Tanner traf Johannes Kirchberg, der gerade die Audiographie von Stephan Krawczyk herausbringt: Ich habe den Eindruck, dass er keinen Groll hegt.

Volly Tanner traf den großen Liedkabaretisten und Labelmacher Johannes Kirchberg, schließlich bringt dieser gerade die Audiographie von Stephan Krawczyk heraus. Am 03.03.2018 feiert das Album „Wenn die Wasser Balken hätten“ in der Moritzbastei zu Leipzig Premiere. Wie es dazu kam, wer alles dabei war und was Kirchberg über Krawczyk zu sagen hat – hier im Interview:

Volly Tanner: Guten Tag, Johannes Kirchberg. Du bist der Mann hinter dem Label dermenschistgut und kommst dieser Tage mit der Audiographie Stephan Krawczyks „Wenn die Wasser Balken hätten“ nieder. Beide, der Stephan und Du, sind – nur zu unterschiedlichen Zeiten und mit anderen Hintergründen – aus Ost nach West gewandert. Was verbindet Euch daneben noch?

Johannes Kirchberg: Das ist richtig. und es ist eine mit Spannung erwartete Niederkunft. Aber ob uns das Auswandern verbindet? Ich bin schließlich freiwillig meinem Glück hinterhergezogen. Das kann man von Stephan Krawczyk so nicht sagen. Was mich aber in jedem Fall mit ihm verbindet, ist natürlich die Musik. Einige seiner Lieder spielten immer irgendwie eine Rolle in meinem Leben. In steter Regelmäßigkeit habe ich verfolgt, was er so tut. Wir haben uns in den Neunzigern bei Konzerten getroffen. Und jetzt bin ich sein „Plattenboss“. Irgendwie eine schöne Geschichte. Im Ernst, was uns ganz aktuell verbindet, ist eine kleine Geschichte: Stephan gewann in der DDR einen Liederpreis. Und der Preis beinhaltete eine musikalische Förderung. Die gab ihm ein gewisser Jens-Uwe Günther. Und mit diesem Menschen wiederum verbindet mich, dass er die Streichquartett-Arrangements für meine aktuelle Johannes R. Becher CD geschrieben hat. Wie klein manchmal die Welt ist.

Johannes Kirchberg in feinem Zwirn. Getroffen von Patrick Labitzke

Volly Tanner: Wie kam es denn zu diesem Projekt?

Johannes Kirchberg: Ich saß im letzten Sommer, mit meinem Freund Benjamin Weinkauf, auf der Insel Hiddensee. Und da kam uns der Gedanke, dass es eine CD von Stephan Krawczyk geben müsste, auf der unsere Lieblinglieder drauf sind. Und dann habe ich gesagt, ich würde die rausbringen. Auf meinem Label. Und so kams, dass wir in Stephans Küche saßen, uns seine Lieder anhörten und beschlossen, da machen wir gemeinsam was draus. Und nun bin ich erstmals auch Herausgeber einer CD, die nichts mit mir als Musiker zu tun hat. Veröffentlichungen auf meinem Label gab es natürlich schon, wie du ja weißt, Volly. Von der Liedertour über Ralph Schüller bis hin zu Anger77. Aber diese CD von Stephan Krawczyk ist nun auch ein bisschen mein Baby.

Volly Tanner: Krawczyks Album zeigt auf, dass er weit mehr ist als eine Projektionsfläche politischen Dissidententums. Wenn man sein Buch „Der Himmel fiel aus allen Wolken“ liest, kommt man zum gleichen Schluß. Krawczyk ist ein sich an der Lebenswirklichkeit reibender Poet – aber kein Ewigdagegenseiender. Du kennst ihn ja persönlich? Wie ist Stephan Krawczyk neben der Bühnenpersönlichkeit?

Johannes Kirchberg: Ich kenne Stephan nicht persönlich genug, um die Frage beantworten zu können. Was ich wahrgenommen habe ist, dass er ein bescheidener Mensch ist. Ein wacher Geist, einer, der nicht hadert, der seine Geschichte und die Geschichten im Kopf hat, und nicht als Andenken an der Wand oder auf dem Regal. So wie man es bei seiner Biographie vermuten könnte. Und ich habe den Eindruck, dass er keinen Groll hegt. Was aber verständlich wäre, bei seinem Leben und dem, was ihm widerfuhr. Er ist ein Poet, ein wunderbarer Gitarrist und ein, weil Du seine Bücher ansprichst, leider viel zu wenig beachteter Literat.

