Tanner trifft den Verleger, Mitmenschen und Freimaurer Bastian Salier: Sie verlegen Bücher? Und wovon leben Sie?

Am 22.09.2017 kam es in der Leipziger Georg-Maurer-Bibliothek zur ersten Veranstaltung der Reihe „#zweimenschen – ein Gespräch“. Tanner hatte sich dorthin seinen Freund Bastian Salier eingeladen, den er im Vorfeld, zur besseren Kenntnis, nach Interna abfragte. Da gerade auch dieses Interview allgemein zugänglich sein sollte, geschieht dies hiermit. Lest selber von Menschen. Lest von Meinungen. Und versteht. Besonders in diesen Zeiten.

Guten Tag, Bastian. Gib uns doch mal bitte einen Einblick in die Geschichte Deines Salier-Verlags – und wie Du zur Freimaurerliteratur gekommen bist.

Der Verlag wurde 1990 – noch in der DDR – von meinem Vater im südthüringischen Hildburghausen als Regionalverlag gegründet. Er hat vor allem heimatgeschichtliche Themen publiziert, die in dem grenzüberschreitenden thüringisch-fränkischen Raum damals Mangelware waren. 2006 habe ich mit meiner Frau in Leipzig den Verlag neu gegründet. Bis heute führen wir die regionalen Publikationen über Thüringen und Franken weiter, haben uns aber damals überlegt, welche Themen uns sonst noch interessieren könnten. So kam es zu spannenden Buchprojekten, zum Beispiel mit der Schriftstellerin Else Buschheuer, mit dem legendären Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach oder dem ehemaligen Chef der Berliner Archenhold-Sternwarte, Prof. Dieter B. Herrmann, der ein wunderbares Büchlein über Hanns-Eisler geschrieben hat. So schön diese Projekte waren, sind die wenigsten davon doch auch finanziell erfolgreich gewesen. Da uns bis dahin niemand außerhalb des regionalen Buchhandels kannte, war es einfach schwierig, die Titel auch überregional anzubieten. Deshalb haben wir uns irgendwann wieder auf unser eigentliches Feld zurückgezogen.

Eine Ergänzung ist seit einigen Jahren allerdings unser Programm mit freimaurerischer Literatur. Ein special-interest-Thema mit einer ebenfalls sehr kleinen, aber dafür klar umrissenen Zielgruppe. Das Thema hat mich schon seit meiner Jugend bewegt und fasziniert. Mein Urgroßvater war selbst Freimaurer, Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Seine Familie wohnte sogar im Logenhaus, mein Vater ist dort aufgewachsen. Ich habe als Kind bei meiner Oma im Schrank Geschirr gefunden mit rätselhaften Symbolen darauf. Das war Geschirr aus der Loge „Karl zum Rautenkranz“ in Hildburghausen. Sie war 1935 von den Nationalsozialisten verboten und aufgelöst worden. Die Einrichtung wurde beschlagnahmt. Das Geschirr bei meiner Oma war übriggeblieben. Ich habe mich dann aus historischem und journalistischem Interesse mit dem Thema Freimaurerei beschäftigt, auch ein Buch über die Geschichte der Loge meines Urgroßvaters geschrieben. Durch meine Recherchen bekam ich Kontakt zu Freimaurern in Leipzig. Mit 24 Jahren bin ich dann 1999 in der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ in Leipzig aufgenommen worden.

Bastian Salier (mit Gin), ein Mikro – und Volly Tanner. Beim Plausch. c/o Florian Hühn

Und Du selber? Deine Geschichte? Dein Sein?

Ich wurde 1975 in Hildburghausen geboren und bin nach dem Abitur und dem Zivildienst nach Leipzig gezogen, um Journalistik zu studieren. Das ist inzwischen auch schon wieder 22 Jahre her, seitdem lebe ich in Leipzig. Ich habe ein Volontariat beim MDR absolviert, arbeite seit dem Jahr 1999 als freier Journalist und bin seit 2006 im Nebenberuf Verleger.

Welche wirtschaftlichen & philosophischen Aspekte des Verlegens treiben Dich um. Wie schlägt man sich als „kleiner Spezieller“ so durch im großen Verlagsgeschäft?

