Tanner trifft den Juraprofessor und transdisziplinären humanwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt: Vorhandene Meinungen sollten artikuliert und nicht mit Redeverboten dämonisiert werden.

Felix Ekardt ist seit Anfang 2009 Gründer und Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Ferner ist er seit Ende 2002 Juraprofessor, erst an der Uni Bremen, dann an der Uni Rostock. Er forscht zu Ethik, Recht, Politik und Transformationsbedingungen der Nachhaltigkeit. Und er hat gerade ein neues Buch geschrieben. Darüber sprach und diskutierte er mit interessierten Menschen im GRÜNEN RAUM in Leipzig. Tanner nutzte die Gelegenheit, ihn zu interviewen:

Volly Tanner: Guten Tag, Felix Ekardt. Ihr derzeitiges Buch „Kurzschluss: Wie einfache Wahrheiten die Demokratie untergraben“ speist einige selten bedachte Argumente in die Diskussion ein. Besonders ist der differenzierte Umgang mit beiden Rändern des derzeitigen politischen Geschehens sowie Ihre Einsicht, dass Komplexität angenommen werden muss. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen zwischen Leipzig und Erzgebirge. Sie plädieren für mehr Gespräch und weniger Ausgrenzung des jeweils Anderen. Ist Demokratie nur ein kleines Aufblinken der Vernunft?

Felix Ekardt: In einer immer komplizierteren Welt sind aktuell Kräfte auf dem Vormarsch, die einfache Wahrheiten und Lösungen und klare Sündenböcke versprechen. Begünstigende Faktoren wie Digitalisierung, Automatisierung oder Globalisierung sind weithin geläufig, doch meine eigentliche These im Buch ist: Nicht nur Rechts- und Linkspopulisten und ihre Anhänger, sondern wir alle tragen latent die Neigung zu vereinfachten, verzerrten und bequemen Ansichten in uns, auch die intellektuellen Weltverbesserer. Nur werden wir mit einfachen Wahrheiten die Probleme einer globalisierten Welt nicht lösen, sondern dramatisch scheitern. Wenn wir Uneindeutigkeit und Komplexität nicht aushalten, hat die offene Gesellschaft dauerhaft keine Chance. Ich lote in meinem neuen Buch aus, wie wir Vernunft und Demokratie langfristig fördern und bewahren können – und warum sie in der Gefahr stehen, eine historische Ausnahmeerscheinung zu bleiben.

Felix Ekardt stellt sich Auseinandersetzungen. c/o Dr. Claudia Maicher 2017

Volly Tanner: Die Gesprächskultur ist geprägt von Hysterie und permanenter Emotionalität. Wie kann Zuhören entstehen – und Reflexion?

Felix Ekardt: Jedenfalls meine ich, dass populistische Äußerungen gleich welcher Art nicht ständig Hauptthema sein sollten und man denjenigen, die sie äußern, die oft bewusst gesuchte Märtyrerrolle verweigern sollte. Dass die einfachen Wahrheiten gerade aus der starken menschlichen Emotionalität und ihrer evolutionsbiologischen Verankerung entspringen, ist in „Kurzschluss“ breit Thema. Jenseits dessen weiß ich gar nicht, ob Zuhören mein eigentliches Thema ist. Es geht mir um gutes Denken, also darum, deutlich zu machen, welche Fakten- und Normfragen rational beantwortet werden können und welche nicht – und wie differenziert die Antworten da, wo es rationale Antworten geben kann, sein müssen.

Volly Tanner: Schon bei der Genauigkeit der Sprache scheitern Gespräche. Aufgeheizt werfen Menschen sich fast nur noch Parolen an den Kopf. Das Zulassen anderer Meinung scheint schwer zu sein. Besonders in Städten. Hat das etwas mit Enge zu tun? Soziophysiologischem Dichtestress? Im Erzgebirge habe ich das Gefühl, dass Menschen sich auch mal Sein lassen. Trügt mein Gefühl?

Felix Ekardt: Meine Hauptstoßrichtung ist ja keine Zeitdiagnose, sondern das Aufzeigen eines Problems, das weit über unsere Zeit hinausreicht. Mein persönlicher Eindruck ist nicht, dass man das Niveau und den Differenzierungsgrad von Diskursen klar räumlich zuordnen kann – und dass unsere Zeit sozusagen immer platter wird, würde ich für eine Verfallstheorie halten, wie sie schon in der Antike beliebt waren, aber meist nicht stimmen. Das hat mich auch in meinem ersten 2017er-Taschenbuch beschäftigt, wo es um die Bedingungen individueller und gesellschaftlicher Transformation geht, beispielsweise zur Nachhaltigkeit. Es heißt „Wir können uns ändern: Gesellschaftlicher Wandel jenseits von Kapitalismuskritik und Revolution“.

Volly Tanner: Wer sind die Adressaten Ihres „Kurzschluss“-Buches? Im blasengeprägten Meinungskosum lesen Menschen doch fast nur noch Bücher ihrer eigenen Meinung.

Felix Ekardt: Ich meine eben, dass die Blasenprägung weniger dem Internet als mehr dem Menschsein zuzuschreiben ist. In der Tat eine neue Entwicklung zu sein scheint mir allerdings, dass Bücher heutzutage überhaupt nur noch selten gelesen – oder richtig gelesen – werden. Adressaten von „Kurzschluss“ sind letztlich alle Menschen – denn bleibt die Demokratie eine historische Ausnahme, hat das für uns alle absehbar fatale Konsequenzen.

