Volly Tanner traf FALKENBERG: Wahrscheinlich brauchen wir Menschen manchmal richtig eins in die Fresse

erscheint gerade im BLITZ! Leipzig:

FALKENBERG, der schwarze Romantiker der Liebe, trägt mittlerweile grau im Bart. Dies ist auch äußerlich ein Bekenntnis zu Reife und Alter. So etwas kommt jedoch meist erst nach einem Sumpfgang, einem Zusammenbruch der Illusionen. BLITZ!-Redakteur Volly Tanner hakte in die gerade gesundende Wunde und fragte nach – ist doch ein tiefer Punkt ein guter Grund zu wachsen:

BLITZ!: Willkommen zurück, bester FALKENBERG. Wer Deine Außenkommunikation verfolgt, erfuhr im letzten Drittel des letzten Jahres Nicht-Ganz-So-Schönes. Was war los?
FALKENBERG: Das ist für mich, auch heute noch, ganz schwer zu erklären. Es hat mich ausgeschaltet. Stromsperre. Mir fehlen seitdem fünfzehn Minuten der Erinnerung. Außer ein paar leichten Verletzungen ist die Episode folgenlos geblieben. Ich war ja der Meinung, dass seit meinem Umzug von Berlin nach Halle mein Leben sehr viel entspanntere Wege geht und das nicht nur physisch, auch die kleine Seele entgiftete zusehends. Es traf mich also völlig unerwartet. Keiner weiß im Moment mit Bestimmtheit zu sagen, was der eigentliche Grund für die Episode war. Ich hatte großes Glück, ein paar Minuten später, an einem anderen Ort, hätte es mich ermordet.

BLITZ!: Solch ein „Schuss vor den Bug“ ist ja auch positiv deutbar: als Chance zur Veränderung und Möglichkeit eingebrannte Programmierungen zu verlassen, aus dem Automaten herauszukommen. Was sind Deine ganz persönlichen Veränderungen? Was machst Du nun anders?
F.: Wahrscheinlich brauchen wir Menschen manchmal richtig eins in die Fresse, um zu begreifen, dass was nicht stimmt, dass wir uns was vormachen. Gute Vorsätze hat man ja immer mal wieder. Deren Umsetzung gelingt aber wahrscheinlich besser nach einem tiefgreifenden Erlebnis, in meinem Fall einer lebensbedrohlichen Situation. Einschnitte im Leben sah ich immer schon als Chance. In den letzten Jahren habe ich entrümpelt und entkrampft. Nach der Episode habe ich dann noch einmal sehr viel bewusster und genauer in die Ecken geschaut. Ich konnte noch Einiges entdecken, das weg muss. Zu so etwas wie z.B. Deadlines pflegte ich mal ein inniges Verhältnis. Wir mussten uns trennen. Es ist ja nicht nur die Physis, die uns in die Schranken weist. Ein kleiner Diss hier, ein wenig Cyber-Mobbing dort – es ist ja immer nur „Spaß“ aber es ist vor Allem immer gut um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen – frisst sich irgendwann durch jeden noch so dicken Panzer, passiert, unter anderem, auch am Tag der Episode. Ich musste mir noch einmal darüber klar werden, dass es Kollegen gibt, die ohne Rücksicht auf Verluste bereit sind alles für ihre Karriere zu tun und dafür – und das ist wirklich bitter – auch noch beklatscht werden. Also, auch weg mit der Hoffnung auf bessere Momente.

FALKENBERG reift zum weisen Manne.

FALKENBERG reift zum weisen Manne.

BLITZ!: Am 15.03. bist Du wieder in Leipzig. Was bringst Du Deinen Freunden und Sympathisanten denn mit?
F.: Das geplante neue Album ist, mit den Deadlines, bis auf weiteres gestorben. So werde ich also mit einem Best Of – Programm, das gab es so noch nie, in den Anker kommen. Alte Songs, die ich lange nicht gespielt habe, werde ich ins Heute holen, in mein künstlerisches Hier und Jetzt. Es bleibt also spannend, auch und vor allem für mich.

BLITZ!: Solche Erlebnisse sind ja auch irgendwie wie überkochende Töpfe mit Essen, Da verbrennt dann was auf der Herdplatte. Ums besser zu machen muss man die Hitzezufuhr, die Teilchenbewegung, drosseln. Werden Deine Lieder, Dein Engagement, sich jetzt ändern?
F.: Mein politisches Engagement wird sich nicht verdünnen. Das Wissen um die Absurdität unseres Seins lässt sich für mich nur in der solidarischen Revolte ertragen. Meinen Liedern hat die Episode neue Einsichten geschenkt und dadurch auch die eine oder andere neue Art der Interpretation ermöglicht.

BLITZ!: Der Einzelne scheint so hilflos, wenn das System einen jagt und immer schneller hin- & herflippern lässt. Gibt es einen Ansatz zur Gesundung?
F.: Wir leben in einer Zeit des „Können“ und nicht mehr des „Sollen“. Wenn wir uns also selbst ausbeuten „Können“, „Können“ wir es auch lassen. Ich halte meine These aufrecht: Bevor sich etwas ändern kann, müssen wir uns ändern. Keine Revolution wird uns diesen Job abnehmen.

BLITZ!: Danke für Deine ehrlichen Worte.

FALKENBERG, 15.03.2014, ANKER Leipzig
http://www.anker-leipzig.de

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3 Antworten zu Volly Tanner traf FALKENBERG: Wahrscheinlich brauchen wir Menschen manchmal richtig eins in die Fresse

  1. Karsten Kruschel schreibt:

    Der Mann sieht heute deutlich besser aus als damals, als er „Wir sind die Sonne“ sang …

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