des römisch-deutschen Kaisers bekleideten, und damit gegen die römisch-katholische Kirche. Die Oberlausitz gehörte zum damaligen Zeitpunkt der böhmischen Krone an. Die Husitten gingen äußerst brutal gegen römisch-katholische Bastionen vor. Neben vielen anderen zerstörten Gebieten wurde die Lausitz zweimal nach 1429 von den durchziehenden hussitischen Heeren heimgesucht. Nach dem Durchzug der Hussiten verblieben nur bis auf die Grundmauern zerstörte Siedlungen. Ein Teil der Bevölkerung Ebersbachs überlebte in den angrenzenden Wäldern.(weitere Infos z.B. unter https://de.wikipedia.org/wiki/Hussiten)

Stefanie vom Grünsteinhof vorm Grünsteinhofschild c/o Kipke

Ebersbach ist für Großstädter wie mich gelobtes Land. Wie ist denn ihre Gästestruktur? Wo kommen die Familien her?

 

Das ist schön, zu hören! Ebersbach und der Grünsteinhof im Speziellen ist es auch für uns!

Wir lieben die Großstädter, denn das ist tatsächlich unsere Hauptzielgruppe. Junge Familien mit Kindern, die ein bißchen die Weite und die „Ruhe“ des Landlebens genießen wollen. Wir versuchen, durch unseren Part an Umweltbildung, die Familien an das Landleben von damals und heute heranzuführen. Dazu bieten wir Gästeführungen und leider im Moment durch Corona etwas eingeschränkt z.B. Projekte, wie „vom Korn zum Brot“ an.

Unsere Gäste kommen hauptsächlich aus den Großstädten Dresden, Leipzig und Berlin.

Blick von oben in den Hof hinein c/o Volly Tanner

Was kann man denn in Ebersbach so erleben und erfahren?

 

Ebersbach-Neugersdorf ist die Stadt der Umgebindehäuser. Diese Volksarchitektur ist in dieser Konzentration nur noch in der Oberlausitz zu finden. Unter Anderem sind mehre Gastwirtschaften hier in diesen Häusern untergebracht. In Ebersbach, Neugersdorf und Waldorf findet man die drei Spreequellen. Um und durch Ebersbach gibt es dazu viele Wander- und Radfahrmöglichkeiten. Unweit vom Grünsteinhof befindet sich die sehr sehenswerte, barocke Dorfkirche. In ca. 300m fußläufig erreicht man das kleine, feine Freibad. In allen Orten rings um Ebersbach gibt es viele weitere davon. Meine Schwägerin bietet Reiten in der Nachbarschaft an. Geprägt wird die Oberlausitz durch die wunderschönen Städte des Sechstädtebunds: Löbau, Bautzen, Kamenz, Zittau, Görlitz und Lauban (Polen) eingebettet in wunderschöne, hügelige Landschaft. Unweit liegt das Zittauer Gebirge, das kleinste Mittelgebirge Europas. Der krönende Abschluß, oder aber als Einstimmung eines Besuches in Ebersbach könnte der Besuch des Feuerwehrmuseums, des Kaffeemuseums oder eines der vielen, hübschen Heimatmuseen der Region sein.

 

Ich habe das Gefühl, dass ganz viele Menschen überhaupt nicht wissen wie schön Sachsen, genauer die Oberlausitz, sein kann. Woran liegt es, Ihrer Meinung nach?

 

Ich denke, in erster Linie suchen viele Leute die schönen Orte immer in der exotischen Ferne. Sie wundern sich dann immer, wie schön es bei uns ist. Oftmals versucht man hier in der Nebensaison für 2-3 Nächte unterzukommen, um dann im nächsten Jahr für länger oder seinen Haupturlaub zu buchen. Ein weiterer Par, ist wahrscheinlich die exponierte Lage der Oberlausitz in Deutschland; „hinter Dresden“. Für uns persönlich ist es die Mitte Europas.

Wo die wilden Hasen rasen c/o Volly Tanner

Wie kam es, dass Sie mit Ihrer Familie den Grünsteinhof übernahmen? Das ist ja nicht ihr angestammter Familiensitz, oder?

