Tanners Interview mit Oliver Baglieri: Die Welt ist ein Keks voller Wunder

Erschien einst in der Leipziger Internetzeitung (lang ist´s her):

Oliver Baglieri hat mit seinen guten Freunden Michael Schweßinger und Hauke von Grimm die Edition PaperONE am Start, die am Samstag, zum WESTBESUCH, in ihren Räumen in der Merseburger Straße, Berührendes darreicht. Volly Tanner sprach schonmal im Vorfeld mit dem Fotografen und Weltenbummler:

Hallo Oliver. Du mauserst dich ja neben Deiner Verlegertätigkeit immer mehr auch zum Auslandsfotografen, letztens warst Du erst mit dem Schriftsteller Michael Schweßinger in Äthiopien. Wie kam es denn dazu und was habt ihr dort eigentlich gemacht?

Auslandsfotograf ist möglicherweise zu viel gesagt, da es einfach eine Katastrophe wäre wenn ich all die Eindrücke und Bilder, welche uns fremde Welten schenken, nicht einfangen würde. Will heißen, lieber Volly…. ich komme gar nicht umhin, Fotos zu machen, auch wenn es tatsächlich Situationen gibt, die sich weder einfangen lassen oder welche ich selber nicht einfangen mag. So eben auch in Äthiopien. Es gab gerade hier zahlreiche Situationen, an denen ich die Kamera bewusst nicht ausgepackt habe, weil ich den Menschen nicht zu nahe treten wollte. Gemeint sind hier in erster Linie jene Menschen, die einfach nackt auf dem Bürgersteig liegen. Weil sie unglaublich arm sind. Kein Haus, keine Kleidung… und schon gar keine Yacht. Die Idee, Äthiopien zu bereisen, war eigentlich eine Schnapsidee. Micha hat ja Afrikanistik studiert, ich selber war noch nie in Afrika und wollte unbedingt mal dorthin. Und da Addis Abeba ja nun Partnerstadt von Leipzig ist, dachten wir, es sei eine gute Idee, diese einfach kennenzulernen. Was mich, bzw. uns dort erwarten würde, davon hatten wir ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung. Wir sind quasi einfach hingeflogen und haben uns treiben lassen. Vielleicht die spannendste Art überhaupt, ein Land kennenzulernen…

Es entstanden Texte und Fotos – die Fotos sollen unser Thema sein. Du erzähltest im Vorgespräch über ein Ausstellungskonzept mit Postkartenbildern – was genau ist dies denn?

Genau. Also… Ausstellungskonzept sei an dieser Stelle erst einmal ein wenig hinten angestellt, da sich eine Ausstellung dieser Art sicherlich noch über ein paar Jahre hinziehen wird. Die Welt ist so groß und bunt, da würde eine Ausstellung zum jetzigen Zeitpunkt dem Anspruch nicht wirklich gerecht werden. Somit also stürzen wir uns erst einmal auf die Postkartenreihe, welche ja in der Edition PaperONE erscheinen wird, wo auch bereits mit den ersten fünf Motiven ein Grundstein gelegt ist. Der Name dieser Reihe ist „a part of us“, die Idee dahinter, dass jeder Mensch auf der Welt eine Daseinsberechtigung hat. Darüber hinaus auch ein Recht auf Leben, auf Akzeptanz, auf Gesundheit und Glück. Gerade aktuell erleben wir Deutschland in einem Anflug von derartiger Überheblichkeit, dass wir der Meinung sind, es sei Zeit, den Menschen einfach mal aufzuzeigen, dass es mehr als nur 80 Millionen auf der Welt gibt. Jeder einzelne auf einem Lebensweg, der sich, seiner Individualität aber eben auch seinen äußeren Umständen gerecht werden muss, darf, kann, sofern er es denn kann. Dass es ausgerechnet Postkarten sind, eben kein Buch, liegt daran, dass Postkarten die wunderschöne Gabe haben, sich mittels einer kleinen Briefmarke auf den Weg in die Welt zu machen . Ein kleiner Kreis, der sich hier schließt. Begonnen haben wir mit Karten aus Äthiopien, als nächstes kommen Motive aus Kambodscha, Vietnam, Thailand, Indien und eben auch Deutschland, wobei wir hier u.a. auch von der Fotografin Resa Rot und Nina Kresse unterstützt werden.

Oliver Baglieri erkennt die Welt. Ein Reisender und Bildermachender.

Oliver Baglieri erkennt die Welt. Ein Reisender und Bildermachender.

