Tanner traf die Blogosphären-Reiterin Therese Charlotte Peter: Ich bin wahrscheinlich genauso normal oder unnormal wie andere junge Frauen auch.

Intoleranz gibt es überall. Und oft sind die, die von sich selber glauben, dass sie von allen anderen Menschen Toleranz einfordern sollten, ebenso intolerant wie diese. Da schließt sich der Tanner nicht aus. Jedoch übt er sich. In Selbsthinterfragung und Selbstkritik. Ein guter Weg ein guter Mensch zu werden. Auf dieser Reise heraus aus der Instinktgetriebenheit traf er Therese, Blogosphären-Reiterin uuuuund: angehende Geistliche. Uff! Da mussten Vorurteile sortiert werden. Doch lest selber:

Dein Blog heißt Gedankenschleife, ein Begriff, der in der Psychologie negativ besetzt ist. Wieso hast Du ihn trotzdem so benannt? Was bedeuten Gedankenschleifen für Dich?

Für mich hatten diese Gedankenschleifen eine zeitlang tatsächlich einen negativen Charakter. Ich habe einen Artikel über „Hochsensibilität“ geschrieben, auch ein großes Thema in der Psychologie seit einigen Jahren. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und konnte damit als Jugendliche und junge Erwachsene schlecht umgehen. Oft habe ich nach einem Streit geweint. Während der andere den Streit schon längst vergessen hatte, grübelte ich tagelang vor mich hin. Kritik und Anfeindungen legte ich auf die Goldwaage. Ich interpretiere zu viel in die Worte von anderen Menschen hinein, oft missverstehen wir uns. Und schlimm ist es natürlich, wenn man von (den liebsten) Menschen verletzt und enttäuscht wird. Das zehrt an einem. Wie ich schon auf dem Blog beschrieben habe, dreht sich dann alles. Ich liege lange wach, mein Herz klopft. Als ich klein war, habe ich jeden Tag Tagebuch geschrieben. Als Jugendliche habe ich das meistens in Deutschklausuren herausgelassen oder bei Freunden. Während des Abis habe ich einen Mini-Roman geschrieben, der im Prinzip mein damaliges Leben gespiegelt hat. Seit Studienbeginn schreibe ich alles, was mir durch den Kopf geht, was sich zieht und mich nicht loslässt, auf. Schreibe Texte. Wenn ich meine Gedanken aufschreibe, dann hilft mir das wirklich sehr, abzuschalten und weiterzumachen. Und es hilft noch viel mehr, wenn man dann von Lesern hört: Ich bin so froh, dass es dir auch so geht! Dann kommt man nämlich aus der negative besetzten Gedankenschleife heraus.

Therese Peter – kurz bevor der Modelscout sie von der Straße weg verpflichtete, das Gesicht der neuen Miteinander-Kampagne zu werden.

Gedankenschleifen sind also in einem Moment unschön. Kreisende Gedanken, die einen unruhig machen und sich ziehen. Aber die man positiv umwandeln kann! Und genau das tue ich auf meinem Blog. Ich teile meine Gedanken, weil es mich erleichtert und andere zum Nachdenken anregt oder sie sich darin wiederfinden. Zudem können Gedanken, Ideen, Einfälle sehr schön sein. Wenn man verliebt ist, möchte man gar nicht mehr, dass sie gehen! Oder man produziert tolle Rezepte…

Du kommst aus der Kleinstadt. Aus welcher denn? Und was war Dein erster Eindruck von Leipzig? Und wie hat dieser sich gewandelt?

Um genau zu sein, bin ich in einem kleinen Dorf im Südharz am Fuße des Auerbergs aufgewachsen. 17 Jahre lang! In Sangerhausen, einer Kleinstadt, bin ich zur Schule gegangen und meine Heimat ist nun in Nordhausen, einer größeren Kleinstadt in Thüringen, wo meine Familie nun lebt.

