Tanner trifft M.Kruppe, den Mann hinter der „Nacht der Legenden“: Abgründe und Lichtmomente.

Tanner trifft Kruppe sowieso hin und wieder. Sind sie doch befreundet und auf ähnlichen Bühnen zu Gast. Nun hat der Kruppe auch noch Tanners Helden zusammengemixt: SANDOW und The Russian Doctors – diesmal mit dem heldenhaften Schlagwerker Jeans am Schlagwerk, bekannt von Verbrannte Erde und den Fliehenden Stürmen. Da muss natürlich nachgefragt werden:

Volly Tanner: Kollege Kruppe. Fein, Dich zu treffen. Du bist gerade dabei in der kulturellen Diaspora eine „Nacht der Legenden“ zu initiieren. Hut ab dafür. Du könntest ja auch entspannt angeln gehen. Eisangeln. Was treibt Dich ins Risikogeschäft?

M.Kruppe: Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits ist so, dass gerade in der ländlichen Gegend Südostthüringens nicht viel los ist und es im Grunde viel mehr Menschen braucht, die den zugegeben etwas wahnwitzigen Idealismus besitzen, mal etwas zu wagen. Davon profitieren ja dann auch alle anderen. Außerdem bin ich ein eher bequemer Mensch und frage mich immer: fahre ich auf ein Konzert, nehme Weg und Fahrtkosten in Kauf, trinke lieber keinen Alkohol, dass ich wieder nach Hause komme, oder veranstalte ich vielleicht selber was, hole mir quasi das, was ich an Bands und Autor*innen gerne sehen würde, zu mir. Und das ist dann auch der dritte und eher egoistische Grund: warum soll ich weit fahren, wenn ich selbst veranstalten kann und damit gleichzeitig das mangelhafte Kulturleben in der heimischen Region bereichere.

M.Kruppe mit Mikro. by Lucian Streit

Volly Tanner: Wer ist denn mit im Boot und wieso eigentlich?

M.Kruppe: Im Boot ist die Leipziger Kult-Formation The Russian Doctors. Doch nicht nur als Duo mit der schnellsten Akkustik-Gitarre unseres Sonnensystems, wie sie selbst sagen, sondern mit dem Drummer, der nicht minder legendären Band Fliehende Stürme. Jeans, der in Leipzig lebt, stieß irgenwann auf Makarios Oley und Dr. Pichelstein, oder war es andersrum? … und so entwickelte sich der Gedanke, aus dem Gitarriero Pichelstein und der Stimme Makarios ein wahrhaftes Trio Infernale zu formen, das aus der Musik ein Punkrock-Gewitter macht, das sich gewaschen hat.

Außerdem, und das war der Urgedanke, sind Sandow mit von der Partie. Die aus Cottbus stammenden Punks sind längst kein Geheimtipp mehr. Waren sie zu DDR Zeiten schon nicht und spätestens mit dem Song „Born in the GDR“ der eine Antwort auf Bruce Springsteens „Born in the USA“ sein könnte, dürfte eingefleischten Freunden des Punks Sandow nicht nur ein Begriff, sondern auch eine Erinnerung an eine ganz besondere (Wende-) Zeit sein.

Die Rock-Doku „Flüstern und Schreien“ tat ihr Übriges, neben Feeling B und anderen, auch Sandow bekannt zu machen. Und das ist Clou des Abends, denn wir beginnen mit eben jener Doku und obendrein ist der Regisseur Dieter Schuhmann anwesend, der im Anschluss an die beiden Teile zusammen mit dem Sandow-Frontmann, der nebenbei bemerkt, ein großartiger und vielschichtiger Künstler ist, in einer Podiumsdiskussion etwas zu Doku selbst und ihrer Entstehung berichten wird.

SANDOW kämpfen sich durch die kulturelle Wüste. by Sandow

Volly Tanner: SANDOW sind ja nun nicht unbedingt die Wildecker Herzbuben. Hin und wieder sind sie eher KORN und Einstürzende Neubauten, gespickt mit kryptischen Texten. Wie gerät Dein Herz an die Cottbuser Jungs?

M.Kruppe: Das ist keine lange Geschichte. Anfang der Neunziger stieß ich irgendwo auf den Sampler „Schlachtrufe BRD“. So kam ich zum Punkrock und eines Tages viel mir „Stachelhaut“ von Sandow als feine Amiga-Pressung in die Hände. Mit den ersten Klängen hatten sie mich, denn das war ein bisschen mehr als „nur“ Punkrock. Das war subversive Kunst. So sah ich das damals freilich noch nicht. Irgendetwas hatte dieses Album, das mich begeisterte. Da waren Hörspiel-Elemente, da waren fette Gitarrensounds, da war Punk und Lyrik, da waren Abgründe und Lichtmomente. Für mich sind Sandow bis heute eine einzigartige Formation, die den Begriff „Band“ weniger verdient, als ich sie eher „Kollektiv“ nennen würde.

So hängen die Ankündigungen in der Welt. by Kruppe

Volly Tanner: Und wo findet es dann statt?

