Tanner trifft Michael Schweßinger: Ein überredeter Mensch ist ein Verlust, kein Zugewinn.

Sich an eine wachsenden Stadt heranarbeiten, Gedanken fließen lassen, Widerspruch zulassen und dann auch noch mit offenem Visier miteinander reden, dies sind Zeichen von Freundschaft und Mitmenschlichkeit. Michael Schweßinger und Volly Tanner besprechen seit Jahrzehnten Krisen der Stadt, vergewissern sich im Mit- und Untereinander ihrer Standpunkte und tauschen diese aus. Wird Leipzig härter? Wird Leipzig kalkulierter. Und was ist nur mit dem Menschen los? Lest und hinterfragt Euch selber.

VT: Guten Tag Michael. Es wird langsam Zeit miteinander zu reden. Du als der Weltenwanderer und ich als der Hierbleibende. Trotzdem kommen wir hier in Leipzig beide immer wieder zusammen, als wenn dies hier ein Topf wäre und wir alle die Gewürze. Du siehst die Stadt seit Jahren in Veränderung, bist immer wieder weg und kommst zurück und machst Dir Gedanken. Welches Gefühl hast Du derzeit? Im März 2017?

MS: Hallo Volly, schön mal wieder mit dir zu quatschen. Ja, in der Tat sehe ich die Stadt auch in Veränderung, ich bin ja jetzt das erste Mal seit fünf Jahren wieder eine längere Zeit in Leipzig. Mein Urteil ist natürlich noch ein wenig getrübt von der südandalusischen Sonne und Lebensart, die mich das letzte Jahr über begleitet hat. Nachbilder, die die eine Welt noch in eine andere mithineinnehmen, aber dadurch auch die Differenz sichtbar machen. Mir scheint es ein wenig, als wäre die Stadt etwas erkaltet und statischer geworden. Die Lebensentwürfe sind durchgeplant und die Verschwendung von Zeit oder Leben, die einfache Fähigkeit, sich dem Leben hinzugeben, ist verloren gegangen. Es gibt zwar an allen Ecken „Endless Party“, aber die einfache Neugier ohne Plan, die spielerische Freude ist auf dem Rückzug. Die Menschen funktionieren immer besser, könnte man mit Schrecken feststellen. Fast symbolisch erschien mir eine Szene, die ich in einer der Kneipen beobachtete. Ein Gast leert seine Bierflasche und wirft sie durch den Kneipenraum, um gleich danach bei der Bedienung nach Kehrschaufel und Besen zu verlangen. Die Erbärmlichkeit einer Revolte, die ihr Scheitern schon einkalkuliert. Kalkuliert, vielleicht ist das wirklich das Wort, das am besten passt. Die Frage, ob sich etwas rentiert oder von Nutzen ist. Ich habe manchmal das Gefühl, man spielt nur noch ein Leben vor, um sich nicht einzugestehen, dass man gar nicht lebt. Aber wie geht es dir denn in Leipzig?

Jeder Ort ist Welt. Michael Schweßinger auf dem Lindenauer Markt.

VT: Ich kann da bei Deinen Beobachtungen völlig mitgehen, komme jedoch zu einem Schluss daraus: wieder Räume und Veranstaltungen zu schaffen, die experimentell und lebensfroh sind, nicht um gegen all die anderen zu sein, sondern um mit den anderen zu sein. Bei Deiner Beobachtung zum Thema Erkaltung gehe ich auch konform. Ich hörte gestern ein Kinderlied, da sang ein HerrH: Wir rennen immer hinter den anderen her, als ob deren Rasen grüner wär` – Ich denke, dieses Rennen und die Angst nicht dazuzugehören, das ist problematisch. In Zeiten in denen Städte sich ändern, müssen die Menschen sich sortieren. Dazu brauchen sie Luft zum Atmen, keine Parolen an den Wänden. Mich öden diese dauernden Besserwissereien, getarnt als Street-Art, nur noch an! Mündige Menschen können selber denken. Wer allen Menschen immer seine Meinung aufdrückt, ist ja auch nur ausschließlich (im Wortsinne). Und wir von der schreibenden Zunft müssen den Leisen und Verstummten wieder eine Aufmerksamkeit entgegenbringen. Die sich hier die Meinungshoheit erarbeitet haben, schreien mir zu viel. Aber Kultur ist immer Wellenbewegungen unterworfen. Was denkst Du, haben die wirklich Stillen überhaupt noch eine Chance?

