Tanner trifft die UBI Theater Leipzig Chefin Claudia Jessat: Scheidung, Ehebruch, Abtreibung oder Homosexualität.

Tanner trifft auf dem Weg zur Schule seiner Tochter oder auf dem Rückweg immer wieder Claudia Jessat, schließlich ist auch sie bekindet. Claudia ist aber auch Inhaberin eines Theaters – und mit diesem auch gern und oft erfolgreich. Am 19.12.2017 nun gibt es „Acht Frauen“ mit acht Frauen – und einer ganz und garnicht weihnachtlichen Geschichte. Grund nachzufragen:

Volly Tanner: Bonjour Claudia – oder soll ich Mamie sagen?

Claudia Jessat: Bonjour! Ja, ich stecke schon ganz gut in meiner Rolle und mag sie auch sehr gern, die verrückte Mamie, aber so allgemein bin ich doch lieber ich. Auch wenn das „Mich-Selbst-Vergessen“ und Hereinschlüpfen in eine Rolle mir jedes Mal ungemein Spaß macht.

Die UBI-Frauen – aufgereiht in aller Pracht und Theatralik. c/o UBI17

Volly Tanner: Es gibt in Bälde einige Aufführungen von „Acht Frauen“ im Haus Steinstraße – mit wirklich acht unterschiedlichen Frauen. Herausgezoomt aus einer abgelegenen Villa im verschneiten Frankreich. Was machen die acht Frauen denn da gemeinsam? Wie kommts, dass da kein Mann ist? Ists Feminismus? Klassizismus? Dadaismus?

Claudia Jessat: Nun, die acht Frauen leben quasi in einer Mehrgenerationen-WG – zum Leidwesen der Hausherrin, deren Alltagsbestreben vor allem darin besteht, ihre Ruhe zu haben, gut auszusehen und gewisse, sagen wir „Bekannte“, regelmäßig abends zu besuchen – heimlich, versteht sich. Allerdings wurden auf Geheiß des Hausherren die verarmte Schwester und Mutter der Dame ins Hause aufgenommen, was bei allen Beteiligten regelmäßig zu verschiedensten Befindlichkeiten und oft zu derbem Gezeter führt.

Da sind also die Hausherrin, deren zwei Töchter, die Schwester und Mutter plus zwei Dienstmädchen und natürlich der Hausherr, den wir aber im Stück nicht zu Gesicht bekommen.

Die Stückhandlung beginnt am Weihnachtsmorgen, an dem sich die Sippe erst einmal ahnungslos im Wohnzimmer zum Frühstück trifft. Irgendwann fällt auf, dass der Vater fehlt und wohl noch schläft. Als man aber nach ihm sieht, findet man ihn mit einem Messer im Rücken auf seinem Bett vor. Nach dem ersten Schock beginnt man sich zu fragen: Wer war’s? Und schon steckt der Zuschauer drin – im schönsten Melodrama. Jede hat ein Geheimnis, jede ein Motiv und auch die Schwester des Hausherren, die im Verlauf der Handlung auftaucht, bietet nicht wenig Projektionsfläche für Spekulationen. Andere mysteriöse Dinge geschehen: Das Automobil fährt nicht mehr, das Tor des zur Villa gehörigen Parks ist verschlossen und keine kann das Anwesen mehr verlassen.

Bald kommt man darauf, dass eine der acht Damen die Täterin sein muss und es heißt: Jede gegen Jede. Je weiter die Handlung voran schreitet, desto mehr verstricken sich die Akteurinnen in Lügen und Heimlichkeiten und desto klarer kommen die eigennützigen Motive jeder Einzelnen ans Licht.

Auf irgendwelche -ismen konzentrieren wir uns in dieser Inszenierung gar nicht so sehr. Wir erheben nicht den feministischen Zeigefinger oder ähnliches, sondern es geht uns vor allem um das, was hinter der auf den ersten Blick stereotypen Darstellung der Charaktere steckt. Wir fragen uns: Was motiviert die abwegigen und mitunter düsteren Eigenschaften der Akteure im Stück; wir erarbeiten deren Leidenschaften, Nöte und Sehnsüchte hinter allen Vorurteilen und Klischees. Eigentlich sehnt sich hier jede auf ihre eigene Art einfach nach Sicherheit, Akzeptanz und Liebe, und das herauszuarbeiten, macht Spaß.

Das ist generell der Aspekt, der mich an der inszenatorischen Arbeit am meisten fasziniert: Einen Bühnencharakter auseinandernehmen, von allen Seiten beleuchten, ihm Tiefe geben; auch bei einem Stück, das nach Außen hin mächtig auf den Putz haut und den Zuschauer nicht nur einmal auf den Arm nimmt.

