Stinkende Kadaver und der Schrei eines zu Tode geängstigten Schweins (Interview mit Grincorefrontiererin Jana D. von EXZEM OBSTRÖS)

Dieser Beitrag erscheint im FRIZZ Leipzig (April 11) hier im WordPress die UNGEKÜRZTE VARIANTE:

Am 08. und 09. April fliegt in Connewitz die Subkultur unserer Stadt mit legendären Kapellen gegen zum Himmel schreiendes Unrecht an. Trash&Kult – zwei Nächte. Ray Voltez (Volly Tanner) hat es geschafft die Frontfrau der Grincorer EXZEM ÖBSTRÖS zum Interview zu nötigen, da Grindcore sich eigentlich normaler Presse völlig verschließt. Jana Domaratius heißt die junge Dame und sie hat Faszinierendes zu erzählen:

jana by volly 

 Du trittst mit Deiner Band EXZEM OBSTRÖS beim Trash&Kult-Festival im Orgasmatron auf. Ihr macht, wie auf den Flyern steht: GrindCore. Was soll das denn sein? Gegrunze, Geblautze & das Alles ganz schnell?

 Grindcore ist kein Schlager und schon gar kein Studentenrock. Der im weiteren Sinne aus dem Punkrock und Metal entstandene Grindcore mit seinen zumeist schnellen Riff-Wechseln und chaosartigen Musikstrukturen ist eine Form des musikalischen Protests. Er protestiert gegen wen er will und sicher nicht im Sinne des Verständnisses der gemütlichen Lagerfeuerromantik, sondern laut und martialisch. Wenn es beispielsweise gegen Massentierhaltung geht, wird auch von den stinkenden Kadavern gesungen und der Schrei eines zu Tode verängstigten Schweins wird dann als Intro vor die reudigste Proberaumaufnahme geschnitten, die man sich vorstellen kann. Krasse Musik arbeitet mit krassen Bildern und wer dazu neigt, allzu schnell kotzen zu müssen, wenn das gesagte mal eklig wird, der sollte froh über die gutturalen Gesänge sein.

Bei uns schwingt in den Seiten und am Schlagwerk auch gelegentlich ein klassisches Thrashmetal-Brett mit, was dem ganzen einen wunderbaren Vorwärtsdrive gibt. Deshalb bezeichnen wir uns auch gern als eine Thrash-Grind-Band, aber kurz gefasst ist es musikalisch betrachtet gegrunzt und geblautzt und kurz und schnell.

Beim Trash&Kult-Festival soll der Verein TARGET (Gegen weibliche Genitalverstümmelung) bebenefitzt werden. Weibliche Genitalverstümmelung? Erläutere es doch mal bitte auch denen hier, die ihre Nachrichten nur mit großen Bildern unterlegt konsumieren.

 Täglich werden 8000 Mädchen ihrer Genitalien und damit ihrer Würde beraubt. Das sind Eingriffe der brutalsten Art und Weise mittels alter rostiger Rasierklingen unter schlimmsten hygienischen Bedingungen. Die Schmerzen müssen unvorstellbar sein, denn das Ganze geschieht ohne Narkose. Oft fallen die Mädchen in Ohnmacht. Viele sterben durch Verbluten. Außerdem leiden die Frauen meist ihr gesamtes Leben unter den Folgen. Weltweit sind 150 Millionen Frauen betroffen. Dieses Verbrechen will TARGET als Menschenrechtsorganisation beenden. Neben Aufklärungsarbeit wird in Mauretanien ein Näherinnen-Projekt für arbeitslos gewordene Beschneiderinnen aufgebaut. Dafür verzichten wir gern auf unsere Gage.

Beim 2Tage-Festival treten ja auch richtige Legenden auf. Auf wen freust Du Dich persönlich am meisten? Und warum?