Volly Tanner: Unser gemeinsamer Berliner Freund Hendrik Gundlach hat das Album produziert. Und unser Freund Benjamin W. war auch mit im Boot. Seit wann bosselt Ihr denn an diesem Album? Und wie war das Zusammenarbeiten?

Johannes Kirchberg: Ohne Benjamin hätte es das Projekt nicht gegeben. Er hat den Kontakt geknüpft. Jetzt. Und mich vor 30 Jahren überhaupt auf Stephan aufmerksam gemacht. Wir haben damals in Kirchenkreisen zusammen Musik und Konzerte organisiert und gemacht. Und er hat Stephan nach dessen Ausbürgerung Lieder hinterhergeschrieben. Eins davon hat Stephan übrigens als Dankeschön jetzt vertont. Eine rührende Angelegenheit. Und da Stephan die neuen und neubearbeiteten Lieder schon aufgenommen hatte, habe ich Hendrik ins Spiel gebracht, sich um den guten Klang zu kümmern. Das hat er in altbewährter Weise getan.

Volly Tanner: Du selber bist bekannt und preiseverwöhnt als Chansonier und Kabarettist, wagst gern und oft die Krätsche zwischen Ernst und Unernst. Gibt es Verbindungen zwischen Stephans Poesie und den von Dir vorgetragenen Texten?

Johannes Kirchberg: Vielleicht insofern, als dass Stephan auch literarische Programme hat. Von Brecht über Morgenstern bis hin zu Luther. Was das Kabarettistische angeht, so sind mir seine ernsthaften Lieder näher. Und was Preise angeht: Ich bin sehr dafür, dass Stephan den Deutschen Kleinkunstpreis bekommt. Verdient hat er ihn allemal.

Volly Tanner: Am 03.03.2018 gibt es die Premiere des Albums in der Leipziger Moritzbastei. Bist Du dabei? Gibt es danach eine Tour? Wie reagieren die Medien? Es gab ja Zeiten, da war Stephan Mittelpunkt einer ganzen Medienkampagne.

Johannes Kirchberg: Ja, auf das CD-Veröffentlichungs-Konzert freue ich mich sehr. Und ich bin froh, auch selber dabei sein zu können. Das ist ja alles nicht leicht zu organisieren, schließlich bin ich ja auch in eigener Mission unterwegs. Ich hoffe sehr, dass Stephan danach mit der CD im Gepäck auf Tournee gehen wird. Leider ist er nicht mehr so im Mittelpunkt der Medien. Vielleicht können wir das ein wenig ändern. Jetzt, mit dem neuen Album, dieser Art Werkschau auf Stephans Schaffen. Zu sagen hat er jedenfalls was.

Volly Tanner: Und Deine derzeitige Karriere zwischen Theaterschiff und Tournee … wo kann mensch Dich denn erleben? Und ist es nicht Zeit für ein neues Album?

Johannes Kirchberg: Mein letztes Album, „Einmal frei. Und einmal glücklich sein.“, erschien im letzten Jahr. Also noch gar nicht so lange her. Und es erhielt den ‚Preis der deutschen Schallplattenkritik‚. Darauf bin ich sehr stolz. Gern würde ich mit dem Streichquartett Konzerte spielen. Aber Du hast Recht, es ist Zeit für Neues: ich arbeite derzeit mit meinem Freund und Texter Tom Reichel an neuem Material für ein MusikKabarett. Dazu gibt es dann im nächsten Jahr auch wieder einen Silberling. Aber nur, wenn ich als Plattenboss die Sachen auch gut finde.

Volly Tanner: Danke, Johannes, für Deine Antworten.

dermenschistgut im Netz:

http://musik.dermenschistgut.de/

das neue Album von Stephan Krawczyk im Netz:

http://musik.dermenschistgut.de/veroeffentlichungen.php

Johannes Kirchberg selber im Netz:

http://www.johannes-kirchberg.de/

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