Volly Tanner: Sie selber sind Herzensgrüner, engagieren sich seit Jahrzehnten, wollten auch mal Oberbürgermeister von Leipzig werden. Wollten Sie das wirklich? Das ist ja nun nicht wirklich der Traumjob für Philosophen. Herrn OBM Jungs Tagesablauf will man doch nicht wirklich haben. Und all der Hass der Hassenden.

Felix Ekardt: Ich bin von der Ausbildung her Jurist, Philosoph, Soziologe und Religionswissenschaftler. Real bin ich seit 20 Jahren transdisziplinärer humanwissenschaftlicher Nachhaltigkeitsforscher mit Fokus auf Politik, Ethik, Recht und Transformationsbedingungen der Nachhaltigkeit. Beim Herzensgrünen frage ich mich, was das ist. Ich bin seit 20 Jahren aus einer Grundüberzeugung pro repräsentative Demokratie und pro Engagement grünes Parteimitglied, allerdings weitgehend als Karteileiche. Eher habe ich beruflich durch mein Institut etwa mit grünen Ministerien und Fraktionen zu tun. Dass ich als OB-Kandidat angetreten bin, hatte das Ziel, bestimmte globale Herausforderungen in den kommunalen Diskurs konkretisiert einzuspeisen. Und dabei Dinge zu sagen, mit Wirkung auch über Leipzig hinaus via entsprechende Medienpräsenz, die sonst in der Politik selten oder nie zu hören sind. Die Annahme, ich würde gewinnen, wäre sehr mutig gewesen. Seit Jahrzehnten habe ich mich als Wissenschaftler und nicht als Politiker gesehen. Das in Frage zu stellen, bot die OB-Wahl vor dem beschriebenen Hintergrund eher keinen praktischen Anlass. An sich ist es meine Arbeit, politische Konzepte – genauer Politikinstrumente sowie ethische und rechtliche Analysen sowie Bedingungsanalysen sozialen Wandels – zu entwickeln und dann an die Politik heranzutragen. Mein typisches politisches Engagement im klassisch-ehrenamtlichen Sinne liegt eher in meinen verschiedenen Funktionen im BUND. Beispielsweise bin ich seit fünf Jahren Vorsitzender des BUND Sachsen.

Volly Tanner: In „Kurzschluss“ analysieren Sie flächig die derzeitige Lage – liefern aber auch konkrete Lösungsansätze. Wollen das Menschen überhaupt. Die Ränder leben doch ganz gut mit der permanenten Krise. Diese ist ja deren Überlebensgarantie. Falls die Krise der Demokratie gelöst würde, sich auflösen würde, bräuchte es ja die Ränder nicht mehr.

Felix Ekardt: An sich finde ich die allgemeine und seit langem feststellbare Existenz auch rechts- und linkspopulistischer Stimmen in Demokratien weder auffällig noch sonderlich bedenklich. Vorhandene Meinungen sollten artikuliert und nicht mit Redeverboten dämonisiert werden, einerlei ob sie nun aus der CSU oder aus der AfD heraus vorgetragen werden, sonst spielt man diesen Meinungen nur in die Karten. Und zur Wahrheitsfindung trägt Dämonisierung auch meist wenig bei.

Volly Tanner: Sie unterscheiden zwischen realem politischen Engagement und der Feldherrensofa-Positionierung. Zitat: „Es geht weniger um solche reinen Beobachter-Foren, ob nun Talkshows oder auch Hörsäle mit lauter Gleichgesinnten“ Das werden viele Menschen – besonders aus dem sich selber progressiv empfindenden studentischen Sektor – nicht gerne hören. Aber wahrscheinlich lesen die es gar nicht. Wie ist Engagement möglich? Was kann gegen die innere Emigration getan werden? Schlussendlich ist da doch viel Kampf gegen Windmühlen – und gegen permanenten Widerstand.

Felix Ekardt: Der Leserkreis von „Kurzschluss“ wird spätestens dadurch, dass die Zentralen für politische Bildung das Buch auch vertreiben, wohl schon recht groß. Auch sonst gibt es viel Medienresonanz. Dass politisches Engagement eher die Ausnahme ist, ist insofern wenig verwunderlich, als altruistische Wertbestrebungen hinter Eigennutzenkalkülen, Emotionen, Pfadabhängigkeiten und Normalitätsvorstellungen als Verhaltensantrieben meist zurückstehen. Da ist das Feldherrensofa bequemer. Folgerichtig ist es für Autokraten aller Art potenziell sehr leicht, unsere Neigung zum bequemen, unterkomplexen Denkweg auszubeuten und die offene Gesellschaft zu untergraben. Daran sind dann aber nicht die imaginären anderen Menschen schuld. Gesellschaftlicher Wandel geschieht immer in einem Wechselspiel verschiedener Akteure. Die realen politischen Kräfte sind – selbst in Diktaturen – mehr oder minder immer ein Abbild von uns allen.

Volly Tanner: Danke für Ihre Antworten, Herr Ekardt – und weiterhin viel Freude beim Weiterdenken.

Felix Ekardt im Netz:

http://www.sustainability-justice-climate.eu/de/werdegang.html

Das Buch „Kurzschluss“ im Netz:

http://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=962

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS, Portrait abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s