Der heile Mensch ist nur eine Fiktion (Karsten Kruschel Interview)

auch schon in der Leipziger Internetzeitung:

Gut, ich gebe es zu. Science Fiction war in meiner Kindheit für mich Flucht in Abenteuer und fremde Welten. Klar doch, bei Dauerstubenarrest und Dauerverschwindenwollen – hervorgerufen durch zu viel aggressive Präsenz meines Vaters. Heut bin ich aber immer noch fasziniert. Und dies, obwohl ich nah an meiner Mitte bin, liebe, lebe und lache.

Grund genug mit dem derzeitigen Superstar der deutschen SF-Szene, Karsten Kruschel, über SF, über Espenhain, über den Leipziger Westen und übers Preiseeinsammeln zu reden:

 kruschel by vt

Weidmanns Heil, bester Karsten. Warum der Jägersmännergruß? Na, Du jagst ja geradezu nach Preisen. Letztes Jahr der Deutsche Science Fiction Preis 2010 für Deine VILM-Romane – und dieses Jahr greifst Du nach dem Kurd Laßwitz Preis. Wofür willst Du diesen denn? Für welche Geschichte – und was willst Du dann damit machen?

Es ist die Erzählung „Ende der Jagdsaison auf Orange“, die für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert ist. Lesen kann man sie in der Anthologie „Die Audienz“ aus dem Wurdack-Verlag. Dieser Band hat einen kleinen Rekord aufgestellt, denn außer meiner Geschichte sind noch vier andere aus dem Buch und dazu noch das Titelbild nominiert.
Eben gerade habe ich übrigens erfahren, dass diese Story auch auf der Auswahlliste zum Deutschen Phantastik-Preis steht. Da kann übrigens jeder mitmachen, der eine e-mail-Adresse hat… (www.deutscher-phantastik-preis.de) Alle abstimmen, bitte…
Was man mit so einem Preis macht…? Ich freue mich, dass die Arbeit anerkannt wird, und es hilft tatsächlich dabei, neue Leser zu gewinnen. Das habe ich 2010 deutlich zu spüren bekommen, als die beiden Vilm-Bücher völlig unerwartet den DSFP bekamen und beim KLP auf den dritten Platz gewählt wurden.

Gerade ist Dein neuester Roman GALDÄA. DER UNGESCHLAGENE KRIEG in den Regalen gelandet. Der brauchte ja recht lang bis zum ersten Kontakt mit der Leserschaft. Es gibt im Buch aber immer wieder Querverweise zu Kurzgeschichten aus den Achtzigern, die damals im Buch „Das kleinere Weltall“ veröffentlicht wurden. Warum denn jetzt dieser Schinken von Buch? Knapp 450 Seiten sind ja ein ganz schöner Batzen Papier.

In dem Erzählungsband damals war eine Story namens „Der galdäische Krieg“, die mir und auch etlichen Lesern lange nachging. Ich wurde immer wieder gefragt, ob es zu dem Thema nicht noch mehr gebe, was es mit den Galdani auf sich habe, warum sie das alles  mit sich machen lassen, und so weiter.
Die ursprüngliche Story handelte ja davon, dass die Vergangenheit eben alles andere ist als vergangen und erledigt. Beim Weiterspinnen der Geschichte begannen die Charaktere, sich als ähnlich doppelbödig zu entpuppen. Hinter der Oberfläche dieser Figuren kam einiges an Hinterland zutage, bis hin zu gespaltenen Persönlichkeiten. Der „heile“, mit sich im Einklang lebende Mensch ist eben nur eine Fiktion, eine Vereinfachung. Wer Masken lüftet und nachsieht, was da im Dunkeln kreucht und fleucht, erfährt auch Dinge über sich selbst, die er nicht wissen wollte.

Vor VILM gab es von Dir hauptsächlich Kurzgeschichte und wissenschaftliches Arbeiten zum Genre. Kurzgeschichten sind ja auch – wie nicht nur Asimov allerzeiten schrieb und sagte – das Grundgerüst der SF. Schreibst Du auch noch in der kurzen, punktuelleren Form?

Ja, keine Angst, ich werde sicher keine ziegelsteindicken Bücher am Fließband produzieren. Tatsächlich arbeite ich gerade an dem Roman „Vilm. Das Dickicht“, der wieder aus einer Reihe miteinander verknüpfter Erzählungen bestehen wird.
Außerdem sind einige Geschichten fertig oder in Arbeit, die sich zwischen Kurzprosa und Novelle bewegen. In denen geht es z.B. um Eiswelten, Froschprinzessinnen, aufständische Ozeane, Menschenzüchtung und Bombenattentate auf der Zeppelinlinie Danzig-Dresden.  