MS: Ja, Wellenbewegung, da ist was dran. An der Angst auch, die ist spürbar. Es ist ein Gefühl, das ich gar nicht kannte die letzten Jahre, aber man spürt es heraufkriechen. Ich hatte letztens ein Gespräch mit einer jungen Frau und auch ihr Grundgefühl war Weltangst. Das erstaunte mich, da sie schon im Ausland studiert hatte und sich eigentlich keine Sorgen machen musste, was die Zukunft betraf, dennoch eine unglaubliche Lebensangst. Die Angst tritt ja immer da auf, wo die konkrete Furcht nicht vorhanden ist. Wenn ich mich vor etwas fürchte, dann kann ich dagegen angehen, aber die Angst ist ein Abstraktum, ein diffuses Gefühl, das lähmt. Ich hatte jahrelang schwere Depressionen und dadurch, dass ich die Welt der Sicherheit hinter mir gelassen hatte, also einfach ohne großen Plan im Ausland gelebt hatte, löste sich diese Angst auf und mit ihr auch die Depressionen. In Deutschland kann einen ja eigentlich nicht viel passieren, man ist abgesichert. Vielleicht ist es gerade das, was der Angst Nährboden bereitet, dieses vorgezeichnete Leben. Das Fehlen von Furcht.
Meinungen, ja, wer anderen seine Meinung aufdrückt, nimmt der Welt etwas an Vielfalt. Ein überredeter Mensch ist ein Verlust, kein Zugewinn. Jeder kann nur immer seinen eigenen Weg gehen. Das ist jedoch kein einsamer Weg. Sokrates Dialoge enden fast immer in der Aporie. Also wissen wir nicht was die Wahrheit ist, na gut, versuchen wir dem Thema beim nächsten Mal näher zu kommen. Dieses „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist völlig verschwunden. Welche Diskussionen enden noch in Ratlosigkeit? Das ist jedoch die Philosophie der Stillen, die nicht auf alles eine Antwort haben. Wie viele Schreihälse hat diese einfache Schönheit des Denkens überdauert? Wie viele Wahrheitsverkünder sind in der Geschichte verschwunden? Das Stille fließt weiter und die Chance ist in jedem Moment vorhanden. Es ist die Chance, einen Schritt zurückzutreten, zu erkennen, dass wir alle sterblich sind und einfach zu staunen. Weil du die Streetart ansprichst. Ich sehe auf Flyern überall diese Kampfessymbolik und Parolen, aber kann man das Stille erkämpfen?
Von dem Kollegen Christian von Aster hatte ich die Tage eine wunderbare Geschichte gehört. Der Mensch ist das einzige Wesen, welches den Dingen Bedeutung verleihen kann, sagte da einer seiner literarischen Charaktere. Den Dingen Wert zu geben, ist das Gegenteil von kapitalistischer Wertschöpfung. Wenn ich mir bewusst Zeit nehme für einen Menschen, ohne Terminplan im Hinterkopf, dann ist das revolutionärer als jegliche Parole an der Wand. Ich habe in Andalusien Althippies getroffen, die noch nie im Internet waren. Die Gespräche waren von völlig anderer Natur. Ohne Hysterie und ohne online-Petitionen für die letzten Tiger oder sonstwas. Vielleicht müssen wir gar nicht tagtäglich versuchen die ganze Welt zu retten. Einfach Menschen zuhören. Geht es dir ähnlich?

