Tanner trifft den Lesebühnen-Aktivisten und Schriftsteller Hauke von Grimm: Da bin ich ein Mensch von vielen – und das ist gut so!

Mit Hauke von Grimm und dem Tanner ist es wie mit zwei alten Latschen: sie sind nicht gleich, kommen aber aus der selben Manufaktur. Deshalb ist es wichtig, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Hauke nun hat ein neues Buch am Start. Grund genug, dass Tanner mal reinschlüpfte ins Fragenstellen. Und so könnt Ihr jetzt lesen und erfahren:

Schalommchen, Hauke. Schön, von einem neuen Buch aus Deiner Feder zu hören – und es dann auch prompt zu bekommen. Fein. „WortLand“ heißt es und feiert am 05.09.2017 in der großen Stadtbibliothek(e) Niederkunft. Wortland! WortLand? Brauchts nicht eher endlich mal Stille zwischen all den Worten?

Hallo Meister. Die Stille zwischen den Worten heißt auf dem Papier, glaube ich, Leerzeichen. Beim Sprechen ist es dann wohl die Atempause. Ich finde, es wird viel zu wenig gesagt mit all den Worten. Kommunikation wird verkürzt, um schnell zu sein; aber ich möchte mir Zeit lassen. Ich empfinde mich nicht als altmodisch, nur weil ich lieber mit Leuten rede, als schnell mal eine Nachricht zu schicken. Ich finde auch Ausredenlassen wichtig. Manchmal muss man seinen Wortschwall raus lassen, sonst erstickt man. So ist es auch mit dem Schreiben. Die Worte müssen raus.

Manchmal empfinde ich die Stille als sehr angenehm. Aber mit anderen Menschen schweigen kann nicht jeder gut. Und in der Stille beschäftige ich mich wieder mit Worten, in Gedanken – oder ich lese.

Du bist bekennender und bekannter Lesebühnenaktivist. SCHKEUDITZER KREUZ ist mittlerweile kulturelles Allgemeingut. Wie kommt es, dass Du in die Stadtbibo gehst? Gibts dort mehr Kohle? Als Leseort ist das ja nun nicht unbedingt der bequemste Schuppen.

Ich bin im Verband der Schriftsteller Sachsen. Da wurde mir für die Premiere die Stadtbibliothek angeboten. Das Angebot gilt für alle im VS organisierten Schreibenden. Außerdem bin ich immer für eine neue Lokation zu haben. Ich probiere gern aus. Wir haben ja schon zusammen viele verrückte Orte belesen. Ich sammle weiter. Vielleicht lese ich mal in einem Flugzeug oder auf einem Segelboot, auf einer Insel oder im Wald. Wo jemand zuhören möchte, da packe ich meine Texte aus. Das ist, glaub ich, die meine Intension als Erzähler. Der Ort oder das Rundherum ist nicht so wichtig. Außerdem gehören Bücher ja in eine Bibliothek.

Hauke von Grimm. Wie er trinkt und denkt und Gedachtes ins Papier jagt. c/o privat

Das Buch ist in der Edition Outbird beim Telescope Verlag erschienen. Was ist das denn für eine Truppe? Ich hörte, die haben die traumumwobene Frau Kopf im Köcher? Erzähl maln paar Internas, Hauke.

Unser Verlagsgebäude ist so groß, da bin ich noch nicht allen Mitstreiterinnen begegnet. Spaß beiseite. Tristan Rosenkranz ist der Kopf und Macher, wie einst Olli Baglieri bei Paperone. Und einst war Tristan auch ein Autor bei Paperone. Und ich war da sein Ansprechpartner. Und nun ist er meiner bei Outbird. Zur Buchmesse durfte ich mit M.Kruppe, Micha Schweßinger und Benjamin Schmidt bei ihrer Sex & Drugs & LiteraTOUR mitlesen. Kruppe ist einer der Mitstreiter von Outbird. Die Show war gut, die Leute waren gut drauf und der Vodka kreiste und am Ende fragte mich Tristan, ob ich ein Buch bei Outbird machen wolle. Ich fand die Idee gut und sagte zu. Als ich mir am nächsten Morgen diesen perfekten Abend nochmal durch den Kopf gehen ließ fand ich die Idee sogar sehr gut. Da hatten Tristan und ich nun unsere Rollen getauscht. Ich bin jetzt der Autor und er mein Verleger. Ich finde es sehr interessant mit meiner Vorkenntnis nun alles aus der anderen Perspektive zu sehen. Frau Kopf bin ich wirklich noch nicht begegnet. Aber Tristan schwärmt in den höchsten Tönen von ihrem Schreiben. Ich bin gespannt.