 

Nach unserem Studium der Vermessung und der ersten Arbeitsstelle und unseren angeschlossenen Referendarzeiten, wurde es für uns Zeit, die Wochenendbeziehung als Paar oder Familie mit einem kleinen Sohn zu beenden. Ich komme ursprünglich aus dem Bundesland Brandenburg. Wir haben uns in Dresden beim Studium kennengelernt. Da wir Beide sehr bodenständig sind und uns die Hörner schon während der Studienzeit abgestoßen hatten, entschieden wir uns, in Ebersbach (Thomas Heimatstadt) sesshaft zu werden. Und unsere Kontakte mit Gastfamilien und viele Unternehmungen in der schönen Oberlausitz beflügelten uns dazu, ein Umgebindehaus zu kaufen und damit ein Heim für uns, Tiere und Feriengäste zu schaffen. Nach einiger Zeit der Suche fanden wir den Zwei-Seitenhof mit einem erheblichen Sanierungsrückstau von ca. 80-100 Jahren.

Wir planten ca. drei Jahre für Ausbau und Finanzierung und bauten ca. drei Jahre an dem Grünsteinhof. Seit 2012 ist der nun fachgerecht denkmalgerecht und ökologisch nachhaltig sanierte Hof Heimstätte unserer Familie, zahlreicher Tiere und vieler, auch immer wiederkehrender Urlauberfamilien.

 

Was war denn vor Ihrer Umnutzung hier auf dem Gelände angesiedelt?

 

Die Scheune und das Haupthaus wurde vom damaligen Eigentümer als Lager genutzt. Der Hof und die Streuobstwiese für seine kleine Schafzucht.

In der Historie ist es einer der ältesten, belegten Höfe Ebersbachs. Nach dem letzten Hussitendurchzug wurde er als einer von sechs Höfen benannt, der noch bewohnt waren. Ursprünglich als Bauernwirtschaft erbaut, kamen die größeren Einnahmen in der Geschichte durch den Nebenerwerb als Faktor – Leinewandhändler. Durch das höhere Kapital wollte der Eigentümer repräsentieren, damals nicht unüblich und versteinerte das Umgebinde durch den Einsatz von Sandsteinbossen und Ziegelmauerwerk.

 

2014 bekamen Sie den Umgebindehauspreis. Umgebindehaus? Davon haben viele meiner Leser bestimmt noch nie etwas gehört. Was ist das: ein Umgebindehaus?

 

Ein Umgebindehaus ist eine Mischkonstruktion von slawischer Volksbauweise mit fränkischem Fachwerk. Die ersten Siedler bauten wie die Slawen Blockhäuser. Im Zuge der Zeit wurden die Häuser durch Massivanbauten erweitert. Zum Beispiel, um die Tiere darin unterzubringen. Massiv- und Blockbauweise waren unter einem Dach. Das barg Spannungen. Um dem vorzubeugen stellte man eine senkrechte Stützkonstruktion um die Blockstube herum, auf der dann das Dach oder das 1. OG zum Tragen kam. Holz schwindet und dehnt sich in der Länge um 1/10 weniger aus als Holz im Querschnitt. Somit war es möglich, Holz und Steinbauweise aneinander unter ein Dach zu bringen. Das 1. OG wurde dann meist im Fachwerk gehalten, da dann mit Holz sparsam umgegangen werden musste.

Diese Umgebindebauweise war im Mittelalter im ostelbischen Raum stark verbeitet. Nur in den strukturschwachen Randgbieten hielt sie sich zum Glück bis heute.

 

Und 2015 gab es dann den Preis „Ländliches Bauen“ im Sächsischen Landeswettbewerb. Und den Deutschen Fachwerkpreis. Das bedeutet ja, dass Ihr Hof beachtet wird. Wofür genau wurden Sie aber bepreist?

 

Beide Male waren wir sehr froh, unter den Preisträgern gewesen zu sein. Es gab immer total viele interessante Mitbewerber. Beim ländlichen Bauen und dem Fachwerkpreis gefiel es einerseits der Jury, dass unsere Umnutzung so behutsam nachhaltig erfolgte. Andererseits dass das nachhaltige Konzept und das sanierte Gebäude einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird. Auch dass die Gäste-und Hofführungen und Angebote zur Bildung von Familien beitragen.

 

Sie selber sind auch zertifizierte Gästeführerin – wohin führen Sie denn Gäste hier?

 

Neben individuell anfgefragten Führungen biete ich hauptsächlich Führungen durchs Umgebindeland und deren Geschichte an – gern per Rad, Kleinbus oder zu Fuß. Dabei können Einblicke in verschiedene Häuser und Gärten erfolgen.

Dazu bin ich Führerin im technischen Denkmal der Kottmarsdorfer Bockwindmühle.

 

Bei Ihnen auf dem Hof kann auch das historische Kreuzgewölbe genutzt werden. Wofür denn eigentlich?

