Tanner trifft Carmen Maria Thiel und Nina Stoffers vom Projekt mentoringArts der HMT Leipzig: Künstlerische Autonomie versus ökonomische Gesetze – was für ein Antagonismus!

Die Lebensfremdheit und Lebensunlust einiger sich selbst als Kunstmacher verstehender Jungmenschen sorgt an hiesigen Theken immer wieder für Belustigung. Das bedeutet im Sinne der Verallgemeinerung aber nicht, dass jeder, der in Kunst macht, eigentlich nur ein bisschen länger Kindheit-Jugend-Adoleszenz spielen möchte, nein, es gibt sogar viele in der Zunft, die wirklich etwas auf dem Kasten haben. Diese dann auch noch fit zu machen für die reale Welt der Ökonomie und Selbstbehauptung außerhalb universitärer Mauern haben sich Nina Stoffers und Carmen Maria Thiel auf die wedelnden Flaggen geschrieben. Tanner hakte ein und nach:

 

Volly Tanner: Wie kommts, dass Ihr Beide mentoringArts macht?

 

Carmen: Zu mentoringArts bin ich gekommen, weil ich mich auf die Ausschreibung beworben und Glück hatte, eine der beiden Stellen zu bekommen. Das Programm wird vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst bis Ende 2020 gefördert.

Nina: Ich bin schon lange ehrenamtlich als Mentorin in einer kleinen Stiftung tätig, die für Jugendliche Reisestipendien vergibt. Weil ich selbst in meiner Jugend und im Studium viel Musik gemacht habe, hat mich die Ausschreibung sehr angesprochen.

Nina Stoffers (links) und Carmen Maria Thiel vor einer Erinnerung an Südafrika (wo Carmen Maria geboren wurde!) c/o Volly Tanner 2017

 

Volly Tanner: Was habt Ihr davor gemacht?

 

Carmen: 2010 habe ich meine Promotionsarbeit an der Uni Leipzig abgebrochen und musste zügig schauen, wo ich als Kulturwissenschaftlerin und Alleinerziehende zweier Kinder unterkomme. Die HMT Leipzig schrieb damals eine Stelle für das ESF geförderte Verbundprojekt MENTOSA aus – ebenfalls ein Mentoring-Programm. Ich beschäftigte mich intensiv mit dem Thema, wurde zum Gespräch eingeladen und bekam die Stelle, die ich bis 2014 besetzte. Danach waren die Fördermittel erschöpft und ich niedergeschlagen, dass ich diesen Traumjob nicht mehr ausüben konnte. Mit Mentoring bin ich auf allen Ebenen sehr vertraut. Ich habe zwischenzeitlich bei einem größeren Unternehmen in der Aus- und Weiterbildung gearbeitet und als Fitnesstrainerin gejobbt. Ich war allerdings auch arbeitslos und sehr verzweifelt über die hohe Berufsunsicherheit, von der auch meine Berufsgruppe betroffen ist. Insofern kann ich mich gut in die prekäre Situation, in der sich die Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler befinden, hineinversetzen.

Nina: Die letzten vier Jahre war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim. Im Bereich Kulturelle Bildung habe ich Seminare, Exkursionen und Tagungen veranstaltet. Inhaltlich beschäftigten mich Fragen der Teilhabe, der kulturellen Repräsentation und des „Sprechens Über“ vor dem Hintergrund der Diversität. Ich habe parallel dazu an der Humboldt Universität in der Musikwissenschaft promoviert und dazu gearbeitet wie durch Musik Teilhabe ermöglicht wird, aber auch, wie Ausgrenzung stattfindet. Das sind einerseits sehr theoretische Diskurse, andererseits aber auch sehr praktische Fragen, wie z.B. mit Zuschreibungen und Klischees auf der Bühne umgegangen wird. Das kann ich sehr gut auf unterschiedliche Kontexte übertragen – etwa darauf, eine eigene Handhabung mit Eigen- und Fremdbild zu finden. Das wiederum ist nicht weit weg von der Frage nach Imagebildung, die für Musiker und Musikerinnen eine Rolle spielt, in welcher Form auch immer. Mich interessiert es, mich mit jungen Menschen auseinanderzusetzen, sie zu begleiten und zu beraten.

 

Volly Tanner: Welche Kompetenzen bekommen die Zöglinge vermittelt?

 

Carmen: Die HMT Leipzig ist eine renommierte Hochschule, an der die Studierenden eine erstklassige künstlerische Ausbildung genießen. Allerdings fordern gesellschaftliche Entwicklungen den Künstlern immer mehr „Entrepreneurship“ ab. Das bedeutet künstlerische Autonomie versus ökonomische Gesetze – was für ein Antagonismus! Und da kommen wir ins Spiel:

Nina: Die Mentees beschäftigten sich konkret mit ihrer beruflichen und persönlichen Zukunft, in der sie Berufssicherheit und angemessene Einkommen erzielen wollen. Sie können durch das Programm beispielsweise Instrumente des Selbstmanagements, Grundlagen der Freiberuflichkeit, Verhandlungstechniken und Methoden der Kommunikation anwenden. Sie lernen im Rahmen ihrer Berufung als Musikerinnen und Musiker über den Tellerrand zu schauen, interdisziplinär zu arbeiten und ein effektives Netzwerk zu pflegen. Das Ziel hierbei ist, dass sie nicht nur künstlerische Wertschätzung erfahren, sondern sich diese auch monetär ausdrückt.