M.Kruppe: Am 10. März 2018 findet die „Nacht der Legenden“ statt. Um 17.30 Uhr gehts mit dem Film „Flüstern und Schreien“ los. Dann spielen die Doctoren, bevor es dann heiß und kalt, laut und leise wird, wenn Sandow die Bühne betreten. Das ganze findet im WOTUFA Saal in Neustadt an der Orla statt, einer Location, die ebenfalls Kult-Charakter hat.

Volly Tanner: Nun ist Neustadt an der Orla nicht Berlin, schon von den Publikumsstrukturen aus betrachtet. Leben dort genug Enthusiasten, um den Laden voll zu machen? Deine Legenden sind ja nicht ohne Grund Legenden, sie haben es ja geschafft, über Dekaden an Jahren immer wieder ihren Zugang zum Massemarkt zu verrammeln.

M.Kruppe: Das ist beides sehr richtig. Ich will nun die Region nicht runterreden, schließlich habe ich mich 2012 nach vier Jahren in Leipzig entschieden, zurück in die „Heimat“ zu gehen, um hier die Kulturszene ein bisschen aufzumischen. Und ja, es ist ofthin nicht leicht, Enthusiasten wie du es nennst, zu versammeln, die einerseits gezeigt kriegen, dass stetes Schimpfen, dass nie etwas los sei, weniger etwas bringt, als den Versuch zu unternehmen, etwas auf die Beine zu stellen und andererseits auch dann den Allerwertesten hoch kriegen, WENN schon mal etwas los ist, dann auch da hin zu gehen. Durch meine Arbeit als Veranstalter in dem Projekt „Pößneck Alternativer Freiraum“ habe ich schon viel erlebt. Viele Enttäuschungen, aber auch viele positive Überraschungen. Sicher leben hier viele Leute, die genau diese Veranstaltung feiern werden, aber ich baue da auch ein bisschen auf den „Kultur-Tourismus“ aus überregionalem Einzugsgebiet, denn eins steht fest: Dieser Abend ist für unsere Region definitiv einzigartig!

Die Drei von der Trankstelle: THE RUSSIAN DOCTORS (mit Jeans) by Frank Förster

Volly Tanner: Mit Dieter Schumann hast Du einen der Macher von „flüstern und schreien“ dabei. Was macht der denn eigentlich heute?

M.Kruppe: Dieter Schuhmann macht immer noch Filme. Gerade hat er seine sehr interessante Doku „Neben den Gleisen“ fertiggestellt und stellt diese in ausgewählten Kinos und Locations vor. Es ist also kein Zufall, dass er am Vortag im nicht weit von Neustadt gelegenen Pößneck, wo ich auch lebe, mit eben diesem Film zu Gast sein wird. Das Ganze findet im Freiraum Pößneck statt. 20.00 Uhr gehts los. Man hat also gleich zwei Mal die Möglichkeit, Dieter Schuhmann zu treffen und zwei seiner Werke zu erleben.

Volly Tanner: Präsentiert wird der Abend von einigen Akteuren der Szene. Beginnend von der derzeit im Straucheln agierenden M&R bis hin zum Wodkartell. Erzähl mal bitte etwas zu den Mitgestaltenden.

M.Kruppe: M&R bzw. die TAZ haben das aktuelle Album von Sandow „Entfernte Welten“ mitfinanziert. Da liegt es nur auf der Hand, dass wir sie natürlich mit erwähnen. Hinter Wodkartell steckt der Leipziger Frank Förster, der nicht nur der einzige deutsche Vertragshändler für den mehrfach ausgezeichneten und wirklich wunderbaren Wodka Bulbash aus Weißrussland ist, sondern auch auch der Manager der Russian Doctors und von Die Art. Frank und ich sind befreundet und er unterstützt mich, bzw. den Verein Corvus, der ja für die Nacht der Legenden verantwortlich zeichnet, wo er nur kann. An dieser Stelle sei mir gestattet, mich dafür mal ausdrücklich zu bedanken.

Wie schon erwähnt, ist der Kunst-und Kulturverein Corvus e.V. als Veranstalter verantwortlich, dem ich vorsitze und den ich zusammen mit dem Geraer Kreativunternehmer Tristan Rosenkranz und einigen ambitionierten Pößnecker*innen gründete.

Ein weiterer Partner ist die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Dass „Flüstern und Schreien“ gezeigt werden kann ist ebenso deren Verdienst, wie die Tatsache, dass Dieter Schuhmann zugegen sein wird, denn der Kontakt zu dem Regisseur kam direkt über die Landeszentrale, die ich wegen einer möglichen Unterstützung kontaktiert habe. Und glücklicher Weise waren die Damen und Herren sehr begeistert von der Idee und dem Konzept der „Nacht der Legenden“.

Unterstützung gabs auch von dem noch jungen Pößnecker Unternehmen Unverblümt Kulturmarketing, hinter dem der ebenfalls in Pößneck lebende Willy Jobst steckt. Auch er hat mehr Idealismus als gesund ist, aber wie sagt der Spruch: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Dankend erwähnen will ich an dieser Stelle noch die Firma RSP aus Saalfeld, die mit einer Spende den Abend unterstützen.

