Tanner trifft den NIE WIEDER SCHÖN Theaterstückschreiber und SlamPoetry-Krösus Nils Matzka: Oft war auf Seite des Mannes auch von Gewalt oder Selbstmordgedanken die Rede.

Theater kann, wenn es sich nicht nur um sich selber dreht oder in künstlerisch überhöhter Banalität versinkt, Diskussionen anregen und das Denken von Menschen beeinflussen. Dafür braucht es jedoch auch Stückeschreiber, die den Arsch in der Hose haben, sich nicht von der Schmerzgrenze einger Besorgter oder Wütender die Themenweahl diktieren zu lassen. Nils Matzka hat zweifellos Arsch in der Hose. Und er kann differenziert argumentieren. Ein seltenes Glück für die Kulturwerkstatt KAOS und ein seltenes, immer seltener werdendes, Glück für den Theaterstandort Bundesrepublik. Doch lest selbst:

Hallo Nils, schön, dass Du Dich kulturell so einbringst. Dein erstes Theaterstück NIE WIEDER SCHÖN greift auch gleich ein heißes Eisen an und auf. Keine Angst, dass da gleich ein paar Sich-Aufreger im Viereck springen?

Och, und wenn schon. Dass der Stoff kontroverse Reaktionen hervorrufen könnte, damit ist bei der Thematik des Stückes leider sowieso zu rechnen. Gerade dann, wenn der Stoff bei den „Sich-Aufregern“ ankommt, hat er doch sein Ziel erreicht, oder? Viel mehr bin ich gespannt auf die Diskurse, die sich nach den Aufführungen ergeben werden. Zudem finde ich es gerade in dieser Zeit wichtig, dass man sich die Themenwahl nicht von den Schmerzgrenzen einiger Wutbürger diktieren lässt.

Worum gehts denn konkret?

Das Stück ist als Auftragswerk zum aktuellen Kultursommer-Motto „Love Me Gender“ entstanden. Es geht kurz gefasst um die Transfrau Mora Steinmann, die zehn Jahre nach ihrem Coming-Out ihre Eltern besucht, um abzurechnen. Der Besuch verläuft allerdings nicht wie geplant, da sie feststellt, dass sie durch einen Androiden namens Moritz Steinmann ersetzt wurde – eine Art perfekter Wunschsohn, der alles macht, was Moras Eltern sagen. Mora beschließt, sich an ihrer Familie zu rächen. Was dann passiert – erfährt man, wenn man sich am letzten Juniwochenende „NIE WIEDER SCHÖN“ ansieht.

Nils Matzka wartet gespannt auf Reaktionen. Und Diskurs. c/o Volly Tanner 2017

Gab es einen Anlass für diese Themenwahl. Wenn ich schreibe – ich meine literarisch – dann brauchts bei mir oft einen tiefen unaushaltbaren Schmerz, den ich kanalisiere. Und wenns der Schmerz ist, der durch zuviel Irrsinn und Unvernunft entsteht …

Die Behauptung, es gebe nur das biologische Geschlecht, ist für viele immer noch ein Dogma. In meiner Recherche zum Thema Transsexualität bin ich wiederholt auf ein Motiv gestoßen, das mich besonders irritiert hat: das Coming-Out eines Transmenschen innerhalb einer Beziehung. Eine Frau erzählt ihrem Freund nach Jahren der Beziehung, dass sie früher einmal ein Mann war. Der Mann ist daraufhin so erschüttert, dass er die Beziehung abbricht. Oft war auf Seite des Mannes auch von Gewalt oder Selbstmordgedanken die Rede. Ich habe mich da gefragt: Woher kommt diese Erschütterung? Ist der Vertrauensbruch hier wirklich so groß? Ist es Homophobie? Ist es die unterschwellige Angst vor der, äh, „Entmannung“? Und vor allem: Was sagt das über unser Zusammenleben aus? Aus welchem Grund ist der Gedanke, dass sich ein Mann durch hormonelle und chirurgische Eingriffe zu einer Frau formen kann, und umgekehrt, so verstörend? Warum wird diese rein individuelle Entscheidung im Leben eines Menschen immer wieder zum Sprengstoff, zum Politikum? Selbst liberalste Menschen ziehen bei der Transsexualität eine befremdliche Grenze. Man „steht halt nicht drauf“ oder „findet das komisch“ und akzeptiert es darum nicht. Andere reden von „Genderwahn“, argumentieren damit, dass die Sehnsucht nach einem Körper des anderen Geschlechts eine Störung sei. Klar, laut ICD-10 ist sie das auch – immer noch. Zwar werden die Krankheitsbilder „Störungen der Geschlechtsidentität“ im internationalen Krankheitsverzeichnis behalten, da so eine Geschlechtsumwandlung über die Krankenkassen finanziert werden kann – so hat mir das ein Arzt mal erklärt. Dieser ICD-10-Eintrag wird aber auch regelmäßig für die Pathologisierung und Anfeindung von Menschen gebraucht, die im anderen Geschlecht tatsächlich glücklich und gesund wären. Vor allem aber geht es hier darum, wie viel Freiheit wir dem Anderen zugestehen können. Wenn die Abweichung von der künstlichen gesellschaftlichen Norm so verurteilt wird, bis hin zur Gewalt – das ist etwas, da empfinde ich tatsächlich so einen Schmerz, wie du ihn in deiner Frage erwähnst. Ich denke, dass ich mit Mora Steinmann dafür eine Figur geschaffen habe, die im Stück vor allem ihre Stärken zeigt. Eigentlich ist sie von allen Personen die einzige, die wirklich fühlen und bewusste Entscheidungen treffen kann. Alle anderen sehnen sich nach dem Androiden, dem Hörigen, dem „Funktionierenden“. Sie wollen es „schön haben“, und machen ihre Vorstellung davon nicht nur zur Verhaltens-, sondern auch zur Körpernorm.