Es gibt ja diesen berühmten Witz, in dem jemand gefragt wird: „Sie verlegen Bücher? Und wovon leben Sie?“ Ich kenne zumindest Phasen, in denen es mir auch so ging. Gerade die Anfangszeit war schwierig, obwohl wir ja einen schönen Vorlauf durch den Verlag meines Vaters hatten, der sich bereits 16 Jahre lang einen guten Namen erarbeitet hatte und im regionalen Buchhandel bekannt war. Daran konnten wir anknüpfen. Da wir für sehr spezielle Zielgruppen verlegen, kennen wir unsere Kunden und Leser sehr gut. Wir müssen nicht unbedingt im großen Literaturzirkus mitmischen. Wir können auch mal sehr kurzfristig ein Buch auf den Markt bringen und müssen uns nicht um halbjährliche Programme kümmern, sondern können ein bisschen freier agieren, als der sehr durchstrukturierte Buchmarkt es normalerweise zulässt. Diese Struktur ist allerdings auch ein Vorteil: Man kann als kleiner Verlag ohne große Zugangsvoraussetzungen mitmischen. Jedes unserer Bücher kann jederzeit in jeder Buchhandlung bestellt werden und ist am nächsten Tag beim Leser.

Findest Du Deine Autoren oder finden die Dich? Zum Beispiel: Kudernatsch & Helmut Reinalter?

Bisher haben die meisten Autoren mich gefunden. Mit André Kudernatsch zum Beispiel verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Wir haben beide für den MDR gearbeitet und ich war ein großer Fan seiner Bühnenshows in Erfurt und Leipzig. „Kudernatschs Kautsch“ hieß das, und wann man das irgendwann fehlerfrei aussprechen konnte, durfte man sich zu Andrés Freunden zählen. Irgendwann kam er zu mir und fragte mich, ob ich aus seiner monatlichen satirischen Kolumne in einem Erfurter Stadtmagazin nicht ein kleines Büchlein machen möchte. Daraus sind inzwischen drei überaus erfolgreiche Kolumnensammlungen geworden, mit so abenteuerlichen Titeln wie „Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena“. Du darfst zweimal raten, in welcher Stadt das Werk besonders gut angekommen ist.

Wir haben natürlich viele Thüringen-Autoren auch von meinem Vater „geerbt“. Die kannten mich als Lektor und Setzer in dessen Verlag. Und da sie sich damals schon gut aufgehoben fühlten, kommen sie halt immer wieder. Das sind inzwischen jahrzehntelange Verbindungen, auch zu Institutionen, Vereinen und Firmen.

Das Feld Freimaurerei hingegen haben wir in den vergangenen fünf Jahren wie kein anderer Verlag bearbeitet. Wir sind zu einer Zeit dazu gekommen, als es einfach brachlag und etliche Autoren mit sehr speziellen historischen oder philosophischen Werken nicht wussten wohin. Einige kannte ich bereits persönlich und wo wurde ich gefragt: „Sag mal, du hast doch einen Verlag …“

Inzwischen haben wir sehr namhafte Autoren im Programm, die auch außerhalb der Freimaurerei eine wichtige Rolle in der universitären Forschung spielen, wie den Kölner Soziologen Hans-Hermann Höhmann, den 2012 verstorbenen Frankfurter Philosophen Alfred Schmidt, dessen Schüler, Professor Klaus-Jürgen Grün, und den Innsbrucker Professor Helmut Reinalter, der einer der namhaftesten europäischen Forscher zu den Themen Freimaurerei und Verschwörungstheorien ist.

Neben dieser, oft recht schweren Kost gibt es aber auch ganz viel zur Erbauung, wie etwa Witze über Freimaurer, die sind übrigens ein Dauerbrenner, Gedichte oder fein ausgestattete Text-Bildbände.

Was fehlt Dir im hiesigen Literaturbetrieb? Und was fehlt auf dem Buchmarkt?

Auf dem Buchmarkt fehlt rein gar nichts, wie ich finde. Mit etwa 100.000 Neuerscheinungen pro Jahr ist der deutschsprachige Raum wirklich überaus reich gesegnet. Da fällt es dem Leser eher schwer die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist vielleicht das größte Problem: Unerquickliche Promibiografien, unnütze Ratgeber und strickmusterhafte Krimis verstopfen die Bestsellerlisten.

