RTL vertreibt Lebenszeit, Theater ist Lebenszeit. (Interview Larsen Sechert)

dieser Beitrag erschien als Kurzform im FRIZZ Leipzig print

Den Theatermanen Larsen Sechert zu treffen ist ein Naturereignis. Er ist witzig, warmherzig und begeisterungsfähig. Wie Frühling. Und da er auch aktiv ist, gibts Fragen über Fragen – und Shevek Walden stellt die auch:

Zwischen 07. und 10. Juli wird es in Leipzig wieder Straßentheatertage geben. Du bist einer der Hauptorgamänner. Wie stehts mit den Anmeldungen?

 Bislang sind fünf Gruppen dabei. Aber es werden noch mehr werden.

 

Was brauchts, um mitzumachen?

 Nicht viel: eine Mail mit Auftrittswunschzeit, kurze Beschreibung der Aktion und der Gruppe, bzw. des Künstlers (je vier bis fünf Sätze). Im Idealfall noch ein digitales Bild.

So etwas kostet ja auch Geld. Wie kann – auch der nichtschauspielernde – Mensch Euch unterstützen?

 Bis zum 24.04. lief über die VisionBakery eine Aktion zur Unterstützung der Leipziger Straßentheatertage. Ansonsten sind Spenden auf das Konto des Landesverbandes für Amateurtheater e.V. (LATS) willkommen.
LS by vt
Weiterhin gibt es Dich als Knalltheater, im Duo Circe Zébré und als Spielleiter einer Behindertengruppe und einer Theatergruppe mit Patienten der MRV St. Georg, sowie als Mittrainierenden der Theaterturbine. Zuletzt sahen wir uns auch auf der Bühne des Börtewitzer Lesefestes des Friedrich Bödecker Kreises Sachsen. Hat Dein Tag mehr Stunden als meiner? Wie händelst Du das, rein zeitlich und krafttechnisch?

 Nein, mein Tag hat auch nur 24 Stunden. Und manchmal spring tatsächlich eine kleine freie Zeit für einen Spatzatuliergang mit Töchterlein Finia, Hündin Zuela  und Lebenspartnerin Anja raus. Krafttechnisch dope ich mich mit Lapacho-Tee, Bäumeangucken, Lebenspartnerin ärgern und Töchterleinbespaßung.
Dann gibt’s da noch den Knopflochverlag. Was ist das denn?

 Das ist ein kleiner Miniverlag, der jährlich rund ein Büchlein mit einer Auflage von 50 bis 100 Exemplaren herausgibt. Der Knopflochverlag hat zum Ziel den eher kleinen Geschichten und unbekannten Freizeitautoren eine Stimme zu geben. So war das erste Büchlein eine Sammlung von Traumaufzeichnungen Leipziger Jugendlicher. Das nächste Buch heißt: Und blaue Sterne will ich sehen… vom Sozialpädagogen Eberhard Friedrich. Darin beschreibt er auf liebevolle Weise seine Sterbebegleitung eines Geistig Behinderten, den er betreut hat. Absolut berührend.

Du bist ja auch Papa – lacht der Nachwuchs über dich? Von Heinz Erhardt erzählt man sich ja Bösartiges – und auch Heinz Rennhack soll nicht der Lustigste im Privaten sein.
 Letztlich bespaßen wir uns gegenseitig und ganz nebenbei nehme ich bei meiner Tochter (einer gemeingefährlichen Zweizahnhexe) Clownsunterricht. Sie beherrscht beispielsweise den Vierfußstorchengang. Dazu streckt sie a la Hundeyogastellung ihren Hintern gen Himmel und stakt mit gestreckten Beinen und patschenden Händen nach vorn. Meist jagt sie so unseren Hund. Das übe ich jetzt auch. Aber vielleicht ist das ja ähnlich bösartig wie bei Erhard und Rennhack.
Warum eigentlich Theater, Larsen? Warum in der Öffentlichkeit? RTL vertreibt doch auch Lebenszeit – und sogar von recht Vielen!

 Ein Teil der Antwort liegt schon in deiner Frage. RTL vertreibt Lebenszeit. Im Gegensatz dazu ist Theater Lebenszeit. Theater birgt die große Chance einer besonderen, lebensspendenden Kommunikation. Davon wird die Welt als Ganzes zwar nicht schöner, aber manchmal wenigstens für einen kleinen Moment.

Es gibt unter Deinen Theaterwerkstattangeboten auch „Das Theater der Unterdrückten“. Was ist das denn?

 Das ist eine von Auguso Boal entwickelte Theaterkonzeption, die durch seine vielen Formen wie Unsichtbares Theater, Forum-Theater, Zeitungs-Theater usw. denen eine Stimme gibt, die sonst nicht zu Wort kommen. Der Zuschauer, Boal spricht auch von Zuschauspieler, kann in die Szene einsteigen und so seine Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Konflikte oder private Probleme anbieten. Es ist schwierig über dieses komplexe Konzept in wenigen Sätzen befriedigend zu antworten.
LS by vt
Gibt es einen Traum? Im Theater oder auch privat? Einen Larsen-Traum, einen optimalen Zustand?
 Ja, ich will das die Menschen wieder ins Theater gehen, weil sie es brauchen und nicht um ihren Beitrag fürs Kulturleben zu leisten. Ein Optimalzustand für mich ist: immer Sommer und ein unbeschwertes Dasein.
Kinder lieben Deine Arbeit. Jedoch fallen gerade die Kleinen oft durchs Konsum&WerteRaster unserer Gesellschaft. Ist diese Entwicklung aus Deiner Sicht irgendwie zu ändern, umzukehren, zu verlangsamen oder gar aufzuhalten?
 Mit eurem wundervollen Lesefest in Börtewitz wurde beispielsweise ein wertvoller Beitrag für eine humane Entwicklung für die Kleinen geleistet. Vielleicht war das letztlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn jedoch noch mehr ähnlich tröpfeln, dann wird der Stein etwas abkühlen (was für eine Metapher!).
Freier Theatermacher der Du bist – kannst Du davon leben oder gibt’s noch Kohle vom Amt dazu.
 Im Moment erhalte ich noch einen Existenzgründerzuschuss. Aber davon unabhängig kann ich als Freier Theatermacher leben.
In der Kreativenszene wird das Thema Bürgergeld oder bedingungsloses Grundeinkommen gerade heiß diskutiert – gibt es da eine Meinung von Dir dazu?
 Ich bin unbedingt für das Bürgergeld! Damit würde ein großer Teil dieser hirnrissigen deutschen Verwaltung wegfallen. Die Menschen wären ein Stück mehr dazu angehalten Selbstverantwortung zu tragen. Vieles wäre entspannter. Die Krebsrate würde rapide sinken.

Dank an Dich für das interessante Gespräch & natürlich Kopf- und Halsbruch & ein Toi und noch Zwei für Deine zahlreichen Projekte.

Weitergehende Infos. www.knalltheater.de

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