Am 07.07.2012 zum WESTBESUCH habt ihr Euren Laden geöffnet und etwas ganz besonderes vor – was denn genau? Und habt Ihr Partner für Eure Ideen gefunden?

Oh ja… und zwar wird es an diesem Tag zwischen 14 und 18 Uhr einen „Äthiopischen Nachmittag“ geben. Heißt, es wird eine Dauerdiaschau geben, zudem eine original äthiopische Kaffeezeremonie (um 16 Uhr), traditionelle Musik (übrigens GEMA-frei, da es tatsächlich CDs von kleinen Künstlern aus Äthiopien sind) sowie landestypisches Essen. Unterstützt werden wir dabei umfangreich vom Städtepartnerschaftsverein Leipzig-Addis-Abeba e.V., welche ebenfalls mit vielen Infos und Gesprächen Einblicke gewähren. Besonders freue ich mich darüber, dass auch Michael Schweßinger dabei sein wird, um seine Eindrücke und Geschichten von dieser Reise zum Besten zu geben.

Zurück zu Äthiopien. Wieso eigentlich Äthiopien? Braucht es den Abstand um hiesige Verhältnisse wieder gerade zu rücken? Was drängt Dich weg, so weit nach draußen?

Sagte ja bereits… Äthiopien war urplötzlich Thema. Manchmal ist es so, da hast du dir ein Ziel gesetzt und bekommst es nicht mehr aus dem Kopf. Wie und warum genau, lieber Volly, die Idee war plötzlich da. Und ebenso plötzlich waren auch wir dort. So ergeht es mir im Übrigen schon in den letzten Jahren. Plötzlich war Vietnam ein Thema, dann in Thailand plötzlich Kamodscha. Es ist irgendwie eine Art „Fließen-lassen“. Ob sich dadurch hiesige Verhältnisse gerade rücken lassen weiß ich nicht zu beantworten. Aber ich kann ein Stück WELT mit nach Leipzig, nach Deutschland bringen. Und da auch jedes Foto eine Geschichte erzählt, bedarf es im Grunde nur der Neugierde der Menschen. Und ich hoffe sehr, dass es genug neugierige Menschen gibt

Die Edition PAPERone, der Du ja auch mit vorstehst hat von der Führungsstruktur einzigartiges zu bieten, aber auch von Konzept her und von der Ausrichtung der Autoren. Kannst Du den unwissenden Lesern verständlich machen, welcher Weg da von Euch beschritten wird? Und wenn ja, dann mach dies auch bitte….

Wir machen das, lieber Volly, was uns entspricht, was nicht selten eben auch Spaß machen kann. Spaß alleine jedoch sollte es nicht sein. Die hohe Identifikation mit unseren Autoren, ihren Büchern, unser eigener Weg, uns nahezu jeden Tag neu zu erfinden, lässt uns einfach rastlos bleiben. Wir haben weder einen Masterplan noch starre Marketingkonzepte, aber wir haben jede Menge Potential, jeden Tag über neue Ideen nachzudenken, bisweilen denn auch tatsächlich umsetzen zu können. Du selbst hast einmal gesagt, „es sei schwer, einem fahrenden Auto ans Rad zu pissen“. Und ich glaube, dies trifft es mehr als wunderbar, auch wenn es nicht immer absichtlich passiert. Wir machen einfach…. vor allen Dingen aber die Dinge, die wir möchten oder für wichtig erachten.

Was ist – aus all den Reisen – Deine Quintessenz der letzten Jahre?

Dass die Welt ein Keks voller Wunder ist, lieber Volly, dass jeder Mensch, der uns (damit meine ich meine Nina und mich, im Falle Äthiopiens aber natürlich auch Micha)auf unseren Reisen begegnet, eine Bereicherung ist, uns etwas zu schenken hat, aus seinem Leben, seiner Welt. Das macht unruhig, beruhigt aber auch ungemein. Und sollte ich eine Quintessenz ziehen müssen – vielleicht ist es die ewige Suche nach Glück. Denn dies ist sicherlich ein gemeinsamer Nenner der Menschen rund um den Globus zusammenwachsen lässt. Und da ich dies gerade anspreche…. Bhutan hat als einziges Land auf der Welt das „Recht jedes Einzelnen auf Glück“ in seiner Verfassung verankert. Leider war ich noch nie dort, dies jedoch wäre definitiv etwas, was ich gerne mitbringen würde.

Danke Olli.

Und ich danke dir, lieber Volly.

<http://www.editionpaperone.de/&gt;

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