VT: Das Zuhören, das Ausredenlassen – das ist ja Teil meiner Arbeit mit den „Menschengesprächen“, landläufig gern Interviews genannt. Ich denke auch, dass da viele Ideen und Lösungen schlummern. Besonders Lösungen. Gespräche statt Geschrei. Doch das Geschrei ist so laut! Und es wird immer schwerer, genau zuzuhören. Da nehme ich keine politische Kraft aus. Es wird emotional agiert, unkritisch reagiert und dazu diese „Ich bin besser als Du! Du hast überhaupt keine Ahnung“-Menthalität. Inhuman!

Ich versuche ja auch immer anzuregen, nicht nur für sich selber, sondern gemeinschaftlich zu denken. Das wird auch immer schwieriger. Und dazu dann diese Sprach-Vergewaltigungen: Begriffe werden umgedeutet. „Solidarisch“ heißt dann auf einmal auch nur noch: Für mich & meine Freunde & für alle anderen nicht. Können wir uns irgendwann wieder auf den Inhalt der Sprachsymbole einigen? Sprechen wir überhaupt noch von denselben Dingen? Ich las vorgestern ein Plakat: TEILEN IST SCHÖN! Meinte der Plakataufsteller sich selber oder nur die anderen Menschen? Teilt er wirklich? Teilt er konsequent? Ist Konsequenz überhaupt möglich? In unserer verzahnten Welt? Umberto Eco sagte einst: Jedes komplizierte Problem hat eine einfache Lösung – und diese ist immer die FALSCHE! Wie können die Hiesigen überhaupt wieder miteinander leben? Ich meine MITEINANDER, nicht gegeneinander?

MS: Ich glaube das Sprache und Symbole immer dem Zeitgeist unterliegen. Die Vielfalt der Deutungsmöglichkeit macht ja auch das Schöne an Sprache aus. Redeten wir jemals von denselben Dingen oder wird es uns nur gerade deutlicher bewusst, dass wir es nicht taten, weil die politischen Floskeln den Diskurs dominieren und nur klare Grenzen vertragen. Dieser politische Diskurs ist aber so moralisch ideologisiert, dass ich oftmals das Gefühl habe, dass die Diskussion schon religiösen Charakter haben. Selbst Gysi meinte ja in seiner Leipziger Kanzleirede, dass zurzeit nur die Kirchen- und Religionsgemeinschaften in der Lage sind, allgemeinverbindliche Moralnormen aufzustellen. Das ist ja wie eine Kapitulation. Die Rückkehr der Götter. Religiöse Moralvorstellungen sind ja exklusiv, sie funktionieren über Abwertung der Anderen. Ich frage mich, wenn die Linken in dieser Frage die Weiße Flagge schwenken, wer verteidigt eigentlich noch die Freiheit? Die Freiheit war für mich immer verwandt mit der Uneindeutigkeit, mehr die anarchische Freiheit eines Camus denn eines Sartre. Die Freiheit, die um ihre Zerbrechlichkeit weiß und sich immer wieder neu erschaffen muss. Diese suchende Freiheit, lebendig, nicht festgelegt in einem „Du sollst nicht“. Wo finden sich die Verteidiger dieser Freiheit? Wo finden sich die Menschen, die dazwischen stehen, die nicht auf Eindeutigkeit drängen, sondern die Vieldeutigkeit der Welt verteidigen? Dieses „Dazwischen-Stehen“, niemands Knecht, niemands Herr. Für ein Miteinander braucht man Menschen, die aufeinander zugehen. Menschen, die keine geistigen Grenzzäune errichten, sondern Breschen schlagen. Ehrlich, da sehe ich gerade nicht so viele davon.

