Tanner trifft Tarcy Mirinda von The Heroine Whores: Die eigene Wut und der Ärger.

Seit Jahren verfolgt der Tanner The Heroine Whores, hin und wieder sogar auf den Bühnen dieses Universums. Und da Tarcy, die Fronistin der Herde, auch etwas zu sagen hat, redet Tanner gern mit ihr. Zum Beispiel über die nächsten Monate und den Grunge:

Highhow, beste Tarcy. Du bist die Frontistin der Grunge-Band THE HEROINE WHORES. Grunge? Ist das nicht echt schon durch?

Eigentlich ist es schon eine Musikrichtung aus den 90er Jahren, aber Grunge erlebt ein wahres Revival! Man sagt ja, aller 20 Jahre kehren „Trends“ zurück. Sowohl in Mode, Film als auch in Musik. Ich merke das zurzeit sehr stark beim Organisieren des Grungopalooza-Festivals, das es mittlerweile seit 2011 gibt. Durch gesteigerte Onlinepräsenz des Festes gibt es zahlreiche Anfragen von Grungebands aus ganz Deutschland, Österreich, Frankreich und sogar aus UK. Grunge repräsentiert eben etwas sehr Zeitloses: Hoffnungslosigkeit, Wut und innere Anspannung der Jugend und diese taucht immer wieder vom Untergrund auf. Außerdem gibt es zurzeit, wie auch in den 90ern wieder den krassen Gegenpol zur Rockmusik in den Charts: Dance, Techno, Pop.

THW. Seit Jahren auf dem Weg zu Dir. c/o THW18

Ihr seid fleißig am Touren – Amerika, Europa, die hiesigen Länder … könnt Ihr davon leben?

Davon leben können wir bislang noch nicht. Obwohl es uns seit 2009 gibt, kämpfen wir immer noch im Underground (lacht). Jeder von uns geht einem Beruf nach und finanziert sich so seinen Lebensunterhalt. Viele Newcomerbands geben nach 1 bis 3 Jahren bereits auf, weil es einfach ein sehr zeitintensives und anstrengendes „Hobby“ ist. Man muss viel Kraft, Zeit, Geld, Hoffnung und vorallem harte Arbeit investieren und wird meist nur mit klitzekleinen Fortschritten belohnt. Man muss sich mit anderen Bands verknüpfen und so eine starke Gemeinschaft bilden. Ohne die Hilfe anderer Bands hätten wir unsere Tourneen niemals umsetzen können! Wir sind auf jeden Fall sehr dankbar dafür, wie sich unsere Band entwickelt. Man muss die Musik als Lebensinhalt wählen, um so lange durchzuhalten. Und vielleicht wird man am Ende sogar irgendwann dafür belohnt. Nur aufgeben darf man nicht.

Ich weiß ja, was Ihr so macht, liebe Tarcy – aber unsere Leserschaften nicht unbedingt. Kannst Du das vielleicht ein bissel erläutern? Krach? Zorn? Liebeslieder?

Die Heroine Whores haben früher ganz viel Krach und Zorn mit 3 – 4 Akkorden verfabriziert. Inzwischen haben wir uns weiterentwickelt und bringen auch mehr Feingefühl und Abwechslung in die Musik. Aber im Grunde sind wir uns treu geblieben, gemäß dem Schema leise – laut – leise – laut, Gesang – Geschrei – Geschrei und Lärm. Vieles sind persönliche Gefühle oder Erlebnisse, die in den Songs verarbeitet und eingeflochten werden. Aber natürlich kommen auch andere Menschen zu Wort. Geschichten, die man gehört oder gelesen hat, in dessen Perspektive man sich hineinversetzen kann, spielen zunehmend eine tragende Rolle.

Und es entsteht doch bestimmt nicht wie in der Popindustrie am Fließband Musik und Texte. Wie ist denn bei Euch der Schaffensprozess?

Genau. Es gibt Phasen, in denen Melodien und Texte nur so aus dem Kopf strömen und andere Phasen, in denen es nicht so gut läuft. Von 2011 – 2014 haben wir jedes Jahr eine neue CD veröffentlicht, dann wurde es ein paar Jahre ruhig um uns. Dies war vor allem unseren zeitaufwendigen Jobs geschuldet. Dann haben wir uns davon befreit, Jobs gefunden, die sich zeitlich besser mit der Band vereinbaren lassen und siehe da – 2016 eine US-Nordwesten Tour, 2017 eine neue Bassistin, Aufnahme einer neuen EP plus anschließender Veröffentlichung und eine Deutschlandtournee im Februar 2018. Da sieht man wieder, was der Unterschied zwischen Underground- und Mainstreammusikern ausmacht. Bei den einen muss sich der Musiker leider manchmal dem Job beugen, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können und bei zweiterem ist die Musik der Job und Lebensunterhalt und man kann frei über kreative Schaffensphasen verfügen.

Gibt es eigentlich frisches Albenfutter? Und wenn ja, wie regelt Ihr den Verkauf? Grunge gibt es ja bestimmt nicht im Media-Markt oder bei Saturn? Oder doch?