Im Feuilleton, in den einschlägigen Literaturzeitschriften, im TV & Radio – irgendwie reist die deutsche SF derzeit in unbekannten Weiten. Vampire flattern zuhauf. Feuchtgebiete werden erkundet – aber hochwertige SF scheint nicht wirklich in der Masse zu landen. Woran liegt es, was denkst Du?

Eine ganze Reihe von deutschsprachigen Bestsellern der letzten Jahre waren ja  SF-Bücher. Sie hießen nur nicht so… Andreas Eschbach, Dietmar Dath, Frank Schätzing, Thomas Thiemeyer waren mit Science Fiction erfolgreich, die als Wissenschafts-Thriller oder irgendwas anderes firmierten.
(Nebenbei: Auf meinen Büchern steht auch nix von SF drauf…)
Die enorm erfolgreichen, knallbunten SF-Filme von StarWars bis Avatar, die alle ohne nennenswert originellen Inhalt auskamen, dafür aber mit Schauwert punkten konnten, haben das Etikett SF mit dem „Hübsch-anzusehen-aber-doof“-Image versehen. Und der deutsche Markt ist derart so versessen auf Schubladisierungen, dass sich daran nur schwer was ändern wird.
Und das Feuilleton hat sich schon immer gescheut, etwas zu erwähnen, das Science Fiction sein könnte. Auch wenn Grass mal SF schreibt („Die Rättin“), oder ein anderer Literaturnobelpreisträger (Doris Lessing).

In einem Gespräch erwähntest Du mir gegenüber mal das Glück mit Herausgebern wie Armin Rößler & Heidrun Jänchen (Wurdack Verlag/ Die Audienz – Science Fiction Anthologie) gesegnet zu sein. Ist solch ein Team wirklich eine solche Seltenheit mittlerweile? Und wie weit beeinflussen die Beiden Deine Arbeit?

Das Team Jänchen/Rößler hat mit seinen Anthologien so viele Preisnominierungen eingeheimst (und ist dieses Jahr völlig zu Recht auch selbst für einen Sonderpreis nominiert worden), dass es sich um keinen Zufall mehr handeln kann. Sie haben in ihren Anthologien immer ein Auge auf die literarische Qualität der Texte. So kommt es dazu, dass auch Storys, die ohne knallige SF-Effekte, aber mit überzeugender Machart daherkommen, gedruckt werden und einen Preis abräumen – wie Ernst-Eberhard Manskis „Klassentreffen der Weserwinzer“ 2010 oder Frank Haubolds „Heimkehr“ 2008.
Armin und Heidrun können beide furchtbare Erbsenzähler sein. Ich liebe das. Sie markern mir jede winzigste Stelle an, die unklar oder zu verschroben ist. Manchmal diskutieren wir tagelang einen halben Satz, und manche Stellen in einem Manuskript – das wir uns als PDF hin- und herschicken – enthalten ganze Gespräche über Literatur.
Manchmal entstehen daraus auch Ideen für neue Geschichten. Die werden dann zwischen uns aufgeteilt.

Du lebtest ja auch einige Zeit hier in Leipzig – damals im trunknen Westen der Stadt. Gibt es noch Erinnerungen? Wie wars in den staubigen Straßen der Vorwende für Dich? Punkrock oder Nerd?

Eher Nerd. Mit einem in die DDR eingeschmuggelten Computer (ein Schneider CPC 6128) saß ich illegal in einer  leerstehenden Wohnung und bosselte  an  meiner Doktorarbeit – in der Lindenauer Wohnung war kein Platz mehr. Um die Ecke war Frau Grallerts Buchladen, der einem Bücher zurücklegte, die es eigentlich gar nicht gab. Dienstagabend besuchte man die Nachbarn, weil die einen Farbfernseher hatten, und guckte mit ihnen die wöchentliche Dosis „Dallas“. Am Wochenende wurde fröhlich im Schrebergarten gefeiert, der nur zehn Minuten weit weg war, an der Bahnlinie. In die Hochschule in der Karl-Heine-Straße konnte ich zu Fuß laufen, da gab’s im Park einen Hintereingang.
Den Dreck hat man als systembedingt gegeben hingenommen und Witze über „Industrienebel“ gerissen.

Espenhain galt einst als einer der dreckigsten Orte Europas. Nun lebst Du dort. Ist das die Lust des SF-Autors an Dystopia? Oder grünt und blüht es dort (Blühende Landschaften!) – und niemand kriegt es mit?

Es blüht. Und wie. Ich wohne ja nun mitten im Neuseenland, und von dem dystopischen Espenhainer Extremgasgemisch ist keine Spur mehr vorhanden. Leipzig ist zwanzig Minuten entfernt, Badestrände, Kanustrecke und der Trageser Aussichtsturm noch weniger. Und meine Joggingstrecke habe ich vor der Haustür.

