Am Ende (Interview mit Jan Off)

erschien schon im FRIZZ LEIPZIG:

Das letzte Wort in diesem Monat hat Jan Off. Der über die Jahrtausendwende in Leipzig sesshafte Neu-Hamburger Literat gewann alle wichtigen Slam-Preise, erfüllte sein Soll im Bücherschreiben grandios über und gilt als der Bulldozer des deutschen Literaturbetriebes. Im März tritt er am 16. im Skorbut Leipzig und am 17. im Horns Erben, zusammen mit Mieze Medusa und Markus Köhle, auf:

Jan Off, bitte vollenden Sie folgenden Satz: An Leipzig hat mich in letzter Zeit besonders aufgeregt, dass…

im Stadtteil Connewitz unter der Gegnern der sogenannten Gentrifizierung offenbar ein hässlicher Streit ausgebrochen ist. Und das, obwohl selbst schlichte Gemüter doch mittlerweile begriffen haben müssten, dass der Kampf gegen die Verdrängung alteingesessener Bewohnerschichten nur ein Mittel kennt, nämlich das Vortäuschen rasch um sich greifender Verwahrlosung. Also öfter mal ein paar Kampfhunde aus dem Tierheim entliehen, den Urin befleckten Jogginganzug angelegt und mit grimmigem Blick und einer Flasche Goldbrand in der Linken schön die Karl-Liebknecht-Straße rauf und runter, dann klappt es auch wieder mit der Abwertung des Viertels. Grundsätzlich regt mich an Leipzig auf, dass es deutlich zu weit von Hamburg entfernt liegt, um mal eben rüberzusegeln und mit alten Freunden im Könich Heinz ein paar Halbe zu verarzten.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, was würden Sie ändern in Leipzig und wie?

So ich denn einen Feenstab in die Hand gedrückt und das entsprechende Krönchen aufs Haupt gesetzt bekäme, würde ich in Leipzig zuallererst einmal das umsetzen, was die OFF, also die Organisation freier Feen bereits im Jahr 2011 für den gesamten Planeten beschlossen hat, nämlich eine radikale Angleichung der materiellen Lebensumstände. Beginnen ließe sich sicherlich mit der Vergesellschaftung von Wohnraum und der Abschaffung des Kontrolleurwesens in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daneben gälte es, den ehemaligen Oberbürgermeisterkandidaten V. Tanner endlich mit dem von ihm geforderten UFO-Landeplatz in der City zu beschenken, das NPD-Büro in Lindenau zur Kläranlage umzugestalten und dem Internationalen Rotzlöffeltum für seinen nimmermüden Einsatz zum Wohle der Stadt das Recht zu verleihen, überall und zu allen Zeiten schalten und walten zu können, wie es ihm beliebt.

Wie würden Sie Unwissenden Leipzig beschreiben?

Unwissende würde ich dazu anhalten, bei schönem Wetter vom Hauptbahnhof zum Clara-Zetkin-Park und von dort aus in den Auenwald zu traben. Wer diesen Weg einmal gegangen ist, wird sich hinfort mit der Frage beschäftigen müssen, warum Städte wie Frankfurt, Berlin oder München nicht schon längst entvölkert sind. Wenn derjenige dann auch noch entdeckt, mit welcher Wucht Leipzigs subkulturelle Elemente nach wie vor daran arbeiten, der Alltagswirklichkeit ein paar Feierschichten abzuringen, werden ihm ob der verschwendeten Jahre im, sagen wir: Großraum Stuttgart gewiss die Tränen kommen.

Welcher Ort in Leipzig ist Ihnen der Liebste?

Es war mir immer ein Fest, mich während des WGTs in den eben erwähnten Park zu begeben und dort im Kreise meiner Freunde die verschiedenen Kostümierungen zu benoten, in deren Ausgestaltung die Besucher des Festivals häufig ganze Wochen an Lebenszeit gesteckt zu haben schienen. Auch das Käseschnitzel bei Frau Krause habe ich noch lebhaft in Erinnerung. Nichtsdestotrotz würde ich mich im Rahmen einer Zeitreise als erstes zu den Hanfplantagen bringen lassen, von denen es zu Beginn der Neunziger Jahre in Connewitz wohl so einige gegeben haben muss. Deren Ausmaße erinnern, zumindest auf den Fotos, die man mir gezeigt hat, in Höhe wie Breite an alte Plattencover von Peter Tosh und stehen somit für eine Phase der Stadtentwicklung, in der die staatliche Kontrolle im Vergleich zu heute ein Schattendasein geführt hat.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Pläne & Visionen haben Sie persönlich?

Es ist mein fester Wunsch und Wille, auf der Bühne erst dann wieder folkloristisch anmutende Tänze zur Aufführung zu bringen – wie einstmals im UTC geschehen -, wenn mir der Papst die Kardinalsweihe anbietet. Heiland, dieses völlige Versagen der Eigenkontrolle, das selbst mit dem Begriff „Übersprungshandlung“ nur bedingt entschuldigt werden kann, ist mir noch immer derart peinlich, dass ich in Leipzig wahrscheinlich nur noch mit Bart, Brille und Burka auftreten werde – zumindest bis zum Ende des aktuellen Jahrzehnts.

Worauf freuen Sie sich in der nächsten Zeit?

Auf eine Phase der Ausschweifungen und des künstlerischen Müßiggangs.

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