 Am meisten bin ich natürlich auf das Revival der legendären Connewitzer Kultband S.U.F.F. gespannt, die eigentlich seit 2004 als Projekt nicht mehr existiert. Immer wieder eine wahre Freude sind die Gigs der Punkband Der Schwarze Kanal. Dauerhaftes Kopfnicken im Zweivierteltakt und eine gutgelaunte tanzende Meute, welche die kompletten Texte immer wieder mitgrölt und scheinbar hofft, dass der Abend nie enden würde, sind da garantiert. Auch habe ich die Band Corz lange nicht mehr live erlebt, Trakoma als Deathmetalact dafür umso mehr, aber immer wieder gerne. Das letzte Konzert von Agent Krüger lass ich mir auch nicht entgehen. Wenn ich ehrlich bin, ich freu mich eigentlich richtig dolle auf dieses Event. Das Lineup garantiert an sich schon eine fette Sause und es werden viele bekannte Gesichter da sein.

Neben der Grinderei bist Du auch bei Radio Blau aktiv. Was machst Du denn da genau?

 Ich arbeite bei Radio Blau, das ist das nichtkommerzielle Lokalradio in Leipzig. Dort bin ich verantwortlich für die Presse- & Öffentlichkeitsarbeit und damit Kontaktperson für externe Medien als auch interne Kommunikation. Außerdem sorge ich dafür, dass unser Radioprogramm als monatlicher Programmflyer in den Kultureinrichtungen Leipzigs erscheint und in lokalen Medien aufgeführt ist. Leider läuft meine Stelle Mitte April aus. Aber ich werde Radio Blau erhalten bleiben und mache am 30.4. um 20 Uhr meine erste eigene Sendung mit dem Titel Kruste & Grinder. Schwerpunkt ist natürlich die Musik, die ich auch mache, Grindcore!

Es gibt Leute, die sagen: „Radio Blau – das ist doch dieser sächselnde unprofessionelle Haufen. Und die wollen Steuergelder? Die braucht doch keiner. Ich hab meine Sender, die ich höre.“ – Was entgegnest Du denen? Was ist die Relevanz des freien Radios?

 Über 150 Menschen mit unterschiedlicher Ausbildung, Herkunft und Tätigkeitsfeldern bringen ihre Interessen, Spaß, Freude und ihr Wissen in die Produktionen ein und arbeiten bei Radio Blau zusammen. Wir haben hier sogar Rentner, Migranten, einen Soziologieprofessor und sogar einen  Anwalt. Alle vereint ihr Hobby, nämlich den Äther Leipzigs bunter zu machen. Das sorgt für eine wunderbare positive Energie. Radio Blau ist nicht nur ein fester Bestandteil der Freien Szene von Leipzig, sondern trägt auch zum interkulturellen Dialog bei, fördert Kreativität, Medienkultur und Medienkompetenz und ist für viele Leipzigerinnen und Leipziger eine lokal-publizistische Alternative bei der Interviewte auch mal ausreden dürfen und nicht in ihren Aussagen beschnitten werden.

EXZEM OBSTRÖS nochmal. Was ist eigentlich der Grund für Grindcore? Gibts in dieser Subkultur eigentlich auch eine Erfolgsleiter? Irgendwelche Resonanz? Fliegende Unterhosen?

 Ich glaube, auf den großen Erfolg aus kommerzieller Perspektive dürften wir lange warten können. Erfolg wie man ihn allgemein versteht ist eines der Dinge derer man sich in dieser Szene konsequent verschließt, auch wenn es richtig große Bands gibt wie Terrorizer oder Brutal Truth oder Jig-AI zum Beispiel. Da ist Grindcore schon eine echte Sparte der Subkultur, die fernab vom Mainstream existiert. Wenn allerdings Frust, Unzufriedenheit und Unverständnis gegenüber den Entscheidungen der ausführenden Politiker immer mehr wächst, dann suchen auch mehr Menschen ein Ventil, diese zu kompensieren, und dafür ist der Grindcore mit seiner aggressiven harten Musik prädestiniert.

Danke für das Gespräch – und wir sehen uns auf jeden Fall im Krach.

 Ja, ich werde mir Mühe geben, dass es kracht.

Trash&Kult-Festival. 08. & 09. April; ORGASMATRON

Mehr Infos:

www.aboalsleben.de

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