Du bist gerade für „Dramaturgie“ angenommen worden. Huihuihui … ist das der Abschied vom Slam?

Ich glaube, ich werde mich kaum vom Slam an sich verabschieden. Dafür mag ich das Format, den Speakers-Corner-Aspekt und das Publikum auf solchen Veranstaltungen viel zu sehr. Zudem habe ich viele tolle Menschen über den Slam kennen gelernt, die ich alle jetzt nicht missen will. Allerdings hat meine ursprüngliche Begeisterung für das Format stark nachgelassen. Kurz gesagt: Wenn man nicht mehr mit Herzblut hinter einer Sache stehen kann, sollte man es lassen. Auch, wenn es manchmal wehtut. Dafür können andere Dinge kommen. Vor allem die Erzieher-Praktika im Theaterbereich der KAOS-Kulturwerkstatt haben wieder mein Feuer geschürt, ich habe einfach gemerkt – ich muss nach meiner Erzieher-Ausbildung nochmal was mit Theater machen. Über eine ehemalige Mitbewohnerin habe ich vom Studiengang Dramaturgie erfahren und wusste – das ist es. Der Studiengang ist ein Intensivkurs in Theatertheorie und -praxis, da man als Dramaturg einerseits in wichtigen Entscheidungen wie der Spielplangestaltung mitredet, andererseits Inszenierungen künstlerisch und theoretisch begleitet. Zudem arbeitet man viel mit Texten – passt also. Natürlich bin ich nun überglücklich damit, dass ich für den Studiengang in Leipzig sogar genommen wurde. Ich habe aber gemerkt, dass diese Neuorientierung auch erfordert, dass ich mich von manchen Sachen klar trennen muss. Darum habe ich auch mein Amt als Moderator des Topical Island Poetry Slams komplett an die wunderbare Josephine von Blütenstaub übergeben, die zusammen mit Jan Lindner sicher einen tollen Job machen wird. Auf den Slam-Bühnen wird man mich aber sicher ab und an trotzdem sehen.

Wohin geht die Reise gesamtgesellschaftlich, Deiner Meinung nach? Und hat Theater Relevanz bei diesen Entwicklungen? Und welche?

Puh, ich glaube, nach dem ereignisreichen und unerfreulichen Jahr 2016 vermag ich im Moment kaum zu beurteilen, wohin uns der Weg führt. Ich denke, für Deutschland hängt das schlussendlich von der Stoßrichtung ab, die bei der Bundestagswahl gegeben wird, und da müssen wir noch bis September warten und hoffen. Mich wundert es manchmal, dass das Theater in Deutschland im politischen Diskurs selten als initiierend wahrgenommen wird – schließlich ist ja Präsenz von mit Aktualität aufgeladenen Inszenierungen und Stücktexten gerade extrem hoch. Da aber die Formensprache des Regietheaters den Leuten immer fremder zu werden scheint – was schade ist – sehe ich die größte gesellschaftliche Relevanz gerade tatsächlich in der Theaterpädagogik. Partizipative Theaterformate, wie sie an Bürgerbühnen und in Spielclubs umgesetzt werden, sind für jeden offen. Sie bieten eine Plattform für Statements, Meinungsäußerungen, aber auch für die Ausformulierung der eigenen Persönlichkeit, egal ob in einer Rolle oder als Privatperson. Ich habe selber als Spieler und Zuschauer erfahren, wie intensiv die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, auch politischen Themen gerade unter Jugendlichen sein kann – wenn man dafür sinnliche Kanäle schafft. Das verpasst ja die Schule sehr häufig, und da kann die Bühne auch zum utopischen Raum werden. Das Theater bietet die Möglichkeit, durch Partizipation die Diskurse aus der Gemeinschaft heraus zu kreieren, was meines Erachtens gerade in Zeiten der sozialen Entfremdung wichtiger ist als die Belehrung von oben herab. Zudem wird es immer wichtiger, die Plattformen künstlerischer wie verbaler Meinungsäußerungen zu nutzen, so lange sie noch da sind – in Wien wurde ja eine Jelinek-Aufführung mit Flüchtlingen von den Identitären blockiert, die AfD wünscht sich mehr deutsche Klassiker mit Heimatverbundenheit…