Ja, wir haben im Oktober 2017 eine neue EP namens „Moldy Skin“ mit 7 Songs veröffentlicht. Produziert und vertrieben wird weiterhin im DIY-Stil. Das ist einfach die beste Art und Weise als Untergrundband an diese Sache heranzugehen, wenn man sich nicht irgendeinem Vertriebsmanagement unterwerfen und Rechte abtreten möchte.

Du bist gemeinsam mit Deinem Martin schon von Anfang an bei THW. Nur die dritte Position wechselt gerne. Warum? Und wer ist denn derzeit die Dritte im Bunde?

Ja, das stimmt. In den meisten Bands, mit denen wir in den letzten Jahren zusammen gespielt haben, gibt es immer eine Position in der Band, die ständig ausgewechselt wird. Bei manchen ist es der Drummer der nie passt, bei anderen der Leadgitarrist und bei uns ist es eben die Bassistin. Keine Ahnung warum, es war bisher immer der Wurm drin, entweder wegen musikalischer oder persönlicher Differenzen oder einfach, weil es zeitlich nicht mehr gepasst hat. Wir sind immer viel unterwegs, auf Tour oder einzelnen Shows, wenn wir nicht gerade eine neue CD aufnehmen oder ein neues Musikvideo drehen. Es gibt immer was zu tun! Viele haben halt andere Prioritäten, als so viel Zeit in eine Band zu investieren. Seit 2017 haben wir endlich eine Glückssträhne mit unserer wundervollen neuen Bassistin Eli Tsorn. Sie kennt das Undergroundbusiness, da sie bis 2014 bereits in einer Postgrungeband gespielt hat und auch schon seit mehreren Jahren selbst Dark Elektro Musik produziert und damit regelmäßig deutschlandweit Gigs hat.

Ist Grunge eigentlich noch politisch? Und wenn ja in welche Richtung?

Ich denke eher, dass Grunge noch nie wirklich politisch war. Er ist mehr auf das eigene Selbst und persönliche Schicksale fokussiert, die durch Politik beeinflusst sind. Dennoch bietet Grunge natürlich jederzeit einen riesigen Stinkefinger gegen das Establishment, sowie homophobe, sexistische und rassistische Arschlöcher.

Was wollt Ihr ganz konkret erreichen mit Eurer Musik?

Es gibt verschiedene Ziele, die wir anstreben. Zuerst einmal natürlich Musik machen der Musik wegen, weil es Spaß macht, einen mitreißt und eine lebenslange Leidenschaft ist. Die eigene Wut und der Ärger können hinausgeschrien werden und man hofft, Gleichgesinnte zu treffen, denen es genauso geht aber auch andere mit der Musik zu motivieren, weiterzumachen. Zudem wollen wir mehr Frauen dazu ermutigen, ein Instrument zu spielen und sich zu trauen, auf einer Bühne zu stehen. Leider ist der Anteil an Frauen im Rockbusiness noch sehr gering. Wir möchten die Gesellschaft aufrütteln, Kunst kreeiren und natürlich Abwechslung in die Musikszene bringen. Wir wollen weiter durchstarten, weiter die Welt bereisen, z.B. als nächstes 2019 eine UK-Tournee unternehmen. Das letztendliche Ziel dieser Band wäre dann, davon leben zu können.

Du studierst ja auch Amerikanistik. Wann geht’s denn nun nach den USA zum Leben? Und was ist der Grund?

Ja das stimmt. Mal schauen, wann es uns in die USA verschlägt. Gründe sind zum einen die sehr aufgeschlossene alternative Musikszene, Freunde, die wir dort haben, die Schönheit der USA und die Faszination der Weite und Möglichkeiten, die sie auf uns ausübt.

Ist Europa noch zu retten?

Europa wäre noch zu retten, übrigens aus amerikanischer Sicht, wenn es sich zusammenreißen und einen großen gemeinsamen Staat bilden würde. Doch politisch und menschlich splittert es immer mehr auseinander. Der „rechte Ruck“, den wir leider alle miterleben müssen, wird uns am Ende noch Kopf und Kragen kosten.

Demnächst tourt Ihr Leipziger Clubs ab. Erzähl mal bitte mehr.

Genau! Nachdem wir in den vergangenen Monaten mehr außerhalb unterwegs waren, kehren wir nun mit einigen Shows nach Leipzig zurück. Das erste findet am Dienstag, den 3.4. in der Moritzbastei statt, da supporten wir IDestroy, eine All-Grrrl-Band aus UK. Weiter geht es mit dem 14.4. in der Libelle, 25.5. in der Kulturlounge und das Highlight am 15.und 16. Juni mit dem Grungopalooza Festival im MVB. Natürlich haben wir auch wieder einige Auswärtsspiele: am 28.April in der Unanbeatbar Schwarzenberg, vom 10.-12. Mai spielen wir Auftritte in Österreich mit unseren guten Freunden von I´m A Sloth, gefolgt von einem Auftritt beim Rock Against Racism Festival in Bayreuth am 2. Juni und beim Halden Festival am letzten Juniwochenende. Du siehst also, wir sind wieder sehr beschäftigt!

Danke, Tarcy, für Deine Antworten.

https://www.facebook.com/HolySluts90s/

https://www.reverbnation.com/theheroinewhores

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