 

Das komplett für Veranstaltungen und Feiern ausgestattete historische Kreuzgewölbe, jetzt mit Kamin, war der typische Mehrtierstall des sogenannten Mitteldeutschen Ernhauses. Hier können Veranstaltungen und Feiern für bis zu 50 Personen durchgeführt werden. Die Gäste, vermehrt aus der Region Ebersbach und Umland, feiern Familienfeiern, Firmenevents u.s.w. oder wir veranstalten selbst Kleinkunst. Die Gäste genießen das historische Ambiente und die Weite des Hofes. Wir bieten von der reinen Vermietung bis zur vollständigen Partyorganisation mit Service alles.

 

Natürlich muss Corona auch Thema sein: Deshalb – wie haben Sie die Coronaschließzeiten gestaltet? War es schlimm?

 

Ja, natürlich ist Corona auch für uns ein großes Thema. Und ja, die zwei Monate Schließzeit waren schon eine Herausforderung, da wir komplett belegt gehabt hätten. Mit einem Arbeitsverbot hatten wir nun gar nicht gerechnet. Wir machten uns im Vorfeld eher wegen Stornierungen der Gäste Sorgen.

Ja, wie haben wir die Zeit verlebt? Erst mal viel Arbeit in ganz kurzer Zeit: Gästen absagen, Anzahlungen zurückerstatten, Gäste immer wieder am Telefon beruhigen, zwei Kinder beschulen, bzw. dem Abiturienten Mut zusprechen – nach dem ersten Sturm haben wir zwei Wochen die gewonnene, gemeinsame Familienzeit neben der Schule erst mal nur genossen. Das Wetter spielte ja auch mit. Nach zwei Wochen Schule, kochen, backen, viel reden und viel spielen kribbelten uns die Finger, und wir begannen, die Fenster ringsherum neu mit Standöl zu streichen, die Gartenmöbel zu ölen und zu guter Letzt doch noch alle Ferienwohnungen neu mit Lehmfarben zu überarbeiten und die Holzfußböden zu ölen. Wir hatten natürlich ständig die Verordnungen der Landesregierung im Blick. Wir versuchten, aus Prognosen eine mögliche Öffnung zu erahnen. Es sickerte dann immer eindringlicher durch die Medien, dass der 20. Mai für eine Öffnung ins Blickfeld rückte. So hätten wir ganz entspannt unsere Sanierungen abschließen können. Dann die neue Coronaverordnung in Sachsen: Öffnung schon am 15. mit Hygienekonzept. Das brachte uns dann ganz schön ins Schwitzen. Die gebuchten Gäste, die natürlich auch alle verbindliche Verträge mit uns hatten, wollten natürlich alle am 15. kommen und wir wollten natürlich wieder öffnen. Vier Tage und Nächte richteten wir die Wohnungen wieder her, mit Grundreinigung und Fensterputzen nach der Überarbeitung und schrieben am Hygienekonzept. Wir konnten kaum noch aus den Augen gucken, die ersten dankbaren Gäste waren am 15. da und seitdem läuft es wieder prima auf dem Grünsteinhof. Leider hatten wir bisher erst unsere zweite Veranstaltung, sonst ist an allen Wochenenden das Feiergewölbe belegt.

Die Ungewissheit in den zwei Monaten war schon ganz schön schlimm. Einen kompletten, weiteren LockDown erhoffen wir uns natürlich nicht. Man spürt auf einem Bauernhof die Einschränkungen nicht so stark, da man eh viel an der Natur ist und die Tiere und Pflanzen und Kinder und das Haus wollen immer versorgt werden.

Wir selbst sind auf dem Grünsteinhof angekommen und brauchen oft nicht viel mehr.

 

Und was sind die nächsten Pläne?

 

Naja, die Sanierung der wunderbaren Scheune wäre schon ein großes Projekt. Wir wollen natürlich behutsam vorgehen, damit z.B. die Schwalben bei uns bleiben.

Das Projekt verschob sich durch Corona und nun durch mein gebrochenes Sprungelenk, es wird wohl erst im nächsten Jahr klappen.

 

Da wünschen wir natürlich weiterhin gutes Gelingen, liebe Stefanie.

 

KONTAKT GRÜNSTEINHOF

Stefanie Kipke

Oberer Kirchweg 25

02730 Ebersbach-Neugersdorf

Tel.: 03586 310182

Mobil: 0172 3587132

urlaub@gruensteinhof.de

http://www.gruensteinhof.de

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