VT: Ich denke, eine der vordringlichsten Aufgaben eines Schreibenden ist es, zu warnen, vorauszuschauen und Krisen zu benennen. Die große Kunst ist dann, zu den Krisen auch noch Lösungen anzubieten, die den vielen Menschen, den Mündigen, den unverschuldet Unmündigen aber auch den selbstverschuldet Unmündigen die Möglichkeit humaner Existenz aufzeigen. Nicht als Dogma, eher als Gesprächs- oder Ideenangebot. Die Neubauten singen in „Von der Befindlichkeit des Landes“: Alles nur zukünftige Ruinen. Auch Goethe lässt sprechen: Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht!

Das schlägt in Deine Kerbe der „Nicht festgelegten Freiheit“. Freiheit – ein Wort für Plakate! Genau wie der Begriff der zu verteidigenden Werte in der Gemeinschaft. Da frage ich mich immer: welche Werte sollen das denn sein? Hast Du welche anzubieten, die heilend, gar gemeinschaftlich sind?

MS: Lösungen anbieten glaube ich eher nicht. Wege zu zeigen, vielleicht. Also wenn ich schreibe, versuche ich die Welten, die ich durchreise, einzufangen. Ihre Schönheit, manchmal auch ihre Tristesse, aber in jedem Fall ihre Einzigartigkeit und die Individuen, die mir begegnen. Was Literatur machen kann ist, das Dogma der Alternativlosigkeit zu durchbrechen, indem es die Welt in ihrer Vielheit einfließen lässt. “ Well, if you want to sing out, sing out and if you want to be free, be free ‚cause there’s a million things to be you know that there are“, singt Cat Stevens in Harold and Maude. Ein Film, der mich immer wieder aufheitert. Harold ist ja am Anfang in der Alternativlosigkeit gefangen, wenn man so will und erlebt durch Maude, dass es eben fantastisch viel zu erleben gibt. Also lebt ein wenig, bevor der Vorhang fällt, kann man da nur sagen. Da ich keine Vorstellung habe, was das sein soll, eine Gemeinschaft, weiß ich auch nicht, was ich da verteidigen soll an Werten. Durchsetzungsvermögen und Leistung, diese Werte werden doch proklamiert und zwar nicht erst seit gestern. Das andere ist ja nur ein sozialer Anstrich, den man sich gibt. Also versuch dich mal beispielsweise mit den Werten der christlichen Nächstenliebe auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Da kürzt dir aber jemand schnell dein Arbeitslosengeld, wenn du sagst: „Sorry, hab aber dem anderen den Vortritt gelassen, weil er in größerer Not war.“ Wer alles tut, damit eine Gesellschaft fragil und egoistisch wird, soll mir nicht mit diesem Gelaber kommen, wenn das dann aus dem Ruder läuft. „Ich mache mir aus einem Philosophen gerade so viel, als er imstande ist ein Beispiel zu geben. … Aber das Beispiel muss durch das sichtbare Leben und nicht bloß durch Bücher gegeben werden, also dergestalt, wie die Philosophen Griechenlands lehrten, durch Miene, Haltung, Kleidung, Speise, Sitte mehr als durch Sprechen oder gar Schreiben.“, meint Nietzsche in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen. Da bin ich bei ihm. Sprache alleine, erschöpft sich, wenn sie nicht durch das eigene Tun Nahrung erhält. Meine Art von Wertevermittlung ist meine Art zu leben, die auch in mein Schreiben einfließt, aber ich mach da keinen Mehrwert draus, der sich vermarkten lässt.

VT: Danke, Michael, dies solls fürs Erste gewesen sein, schließlich sollen Menschen das ja lesen, was wir hier besprechen. Bestimmt kommen wir zu einem neuen Zeitpunkt wieder zueinander. Fühl Dich umarmt, Freund.

MS: War mir eine Freude. Bis die Tage.

Michael Schweßinger. Das neueste Buch: Beim Esel links

http://www.periplaneta.com/Produkt/editionen/subkultur-editionen/beim-esel-links-buch/

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