Leipzig kannte ich schon durch meine Schwester, die hier studiert hat. Als Schülerin war das schon immer ein Erlebnis, hierher zu kommen. So groß, so aufregend, so modern. So verschiedene Menschen mit unterschiedlichsten Hautfarben, Klamotten; junge, schicke Mütter mit trendigen Kinderwagen. Studenten, die auf dem Campus herumsaßen. Gelächter in Cafés. Als ich dann selbst hierher kam zum Studieren hat sich das natürlich gewandelt. Früher dachte ich immer, dass ich wie alle anderen jede Woche feiern gehe und erst zum Mittag aufstehe. Jedoch war ich die ersten Semester so erledigt, wenn ich aus der Uni kam, dass ich darauf keine Lust mehr hatte. Griechisch und Hebräisch haben mir manchmal den letzten Nerv geraubt.

Hier in Leipzig bin ich irgendwie erwachsen geworden. Selbstständig, selbstbewusst. Und ich habe hier so tolle Freunde gefunden, die mit mir gewachsen sind. Und wir lieben es, uns in den Leipziger Cafés zu treffen und gemeinsam Zeit zu verbringen.

Leipzig ist für mich immer noch so schön wie vorher. Aber was eben auch daran hängt, ist Uni, Stress, Arbeit. Und ich habe gemerkt, dass ich frische Luft brauche, wie die im Harz. Deswegen bin ich auch gern ein „Heimscheißer“, wie manche so schön sagen.

Warum blogst Du?

Ich war schon immer ein Mensch, der gern viel erzählt. Manchmal ist das sicher auch naiv, manchen Menschen das ganze Leben zu erzählen. Aber ich habe gemerkt, dass sich Menschen öffnen, wenn man sich ihnen gegenüber auch öffnet. Ich habe es so oft erlebt, dass mir Menschen vertraut haben, etwas loswerden konnten, weil sie wussten, dass ich das auch tun würde. So ähnlich ist es auch mit dem Blog. Wenn ich meine Gedanken aufschreibe und anderen zeige, dann bekomme ich wirklich viel dafür zurück. Selbst die kleinsten Kommentare lassen mein Herz höher schlagen und erfüllen mich mit Liebe. Ja das hört sich kitschig an, aber es ist so. Und es interessiert mich einfach, was andere dazu sagen. Ob es ihnen genauso geht, ob sie es ganz anders sehen, etc. Man teilt Leidenschaften, wie das Kochen. Als ich ein Foto von selbstgebackenen Osterkränzen bekommen habe, die nach meinem Rezept gebacken wurden, da habe ich kurz vor Freude gequiekt.

Ermutigt hat mich eine liebe Freundin, die den Blog „Mamalismus“ hat. Wir studieren zusammen und ich durfte Texte auf ihrem Blog veröffentlichen, die tatsächlich gar nicht so schlecht ankamen…

Du bist Christin. Wie kommts? Und was bedeutet das konkret für Dich?