In Magdeburg, dem Ort Deiner Aufwachszeit, sollst Du – laut Internetrecherche – auch mit dem Kabarett in Berührung gekommen sein. Was ist das denn für eine Geschichte?

Da war ich aktiv in zwei Kinder-Kabaretts, den „Kritiküßchen“ und den „Pfeffis“. Wir waren sogar „Hervorragendes Volkskunstkollektiv des Bezirkes Magdeburg“ und tingelten durch Kulturhäuser, Betriebsbühnen und Frauentagsfeiern. Mit Pianobegleitung, extra geschneiderter einheitlicher Bühnenkleidung und allem, was dazugehört. Bei dem Spruch „Wie schon Lenin sagte: Mährt euch endlich aus!“ gab’s dann sogar Ärger mit gewissen … Aufsichtspersonen, den unser Chef ausbaden musste.
Als ich dann auf die Erweiterte Oberschule kam und plötzlich was für meine Noten tun musste, habe ich mit der Bühne aufgehört.

Dein Vater Heinz Kruschel – er hat mittlerweile 32 Bücher veröffentlicht & tritt auch als Herausgeber hervor – ist auch kein SF-Verächter, denkt man nur an „Der rote Antares“. Gibt’s da einen Vater/Sohn-Wettstreit ums beste Stück Literatur?

Die Geschichte mit dem „Roten Antares“ ist inzwischen ein Running Gag. Mein Vater hat niemals auch nur einen Satz SF geschrieben, und der Titel bezieht sich auf ganz was anderes.
Das hat die Bibliografen nicht davon abgehalten, den Roman in allerlei SF-Listen aufzunehmen. Und da die alle voneinander abschreiben, ist diese Fehlinformation nicht aus der Welt zu kriegen – gerne kombiniert mit einer Verwechslung von Heinz Kruschel und Karl-Heinz Tuschel, der seinerseits tatsächlich einer der fleißigsten SF-Schreiber der DDR gewesen ist.

Zurück zur Grundsatzfrage. Hat SF derzeit noch solch eine Bedeutung, wie während der Zeit des „kalten Krieges“? Und wenn nicht – was ich glaube – wie kann SF wieder relevant werden? Solche Bücher, wie 1984 oder Schöne Neue Welt, aber auch die Werke von PKD, LEM oder Ursula K. Le Guins Planet der Habenichtse/ Die Enteigneten – solche Weltliteratur muss doch auch heutzutage schreibbar und fühlbar sein.

Ich glaube nicht, dass SF jemals irrelevant war oder werden wird. Für mich ist es einfach eine bestimmte Art, über die Wirklichkeit zu schreiben. Ebenso wie der Kriminalroman eine Art ist, die Realität literarisch zu gestalten („Schuld und Sühne“) oder die Kriegserzählung („Ein Menschenschicksal“) oder der Entwicklungsroman („Der Aufenthalt“).
Science Fiction bietet zusätzliche Möglichkeiten des literarischen Spiels, und kann auch zugleich Entwicklungsroman oder Krimi sein.
Viele Texte, die man vor der sogenannten Wende einseitig vor dem Hintergrund der ganzen  Kaltkriegshysterie gelesen hat, offenbaren heute ihre wahre Qualität. LeGuins „Planet der Habenichtse“ ist heute aktueller denn je. Bücher wie „Der Irrtum des Großen Zauberers“ (von den Brauns) sind von schreiender Brisanz – wenn man daran denkt, wie RTL, Sat1 und die Blödzeitung den Leuten jeden Tag die Birne geben, damit niemand den Weißen Blitz beachtet.

Am Donnerstag bist Du bei TANNERS TERRASSE zu Gast, meiner kleinen Literaturshow im HelHEIM in der Weißenfelser Straße im Leipziger Westen. Ein Heimkommen? Und dann gleich als Weltpremiere. Liest Du eigentlich oft? Und wenn Du liest, wo dann eigentlich? Auf Cons oder ganz normal als Lesung?

Eher selten, so zwei-, dreimal im Jahr. Die Weltpremiere bei Tanners Terrasse ist anno 2011 meine erste Lesung, dann kommt noch eine auf dem Lomnitz-Con (am 25. Juni, http://www.urania-dresden.de/sfclub/vorschau.htm) und im Herbst, wenn alles klappt, eine in den gebrauchten Ländern.
Und ja, ich freu mich aufs HelHEIM, zumal in meinen CD-Schränken auch einiges metalloid kracht.

Also ich freue mich. Es wird bestimmt ein toller Abend. Danke für das Gespräch, bester Karsten.

Immer gerne, Volly…

Karsten Kruschel, Weltpremiere GALDÄA – DER UNGESCHLAGENE KRIEG bei Tanners Terrasse, Donnerstag, 19.05.11; 20 Uhr, Helheim

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