Volly Tanner: Und Du selber: Angst, dass Du auf den Kosten hängenbleibst? Oder bist Du optimistisch? Und warum wenn ja?

M.Kruppe: Optimismus ist die Krone des Veranstalters. Sonst könnte ich es auch bleiben lassen. Also ja, ich denke schon, dass ich die Kosten decken kann, auch,wenn ein bisschen… naja nicht Angst, aber Respekt vor der Sache mitschwingt. Wir reden hier schließlich von einem mittleren vierstelligen Betrag ohne Finanzierungssicherheit. Die hatte ich bisher bei fast allen Veranstaltungen die ich organisiert habe, weil ich unter anderem mit der „Partnerschaft für Demokratie“ zusammen arbeite, die aus dem Bundesprogramm „Denk bunt“ gespeist wird und zur Aufgabe hat, Demokratie, gerade auch im ländlichen Raum zu fördern und zu fordern. Kultur ist Bildung und Bildung ist ein wichtiger Grundpfeiler der Demokratie. Aber es haben sich im ursprünglichen Konzept der Veranstaltung einige Defizite ergeben, auf die ich nicht weiter eingehen will. Durch diese konnte ich nicht auf eine Mitfinanzierung durch die PfD bauen und stand vor der Wahl: Mach ichs, oder mach ichs nicht. Und da kommt wieder Spruch: Es gibt nichts gutes…. Mein Motto: Einfach mal machen ist halt oft ein Damoklesschwert. Da greift das zweite Motto dann: No Risk, No Culture…

Volly Tanner: Gegenkultur als Ansatz – hat das heute eigentlich noch Berechtigung – oder sollten sich Künstler, wenn sie sich einbringen wollen, nicht eher der Symbole der vielen Menschen annehmen? Du verstehst, was ich meine? Manchmal ist die selbstgebaute Indy-Ecke ja auch eine schöne Komfortzone.

M.Kruppe: Da hast du vollkommen recht. Aber die Komfortzone bedeutet auch Stagnation. Und Stagnation ist und war noch nie gut in der Kunst- bzw Kulturszene. Wir leben ja in Bewegung, ob wir wollen oder nicht. Und dann sollten wir das auch nutzen und uns nicht gegen etwas stemmen, was sich gar nicht verlangsamen oder gar aufhalten lässt. Gerade in der aktuellen Zeit, in der rasanten politischen Bewegung in sehr bedenklich Richtungen, ist eine Gegenkultur wichtig, die auch mit einer gewissen Verantwortung Akzente setzt. Wo sich alles radikalisiert brauchen wir wieder mehr Orte des Zusammenkommens, um aufeinander zuzugehen. Und Abende wie die Nacht der Legenden sind eine solche Insel im tosenden Meer der politischen Rasanz.

Volly Tanner: Und Du selber? Bist Du zur Buchmesse in Leipzig? Und was treibst Du da?

M.Kruppe: Ja, ich werde da sein. Allein schon, weil pünktlich zur Buchmesse mein nun viertes Buch erscheinen wird. „Und in mir Weizenfelder“ heißt es. Ein Gedichtband, das zwischen surrealen und prosaischen Stücken eine schmutzige Sprache bietet, die eben die Eindeutigkeiten des Seins zelebriert. Unverblümt und frech, provokant und versöhnlich. Der wunderbare Dr. Mark Benecke hat da übrigens ein feines Vorwort geschrieben. Man findet mich in Halle 5, Stand G417. Das ist der Stand des Verlages, dem ich sehr nahe stehe, bei dem auch mein Buch herauskommt: EditionOutbird. Das ist eine Kooperation zwischen der Agentur für alternative Kultur Outbird und dem Telescope Verlag, bei der auch Michael Schweßinger, Hauke von Grimm und viele andere wundervolle Autorinnen und Autoren veröffentlichen.

Am Messefreitag werde ich dann zusammen mit der Berlinerin Frau Kopf und dem Hallenser Axel Kores im GalerieRaum 16 in Leipzig Connewitz zur langen Outbird Lesenacht lesen, die auch am Samstag stattfindet. Dann werden Hauke von Grimm, Michael Schweßinger und Klaus Märkert dort Platz nehmen. 20.00 Uhr am Samstag bin ich dann zusammen mit The Russian Doctors auf der Bühne der Landbäckerei Connewitz. Mein Messeabschluss ist dann am SonntagAbend in der Gießer in Plagwitz, wo Markus Böhme seine Lesebühne veranstaltet. Auch da wieder zusammen mit Michael Schweßinger und Hauke von Grimm.

Volly Tanner: Danke, Meiner. Und einen proppevollen Saal wünsche ich Dir.

M.Kruppe im Netz:

https://www.mkruppe.de/

DIE NACHT DER LEGENDEN im Netz:

http://www.outbird.net/Veranstaltung/wotufa-neustadt-orla-10-03-2018-die-nacht-der-legenden-mit-sandow-the-russian-doctors/

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS, Portrait abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s