Ja, ich bin Christin und das sage und zeige ich ganz offen. Es gibt und gab da keinen „Punkt 0“, an dem alles anfing. Meine Familie hat nie Glauben gelebt. Mir wurden christliche Werte vermittelt, ja. Wir sind Heiligabend in den Gottesdienst gegangen. Ich habe beim Krippenspiel mitgemacht, aber das war’s. Meine Uroma war Christin und sie hat nicht offen darüber gesprochen aber ich habe sie dafür bewundert, wie stark sie (mit Gott) ist. Sie hat so viele Tiefschläge in ihrem Leben erfahren aber trotzdem hat sie mir einmal gesagt, dass sie an Gott glaubt und ihr das Kraft gibt – auch, wenn sie manches nicht versteht. Dass ihr das wichtig ist. Ich habe mich als Kind sehr für Religion interessiert, hatte eine Kinderbibel, wollte gern Reli-Unterricht machen. Und dann gab es da eine ganz besondere Pfarrerin, die an meiner Grundschule Religion unterrichtet hat. Wir haben Bibelgeschichten nachgespielt, haben Manna-Brot gebacken, über das Miteinander geredet. Wir waren auch an manchen Nachmittagen bei ihr und haben gesungen, Quatsch gemacht, gekocht. Mit ihr konnte man über alles reden. Das waren sehr schöne Momente. Am Gymnasium war das ähnlich. Meine Religionslehrerin hat einen sehr wissenschaftlichen Unterricht gehalten, der mich begeistert hat. Irgendwann habe ich das Vaterunser gelernt und seit ich 10 Jahre alt bin, bete ich jeden Abend. Ich rede über meine Sorgen, über meine Angst. Ich danke dafür, was mir für schöne Dinge passieren. Das heißt, ich bin Christin und lebe meinen Glauben. Ich erzähle anderen von „krassen“ Erfahrungen, die ich gemacht habe, dass mein Hund, nachdem er nach einem Unfall durch eine durchbohrte Lunge fünf Liter Blut verloren hat, und trotzdem entgegen aller Erwartungen bei uns geblieben ist. Ich gehe ab und zu in den Gottesdienst. Das heißt, nicht immer aber immer bewusst. Und ich arbeite in der „Herzschlag Jugendkirche“ in Nordhausen mit. Ich lebe Gemeinschaft mit anderen, genieße die Nähe und die Gespräche, habe Spaß und organisiere mit. Ich koche mit meiner Gruppe dort zusammen, denn Liebe geht durch den Magen und uns alle verbindet die Liebe zu Gott.

Aber ich möchte eben auch zeigen, dass es nichts unnormales oder freakiges ist, Christin zu sein. Ich blogge über alltägliche Themen, habe genauso Liebeskummer wie andere, trinke beim Karneval auch mal einen Schnaps zu viel, ziehe mich gern schön an und gehe shoppen. Christ sein heißt nicht, sich in einer Kirche einzuschließen, auf Alkohol und Liebe/ Sex zu verzichten, keine Freunde zu haben und seltsam auszusehen, mit einem großen Holzkreuz herumzulaufen. Ich bin wahrscheinlich genauso normal oder unnormal wie andere junge Frauen auch. Aber ich lebe eben mit Gott in meinem Herzen und einer dünnen Silberkette um den Hals.

Leipzig ist Schmelztiegel vieler Konfessionen, ja sogar Konfessionslose gibt es – und das Zusammenleben und Miteinander erfordert Toleranz und Gelassenheit. Funktioniert das? Welche Wege führen Deiner Meinung nach zu mitmenschlichem Gemeinsamleben?

Eine schwierige Frage, auf die ich nicht im Ganzen antworten kann. Mein erster Gedanke war „Ja“. Ja, ich erlebe ein tolerantes Leipzig als Studentin. Ich erlebe Begegnungs-Cafés, Kirchen, die sich engagieren. Ich war letztens bei einem Konzert in der methodistischen Gemeinde und wurde so herzlich empfangen und es interessierte niemanden, ob ich lutherisch-evangelisch bin. Wir waren einfach zusammen. Ich denke, dass sich die (meisten) christlichen Konfessionen hier in Leipzig austauschen und helfen. Die Veranstaltungen der SMD finden bei den Baptisten statt und als ich einmal dort war, hat mich das schon kurz gewundert, wie normal das ist.

Ich erlebe andere Religionen, die sich hier gut eingliedern. Ich lerne Ivrit und war letztens zum Pessach-Fest in der Synagoge und war auch dort sehr willkommen.

Muslime treten hier in Leipzig mit anderen Religionen in Kontakt. Ich stelle immer wieder fest, dass es die Gespräche sind, die Erfahrungen und Momente miteinander, durch die man sich besser kennenlernt. Nur durch das Aufeinanderzugehen, nur durch Gespräche, durch das Kennenlernen, kann man Vorurteile abbauen, Angst abbauen. Man kann sich austauschen und selbst wenn es Differenzen gibt, sich darüber verständigen. Und das funktioniert in Leipzig gut, weil Orte geschaffen wurden und werden, an denen das passieren kann.