 

Volly Tanner: Es gibt den Begriff des Tittytainments und die 20%/80%Theorie, die besagt, dass strategisch weltweit nur noch 20% der Menschen wertschöpfende Tätigkeiten haben werden und die Restlichen mit Kunst, Kultur und Medienkosum im Vibrieren gehalten werden. Ist da das massenhafte Auftreten kulturell tätiger junger Menschen, besonders in Großstädten, die jedoch nie erlernt haben ein Brot zu backen und sich nur noch in der eigenen Blase bewegen Ausdruck? Kann Kulturschaffen ein Gemeinwesen aufrecht erhalten?

 

Carmen: Volly, das ist eine komplexe Frage und der Kulturbegriff eh ein diffuser! Tittytainment ist kein etablierter Begriff und es gibt kaum fundierte wissenschaftliche Untermauerungen dazu. Ich hoffe, dass sich diese Theorie nie behaupten wird und doch müssen wir sie im Auge behalten. Ich denke, dass hier nicht nur Politiker, sondern alle Akteure des Marktes – Künstler und Konsumenten – sich klar machen sollten, welche Bedeutung Kunst- und Kulturschaffende für unsere Gesellschaft haben: Künstlerinnen und Künstler mit einem Hochschulabschluss haben sich über Jahre ganz besondere Fähigkeiten angeeignet. Bedenkt man dies und dass diese Berufsgruppe in einer von wirtschaftlichen Imperativen geprägten Gesellschaft für die geistige und kulturelle Reproduktion der Menschen einen existentiellen Beitrag leistet, dann ist es doch skandalös, unter welchen prekären Verhältnissen sie leben müssen. Mit unserem Programm wollen wir auf diesen Zustand aufmerksam machen. Die Frage ist also nicht, ob der Bereich des Kulturschaffens zur Aufrechterhaltung des Gemeinwesens beitragen kann – sie muss! Deshalb wird es Zeit, dass es zu einem solidarischen Zusammenschluss für die Kunst und Kultur kommt und dass viel mehr Subventionen hierein gesteckt werden sollte. Leider fehlen uns die entsprechenden Lobbyisten.

Nina: Ich finde wichtig zu betonen, dass Kunst und Kultur nicht der Kitt der Gesellschaft sind. Es ist großartig, wenn Menschen sich beteiligen, sich einbringen, weil es ihnen wichtig ist. Dadurch entsteht Gemeinwesen. Aber das mache ich doch, weil es mir wichtig ist, nicht, weil ich das Gemeinwesen erhalten will. Kunst und Kultur sind nicht dafür verantwortlich, dass z.B. Integration gelingt. Das müssen andere Bereiche, z.B. die Schule, die Arbeitswelt und die Asylgesetzgebung leisten. Das Grundgesetz hat in Art. 5, Absatz 3 die Freiheit der Kunst ja nicht umsonst als Grundlage festgeschrieben. Dennoch sind Kunst und Kultur in ihrem Tun immer auch politisch, also immer auch bedeutsam. Aber wir sollten meiner Meinung nach sehr vorsichtig sein, Kunst und Kultur ausschließlich nach ihrem nachweisbaren, messbaren Nutzen für sinnvoll oder entbehrlich zu beurteilen. Kunst und Kultur sind da! Die Frage ist doch, wie sie gefördert werden, welche Wertschätzung die Ausführenden erfahren – und ob sie im Nebenjob nicht doch noch Brotbacken lernen müssen, weil es ihnen sonst an den täglichen Brötchen fehlt.

 

Volly Tanner: Die HMT stellt sich – auch mit Eurem Angebot – Zukunftsfragen. War der Prozess schwierig, weg von der reinen musikalisch-theatralen Lehre, hin zur Nachhaltigkeit?

 

Carmen: Die HMT Leipzig und das SMWK übernehmen mit der Ermöglichung des Programms eine soziale Verantwortung für den künstlerischen Nachwuchs. Denn mentoringArts zielt vor allem auf die Zeit nach dem Studium ab. Das Mentoring versteht sich als zusätzliches Angebot zum Curriculum. Letzteres hat sich nicht verändert und steht nach wie vor im Vordergrund. Wünschens- und anstrebenswert ist, dass sich ein Programm wie mentoringArts verstätigt und für alle Studierende verpflichtend würde. Wir werden das Programm evaluieren, um den Nutzen und die Effekte des Mentorings aufzuzeigen.

Nina: Das ist sinnvoll, weil wir an dieser Stelle zeigen können, dass die systematische Vorbereitung auf das Berufsleben im Mentoring den Leuten Handwerkszeug an die Hand gibt, um eben nicht Brötchen backen zu müssen, sondern mit ihrer Ausbildung genügend Geld zu verdienen. Wir arbeiten daran, dass nach 2020 entsprechende Mittel verfügbar gemacht werden, um das Programm dauerhaft implementieren zu können. Es ist also noch ein langer Weg.

MentoringArts im Netz:

http://www.hmt-leipzig.de/home/mein-studium/marts

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