Du bringst Deinen Erstling auf der Terrasse der Kulturwerkstatt KAOS auf die Bretter. Warum dort?

Das hat schlicht damit zu tun, dass „NIE WIEDER SCHÖN“ ein Auftragswerk für die Kulturwerkstatt ist. Nach meinem ersten Praktikum ist die Leiterin des Theaterbereichs, Isabella Hertel-Niemann, mit diesem Auftrag an mich herangetreten. Über Isabellas quasi blindes Vertrauen in meine Schreibfähigkeit war ich erstmal überrascht. Als ich dann gehört habe, dass das Stück von Lisa Wilfert inszeniert und im Rahmen des Kultursommers aufgeführt wird, habe ich überwältigt zugesagt und mich an die Arbeit gemacht. In meinen Erzieher-Praktika habe ich die Kulturwerkstatt KAOS als Arbeitsort lieben gelernt. Noch nie davor wurde mir so viel zugetraut, noch nie davor habe ich mich an einem Platz so richtig gefühlt. Insofern freue ich mich darüber, dass gerade hier auch mein erstes Stück seine Uraufführung haben darf.

Solch ein Stück braucht fleißige Bienchen. Wer hat denn da gesummt? Und gerackert? Und welche Schauspieler*innen sind dabei?

Erstmal wird das Stück von der Schauspielerin und Regisseurin Lisa Wilfert inszeniert, die mit dem KAOS ja eine langjährige Liebe verbindet. Letztes Jahr hat sie mit „Acht Frauen“ eine wunderbare Inszenierung für das KAOS-Sommertheater gemacht. Ich bin gespannt, was sie mit meinem Text so anstellen wird – schließlich war ich als Autor auf keiner Probe dabei. Die Spieler*innen sind ebenfalls aus dem Dunstkreis des KAOS. Von den TheaterTeens, die ich auch im Praktikum begleitet habe, sind Sonia Glade (als Moras Schulfreundin Elisa) und Leo Notrott (als Android) dabei. Armin Schlegel (als Pfarrer) und Lena Perleth (als Elisas Mutter Silvia) sind über den Improtheater-Kurs dazugekommen. Sehr gespannt bin ich auf Jendrik Odenwäller, der sich auf die Hauptrolle eingelassen hat. Christian Strobl und Sandra Eckardt, die in den letzten Jahren neben dem KAOS auf vielen unterschiedlichen Leipziger Bühnen zu sehen waren, spielen schließlich Moras Eltern. Das Bühnenbild wurde in einem offenen Workshop mit der Künstlerin Sophie Uchmann erarbeitet, um das Kostümbild wiederum hat sich Tara Schmaderer gekümmert. Bühnenmusik gibt es schließlich vom Leipziger Produzenten Sebastian Starke. Dazu kommen noch die Regieassistentin Lisa Neinaß zum, Licht und Ton durch Christian Mendel und Jule-Elias Hertel, Öffentlichkeitsarbeit durch Friederike Blum… Viele der eben Genannten stecken ihre private Zeit und Motivation in das Projekt. Davor ziehe ich schon im Voraus meinen Hut. Wenn ich mit Lisa über den Probenprozess gesprochen habe, war einer ihrer ersten Sätze immer: „Sie alle haben so Bock.“ Ich denke, das steht für sich. Natürlich möchte ich mich schließlich noch bei Sarah Teicher bedanken, die in der Schreibphase eine strenge und konstruktive Beta-Leserin war. Nun sind es nur noch wenige Tage bis zur Premiere – das Warten auf Weihnachten ist nichts dagegen. Ich freue mich dann aber vor allem auf den Moment, wenn ich nach der Aufführung allen Beteiligten um den Hals fallen darf!

Danke, bester Nils – und weiterso anders bleiben.

Aufführungstage & Trailer & noch viel mehr:

http://wordpress01.kaos-leipzig.de/aktuelles/

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