Allerdings muss ich auch eingestehen, dass es Anfeindungen gibt. Vor allem in letzter Zeit beobachte ich in der Straßenbahn betrunkene, stinkende Männer, die nicht nur ekelhafte Kommentare von sich geben, sondern die auch junge Frauen anderer Hautfarbe oder mit Kopftuch anpöbeln. Dann sehe ich, dass alle Angst haben und sich niemand traut, etwas zu sagen. Ich fürchte mich in diesen Situationen selbst und wenn man jemanden anspricht, ob er einem helfen könne, diese Pöbelei zu unterbrechen, erhält man nur ein Schulterzucken.

Ich selbst habe von Konfessionslosen Anfeindungen über die Studentenplattform „Jodel“ erfahren. Ab und zu kommen dort Themen hoch, wozu man Religion braucht, warum manche Theologie studieren, warum man im Ethik-Lehramt eine Bibelkunde-Prüfung ablegen muss usw. Ich habe mich irgendwann einmal eingeschalten, um eine Frage zu beantworten. Ganz freundlich und neutral. Plötzlich ging eine Lawine von Beschimpfungen los, wovon „Kinderschänder“ schon das harmloseste war. Das heißt, auch ich als Christin habe es in einem christlich geprägten Land nicht einfach. Muss mich rechtfertigen, auf Menschen zugehen. Letztes Semester habe ich mich in einer Klinik um Menschen gekümmert und Seelsorge angeboten. Es war nicht selten, dass man bei dem Wort „evangelisch“ aus dem Zimmer geworfen wurde. Ich habe es auch erlebt, dass mir jemand hinterherrief, dass ich meinen „scheiß Wachtturm woanders verteilen“ solle. Nur zur Info: der Wachtturm ist ein Magazin/eine Zeitschrift der Zeugen Jehovas, also einer anderen Konfession als der evangelischen. Das heißt: es fehlt auch an Bildung. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man als gebildeter Mensch eine gewisse Kenntnis über Religionen und Konfessionen haben sollte, denn nur dann kann auch ein vernünftiger Dialog zustande kommen.

Was lernt man eigentlich in Deinem Studium? Ich kann mir das garnicht richtig vorstellen.

Ich studiere evangelische Theologie. Die meisten, wie auch ich, gehen danach ins Vikariat und werden Pfarrer und Pfarrerinnen. Viele schlagen aber auch die wissenschaftliche Schiene ein, promovieren, unterrichten Studenten etc. Der Pfarrberuf ist sehr vielseitig. Man hält Gottesdienste in seinen Gemeinden, man bietet Seelsorge an, man unterrichtet Kinder und Konfirmanden, geht in die Schulen für Religionsunterricht. Man tauft, verheiratet und beerdigt. Das heißt, man ist für Menschen in jeglichen Lebenslagen da.

Im Studium werden wir darauf (teilweise) vorbereitet. Die Bibel ist natürlich unsere Basis: Altes und Neues Testament werden in verschiedenen Modulen behandelt und geprüft. Deswegen muss man auch Altgriechisch und Althebräisch beherrschen sowie Latein. Hinzu kommen Systematische Theologie, Philosophie, Praktische Theologie, Kirchengeschichte und Religions- und Gemeindepädagogik. Das heißt: natürlich ist das sehr viel Theorie, aber es gibt auch immer wieder praktische Elemente. Letztes Semester war es bei mir die Klinikseelsorge, dieses Semester der Schulunterricht. Im Sommer habe ich in Südthüringen ein Praktikum gemacht und alle Bereiche einmal „getestet“. Ursprünglich habe ich Theologie studiert, um Journalistin zu werden. Allerdings kommt ja immer alles anders als man denkt. Spätestens seit dem Praktikum weiß ich, dass ich Pfarrerin werden möchte und durch den Blog habe ich nun ja auch einen journalistischen „Ausgleich“.

https://www.gedankenschleife.de/

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