Für Menschen, die Deine Textarbeit nicht kennen: Was bekommen die denn von Dir, wenn sie Dein Buch kaufen? Versuch mal bitte zu erklären, was da drinne ist.

Da ist 100% Hauke von Grimm drin. Ich habe mich immer schwer damit, mich zu beschreiben. Vielleicht kannst du das besser. Wir haben ja oft genug die Bühnen geschrubbt und zusammen im Auto gesessen und gequatscht. Pößneck das letzte mal, bei Kruppe zum „Tag der Thüringer“.

Aber zum Buch. Ich mache mir über alles Gedanken. Und wenn ich genug gedacht habe, dann muss es raus. Meist auf Papier. Stilistisch gibt der Text mir vor, was ich machen muss. Manchmal diskutieren wir vorher rum aber er behält am Ende immer Recht. Im Buch bin ich zwischen Leipzig, Irland und Paris unterwegs. In einigen möglichen Zukünften und verschiedenen Vergangenheiten. Es gibt Liebe und Tod. Manchmal mit einem lachendem Auge, manchmal mit zwei. Aber manchmal muss der Leser mit mir in die Tiefe meiner Gedanken. Wie gesagt 100% HvG.

Und am 05.09.? Sitzt Du da mit Wasserglas in der Stadtbibo und intonierst vor Dich hin? Oder gibt’s Rambazamba, leicht gekleidete Tänzerinnen und eine DaDaPerformance fürs Auge?

Keine Ahnung, ich lasse mich überraschen. Ich hoffe doch, dass es nicht nur Wasser gibt. Wie soll ich da meinen Text „Richtig Trinken“ authentisch vortragen? Darf man in der BiBo Alkohol trinken?

Ich denke schon, ich jedenfalls hab mir da immer eine Flasche Rotwein mitgebracht, wenn ich da aufgetreten bin. Nächste Frage: Stilistisch sind Deine Texte taumelnd zwischen Journalismus, Expressionismus und Absurdismus. Wirst Du genug geachtet für dieses revolutionäre Stilsüppchen? Das ist ja doch schon fast Kunst!

Dankeschön. Das KünstlerEgo wird, glaub ich, nie genug Achtung bekommen. Es gibt aber genug Leute, die mir zu verstehen geben, dass ich nicht ganz falsch liege. Das tut gut. Bei der Lesebühne LSK sind einige Gäste schon auf Freitagabend-Spaß aus. Aber bis jetzt kamen noch keine Beschwerden, wenn ich mal was Nachdenkliches gelesen habe. Damit passe ich gut in unser Konzept. Wir alle tragen den Abend und das genieße ich auch sehr. Ich bin auch mal die Rampensau; aber auch ein guter Teamplayer.

Was erdet Dich?

Meinst du, was mich am Boden festhält, wenn ich in die Sphären der Musen aufsteigen will? Haha. Mich erdet die Realität. Sie gibt mir ja auch den Stoff für meine Gedanken und Texte. Bei meiner Familie habe ich keinen Künstlerbonus. Windelnwechseln, Müllrausbringen, Essenkochen. Und meine Arbeit. Da bin ich ein Mensch von vielen. Das ist gut.

Literatur ist ja auch ein bißchen Onanie. Also von vielen religiösen und extremistischen Gruppen verboten. Fühlst Du Dich im Widerstand? Und wenn ja, gegen was?

Ich bin ständig am Zweifeln und Hinterfragen. Alles. Ich kann auch Umstände, die mich unzufrieden machen, nicht wegignorieren. Meine Fresse kann ich auch nicht halten, wenn ich Ungerechtigkeit mitbekomme. Früher hatte ich die Hoffnung, dass legt sich mit den Jahren aber es wird schlimmer. Vielleicht auch, weil die Zeiten gerade mehr Ungerechtigkeiten hervorbringen. Das alles schlägt sich natürlich auf meine Texte wieder. Aber noch sind diese ja nicht verboten.

Hat dieses Texteschreiben eigentlich einen tieferen Grund?

Davon gehe ich aus. Ob ich den Anspruch erfülle, müssen die Leser und Zuhörer dann im einzelnen entscheiden. Aber wie schon gesagt, die Texte wollen raus. Und ich kann nicht aufhören zu denken.

Danke, Hauke von Grimm. Und Grüße ans Umfeld. Hossa!

Ich habe zu danken.

Das stimmt.

Das Buch zum Selberbesitzen! Hier:

https://shop.outbird.net/produkt/hauke-von-grimm-wortland/

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