Notes from a dirty black Man. Die Volly Tanner Kolumne

erscheint monatlich im port01 Leipzig:

Der Schuldige schaut mich im Spiegel an.

 

 

Endlich Januar. Endlich Luft holen.

Endlich ist der Abschlussmonat 2013 Geschichte.

Vergessen wir ihn einfach. Bis in einigen Monaten die Hatz wieder beginnt können wir alle leichtfüßig von Reduktion träumen, von menschenleeren Stränden, Sonne, Wärme und Rotwein.

 

Der Realität ein Schnippchen schlagen sozusagen.

 

Und wem haben wir diesen ganzen Kaufwahn zu verdanken, der uns Mitteleuropäer zu Achtstundenarbeitstagen zwingt, um nie wirklich real dagewesene Bedürfnisse zu befriedigen?

Ich kann es Euch sagen! Da kommt Ihr nie drauf!

Es war ein Watson. Und es war nicht der Kumpel von Sherlock Holmes.

Der 1878 geborene und 1958 von uns gegangene Psychologe John B. Watson, seines Namens Ideengeber des sich mit Konditionierung und Dekonditionierung befassenden Behaviorismus, wurde 1921 (nach Abakus war er da 43 Jahre alt – so taufrisch wie Euer Lieblingsschreiber jetzt gerade!) bei einem Techtelmechtel erwischt. Er drang derzeit körperlich in seine Assistentin – und zwar ein – und dies unter Freuden, auch ihren Freuden wohlgemerkt. Und da damals noch geistiges „Gohlis sagt Nein!“ allerorten war, wurde der große Große aus dem akademischen Leben verdrängt. Nun gut, er war verheiratet – aber seien wir doch mal ehrlich, wenns Spaß macht …

Nun stürzte sich Watson mit der ihm eigenen Begeisterung ins und aufs Werbemetier – und sorgte unter anderem dafür, dass Psychologen diesen Wirtschaftszweig zu heutigen Ehren brachten.

Von ihm ist nun folgende Weisheit überliefert – und dies ist eben der brennende Schwanz der Katze, das auslaufende Tintenpatrönchen, der richtungsweisende GAU des Abendlandes: „Macht sie unzufrieden mit dem, was sie haben. Und sie werden sich um jedes neue Produkt reißen!“

 

immer diese Tastaturrevoluzzer!

immer diese Tastaturrevoluzzer!

Verdammt. Ein Dystopien hervorrufender Tag. Wär´etwas mehr Toleranz gewesen 1921, hätten die geistigen Morast- und Abortsegler nicht das Ruder geführt, die ewigen Nein-Sager und Angst-Haber, die Väter und Mütter der „Flüchtlinge klauen meinem Grundschulkind das Smartphone“-Einstellung, die Deppen dieser Welt – dann wär´uns eben wirklich Vieles erspart geblieben.

 

Unsere Wohnungen wären nicht voll gerümpelt mit alle drei Jahre auseinanderfallendem Müll. In Straßenbahnen würden sich Menschen nicht über Minimikrophon lauthals mit irgendeinem Irgendwem unterhalten, mit dem sie über Telekommunikation verbunden sind und dem sie Nichtigkeiten entgegen brüllen. Menschen würden sich in Gesichter lächeln und nicht auf Tablets herumstochern. Zu Weihnachten gäbe es Nettigkeiten und kleine Überraschungen, keine Plastikpaläste und Star-Wars-Kampfschwerter, die monumentale Melodien krakeelen.

Menschen würden angeln gehen und Pilze sammeln zusammen.

 

An Kaufland-(was für ein wahrer Name für die europäische Nation)-Kassen gäbe es keine missmutigen Nilpferdmenschen mehr.

Es gäbe Zeit statt Dinge.

Vielleicht hätte der eine oder andere Mitmensch sogar Lust – was uns wieder zu 1921 bringen würde – und danach noch einmal Lust um die politischen Gegebenheiten zu überdenken. Es gäbe weniger Angst und mehr Genuss durch weniger „Mehr“.

Es gäbe keine Hipster. Es gäbe keine Trends, die Menschen traurig machen, weil sie ihnen nicht genügen. Es gäbe Mitmenschlichkeit und Zuhören – wir wären alle ein klein bisschen MOMO – und eben nicht Bridger (den Begriff fand ich in der Vorweihnachtszeit im „Buchjournal Kids & Teens“ und er katalogisiert marktkonform die ehemals Menschgewesenen älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen).

Es wäre Januar und es würde Schnee von Himmel fallen und niemand würde sich wundern oder darüber aufregen. Winterdepressive wären selten und würden nicht belächelt und von TV-Late-Night-Deppen belustigt zum Abschuss freigegeben werden.

Ganz bestimmt wären die Fernsehgeräte aus.

 

Oh ja.

Es wäre ein Januar 2014 und die Leipziger, die Sachsen, die Deutschen, die Europäer, die Erdenmenschen – würden friedlich miteinander auskommen.

Aber da nur und ohne Unterlass auf Watson zu schießen zu kurz zielt und in meinem Spiegel nun einmal ein Volly Tanner mir entgegen blickt, der ebenfalls gern Teil des Ganzen ist, bin ich jetzt ganz stumm und schalte um.

Und lese meiner Tochter Laura aus Michael Endes MOMO vor und warne sie eindringlich vor den „Grauen Herren“ mit ihren Zeitzigarren und ihrer Zeitsparkasse, die uns unsere Lebenszeit stehlen und uns einreden wollen, dass wir bunte plärrende Dinge brauchen.

Und ich hoffe, dass Menschsein mehr ist als Konsum.

Und das meine Tochter es besser macht.

Macht es besser. Ab jetzt!

 

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