Ich gebe unumwunden zu, dass ich bei meinen regelmäßigen Streifzügen durch Buchhandlungen von schweren Beklemmungen heimgesucht werden. Noch schlimmer ist es auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. Das sind tolle Veranstaltungen, aber ich brauche Tage um mich zu erholen und mir einzureden, dass ich ja gar nicht alles lesen muss. Und beim genaueren Hinsehen, wenn sich die Aufregung gelegt hat, bleibt gar nicht mehr so viel übrig, was ich tatsächlich dann selber kaufe und lese.

Und was kannst Du nicht mehr sehen? Gibt es überhaupt Bücher/ Literatur, die Dich nerven?

Ich lese ja im Grunde jeden Fetzen Papier, der mir in die Finger kommt, weil ich immer glaube, ich würde sonst was verpassen. Sogar Beipackzettel. Leider muss man als Lektor und Verleger ganz viel Korrektur lesen, dafür geht eine Menge Zeit drauf. Und als Journalist lese ich von Berufs wegen auch unheimlich viel, was ich sonst vielleicht eher nicht angefasst hätte.

Ich finde aber überhaupt nichts überflüssig. Jedes Buch, das erscheint, ist ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie, zur Meinungs- und Pressefreiheit, zur Freiheit überhaupt. Das klingt pathetisch, aber das gilt für Astrid Lindgrens „Niemals Gewalt!“ genauso wie für „Weber’s Grillbibel“.

Sobald die Vielfalt der Meinungen eingeschränkt ist und irgendjemand erklärt, dass nur noch Bücher mit bestimmtem Inhalt veröffentlicht werden dürfen, wird es gefährlich. Als Jugendlicher in der DDR hätte ich gerne mehr Karl-May-Bücher gelesen. Gab es aber nicht.

Entscheidend ist, dass Menschen mit der angebotenen Vielfalt umgehen können. Und das ist eine Frage der Bildung. Auch eine Frage der Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen.

Da fällt mir ein, es gibt doch etwas, was mich tierisch nervt und was verboten gehört: Lieblos gemachte Kinderbücher. Da werde ich richtig zornig.

Was denkst Du, kannst Du erreichen, mit Deiner Arbeit?

Darüber habe ich mir bisher gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich mache die Dinge, von denen ich überzeugt bin, die mir wichtig sind, die ich vertreten und die ich finanziell verkraften kann.

Viele Projekte, die ich gerne machen würde, stellen sich als nicht finanzierbar heraus, dann muss man es halt lassen. Es bringt ja nichts, wenn man wegen eines Projektes verlegerisch komplett baden geht, dann kann man am Ende gar nichts mehr machen.

Wieviele ich womit erreiche, sehe ich am Ende an den Verkaufszahlen und manchmal gibt es freundliches Feedback oder auch Kritik. Und schon geht’s weiter.

Die humanistischen Werte der Freimaurer – welchen Stellenwert haben diese in der heutigen Gesellschaft?

Es gibt ja fünf grundlegende Begriffe, die den Kern der Freimaurerei bilden: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenliebe und Toleranz. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, dem die Freimaurer weltweit verpflichtet sind. Auch wenn es mathematisch gesehen ein schiefes Bild ist: Das ist schon ein recht großer Nenner. Diese Werte sind in der Zeit der Aufklärung relevant geworden. Wenn ich jetzt mal glattweg behaupte, dass sie bis heute von allergrößter Bedeutung sind, klingt das vielleicht etwas phrasenhaft, ein bisschen „gutmenschelnd“. Aber es ist meine volle Überzeugung, dass wir gar keine andere Wahl haben, als uns zusammenzuraufen und Humanismus und Humanität wichtig zu finden. Es ist die Grundlage menschlichen Zusammenlebens, Gewalt und Krieg zu vermeiden und sich nicht gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Wenn die Menschheit überleben will – und danach sieht es im Augenblick nicht so ganz aus – müssen wir miteinander reden, nicht übereinander. Die Aufklärung ist längst nicht abgeschlossen, ich bin überzeugt, wir brauchen so etwas wie eine zweite Aufklärung. Und hier kann Freimaurerei eine ganze Menge leisten, wenn sie sich stärker der Gesellschaft zuwendet, womit sie allerdings traditionell ein wenig Probleme hat.

Demokratie scheint schwer aushaltbar. Warum drängt es so viele Menschen weg davon? Zu kompliziert? Was denkst Du?