Volly Tanner: Das UBI Theatre unter Deiner Fuchtel fuchtelt da Schauspiel im Dezember. Aber wer hat die acht Frauen erdacht? Und wann? Und warum?

Claudia Jessat: Das Stück erdacht hat sich der französische Schriftsteller und Regisseur Robert Thomas (1927-89) und es wurde unter dem Titel „Huit femmes“ 1958 erstmals auf der Theaterbühne gespielt.
2002 wurde es in französischer Starbesetzung von Francois Ozon verfilmt und erlangte dadurch neue Bekanntheit.
Robert Thomas stellt in seinem Stück die sozialen Verhältnisse einer bourgeoisen Familie im Frankreich der 1950er Jahre dar; wir haben die Handlung in die Zwanziger vorverlegt – erst einmal eigentlich nur deshalb, weil wir Gefallen an der Ästhetik der Zeit haben. Glücklicherweise ließen sich die Themen des Stückes nachvollziehbar übertragen. Auch in den Zwanzigern war das Leben der Bourgeoisie von verschiedenen Tabus wie Scheidung, Ehebruch, Abtreibung oder Homosexualität geprägt.

Volly Tanner: Kannst Du uns zu Deinen Freundinnen etwas mehr erzählen bitte?

Claudia Jessat: Sie sind alle Teilnehmerinnen in meinem Schauspielkurs am UBI Theatre und sind junge Damen zwischen 20 und Anfang 30. Schülerinnen, Studentinnen, Azubis, Freischaffende – alles ist vertreten. Einige von ihnen haben ganz neu angefangen und werden das erste Mal auf der Bühne stehen, aber für die meisten ist dieser schon der zweite und dritte Kurs bei uns. Über die Zeit sind sie mir tatsächlich alle so ans Herz gewachsen, dass ich die Ladies getrost als Freundinnen bezeichnen kann.
Es kommt bei uns übrigens meist vor, dass unsere Teilnehmer mehrere Kurse nacheinander belegen und auch über das Theater Zeit miteinander verbringen und eng zusammenwachsen.

Volly Tanner: Wieso seid Ihr eigentlich im Haus Steinstraße?

Claudia Jessat: Na ja, das Stück spielt die ganze Zeit in einem Raum, nämlich dem Wohnzimmer der Familie. Die acht Frauen hocken zusammen und können nicht das Haus verlassen. Um dieses Miteinander-Eingesperrt-Sein und die Beklemmung und Spannung, die dadurch entsteht, für das Publikum erlebbar zu machen, wollte ich eine eher kleinere Bühne bespielen und dafür passt das Haus Steinstraße einfach perfekt.

Volly Tanner: Dieses UBI Theatre, was ist das eigentlich genau? Wenns OBI wär, wärs Baumarkt.

Claudia Jessat: Wir sind eine Theaterkompanie, die Theater unterrichtet und auf die Bühne bringt. Wir sind offen für alle, die gern in irgendeiner Form am Theater teilhaben wollen – egal, woher sie kommen, wie alt sie sind und ob sie bereits entsprechend Erfahrung haben. Bei uns kann man ganz viel lernen, für die Bühne und für’s Leben. Neben der Vermittlung von Techniken zum körperlichen und stimmlichen Ausdruck geht es auch immer darum, sich in einem geschützten Umfeld ausprobieren und als Mensch wachsen zu dürfen. Das klappt bisher auch ganz passabel, soweit ich weiß.

Volly Tanner: Zwei Tage nach der letzten Vorstellung ist dann Weihnachten. Was wünschst Du Dir – von den Leipzigern, vom Kulturvolk, von den Menschen an sich, von den Männern – und von Deinem Umfeld?

Claudia Jessat: So wie die acht Frauen: Sicherheit, Akzeptanz und Liebe – im Großen und im Kleinen. Vor allem wünsche ich mir eine weiter wachsende Offenheit der Menschen für Neues, Anderes, „Fremdes“ und generell Empathie für einander – im Land, in der Kultur und in den Familien. Schön wäre auch ein allseits größeres Verantwortungsbewusstsein (im Denken UND im Tun) für unseren Planeten und sein Fortbestehen. Ganz persönlich freue ich mich sehr auf die freien Tage über und nach Weihnachten – es wird Zeit!

Volly Tanner: Danke, Claudia – und nun … Aufklärung!

Claudia Jessat: Danke dir, Volly!

Aufführungen „Die Acht Frauen“
19.12.2017 um 19 Uhr
20.12.2017 um 19 Uhr
21.12. 2017 um 19 Uhr
22.12.2017 um 19 Uhr


Haus Steinstraße | Steinstraße 18, 04275 Leipzig

Preise
9,00€ Vollzahler
7,00€ ermäßigt

Tickets unter http://haus-steinstrasse.de/events/die-acht-frauen/

Kontakt zum UBI Theatre: claudia@ubitheatre.com

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