Natürlich ist Demokratie kompliziert, aber nur für diejenigen, die sich auch für sie engagieren und die den gesellschaftlichen Diskurs ernsthaft befördern wollen. Man kann sich nämlich auch wunderbar zurücklehnen und mit der Bierflasche in der Hand darüber meckern, was alles so schiefläuft. Dann ist Demokratie überhaupt nicht kompliziert, sondern schön einfach. Niemand wird einen deshalb wegsperren. Im Gegenteil, man wird richtig ernst genommen und darf sich als „besorgter Bürger“ betrachten.

Demokratie hat leider die Eigenschaft, die einzige Gesellschaftsform zu sein, die sich qua Mehrheitsbeschluss selbst abschaffen kann. Das war ihr Schicksal in der Weimarer Republik, das erleben wir gerade in der Türkei.

Demokratie lebt vom Zuhören, vom Lernen, von der Toleranz und der Akzeptanz, von komplizierten Diskursen – das ist in der Tat nicht einfach, aber notwendig.

Dem Freimaurertum sagt der Volksmund eine gewisse Geheimniskrämerei nach. Nun wissen wir beide, mit dem GEHEIMNIS ist etwas anderes gemeint als einfache Verschlossenheit. Nun bringst Du Bücher über die Freimaurer heraus. Ist das kein Widerspruch?

Freimaurer sind Geheimniskrämer – und mir gefällt das sehr gut. Das hat mit Vertrauen zu tun, mit einem Raum, in dem Freundschaft und Brüderlichkeit in einer diskreten Atmosphäre gepflegt wird. Hier kann man zuhören und diskutieren, an seiner eigenen Persönlichkeit arbeiten, ohne Rechenschaft darüber ablegen zu müssen. Man muss aus Diskussionen nicht als Sieger hervorgehen. Der Freimaurer G. E. Lessing hat das als „Laut denken mit dem Freunde“ bezeichnet. Es gibt das Symbol des „rauen Steins“, an dem der Freimaurer arbeitet. Und gemeint ist der „raue Stein“ der eigenen Persönlichkeit, der geformt werden soll. Aber jeder arbeitet an seinem eigenen Exemplar und klopft nicht pausenlos am Stein seines Mitbruders herum. Diese Diskretion und dieses Miteinander schätze ich sehr.

Dass ich Bücher verlege über die historische Bedeutung der Freimaurerei, über einzelne philosophische Fragen oder auch über das heutige Selbstverständnis des 300 Jahre alten Bruderbundes sehe ich überhaupt nicht als Widerspruch. Damit bin ich auch nicht der Erste. Bücher von Freimaurern, für Freimaurer, über Freimaurerei gibt es seit 300 Jahren und füllen riesige Bibliotheken. Meine Leipziger Loge besaß bis zu ihrer Auflösung durch die Nazis 1935 geschätzt 10.000 Bände zu diesem Thema.

Bist Du selber Freimauer? Und wenn ja wo und welchen Grades?

Ich bin 1999 in die Leipziger Freimaurerloge „Minerva zu den drei Palmen“ aufgenommen worden, in der sich im Laufe von 276 Jahren ihrer Geschichte eine Menge interessanter Persönlichkeiten tummelten. Zum Beispiel Samuel Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie, mit dem ich aus heutiger Sicht gerne mal ein ernstes Wörtchen reden würde. Außerdem der Schriftsteller und Bildhauer Kurt Kluge, der Künstler Adam Friedrich Oeser, der Arzt Moritz Schreber oder der Verleger Anton Philipp Reclam und viele mehr.

Die Loge gehört zur Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschland, die insgesamt etwa 10.000 Mitglieder umfasst. Seit zwei Jahren bin ich Redakteur der zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift „Humanität“, die einerseits Mitgliedermagazin dieser Großloge, andererseits aber auch frei abonnierbar ist. So viel zum Thema „Geheimniskrämerei“.

Es gibt zudem die deutschlandweite Forschungsgesellschaft „Quatuor Coronati“, die sich mit historischen, soziologischen und philosophischen Fragen rund um die Freimaurerei befasst und eine Schnittschnelle zur universitären Forschung bildet. Dort bin ich als Vorsitzender für Sachsen zuständig.

Was möchtest Du noch mit im Beitrag erwähnt wissen?

Nichts. Danke!

Salier-Verlag im Netz:

https://salierverlag.de/

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