Tanner trifft den Herausgeber der Literaturzeitschrift DRECKSACK, Florian Günther: Wegducken, sich in waghalsigen Experimenten verlieren, gilt nicht.

Irgendwann trat der Tanner mal mit Florian Günther auf, damals in der Leipziger Moritzbastei. Ein Buch mit den Haudegen des literarischen Undergrounds sollte unter die Leute & der Florian und der Tanner waren da mit drin. Nun gibt es seit sieben Jahren den DRECKSACK mit Florian in Front. Grund genug, mal reinzuharken:

Guten Abend, Florian. Ich bekam vor einigen Tagen eine Mail von Dir mit folgenden Hinweisen: Der DRECKSACK ist seit sieben Jahren mit mittlerweile 27 Ausgaben am Start und jetzt meinst Du, dass er etwas Reklame bräuchte, auch außerhalb Berlins. Das finde ich ja auch. Deshalb: wer ist denn der DRECKSACK?

(lacht) Viele denken – warum auch immer – das sei ich. Aber so schlimm bin ich eigentlich gar nicht …

Christian Werner hat den Florian Günther fotografiert, spazierend, zwischen den Einbahnstraßen.

Christian Werner hat den Florian Günther fotografiert, spazierend, zwischen den Einbahnstraßen.

Machst Du das alles alleine?

Nein. Wir sind ein dreiköpfiges Team, in dem ich die Hosen anhabe und der Prügelknabe bin (insbesondere dann, wenn es gilt, Texte abzulehnen). Aber ich beziehe auch Außenstehende mit ein, wenn mir das ratsam erscheint.

In den 90gern gab es eine hohe Zeit der Independent-Literatur-Zines, ich durfte selber zwei davon herausgeben, die „Vergammelten Schriften“ und die „EjaculatA“. Mittlerweile bist du da wirklich fast allein auf weiter Flur. Wo sind denn all die literarischen Rebellen hin? Hat der Nachwuchs keine Böcke mehr auf klare Worte?

Gute Frage, die ich eigentlich nur schwer beantworten kann, denn ich kenne mich in dieser Szene kaum noch aus. Was aber auffällt, ist, dass die Rebellen unter den Autoren seltener werden, von Autorinnen ganz zu schweigen. Woran das liegt weiß ich nicht. Vielleicht wollen sie ins Fernsehen. Aber wir erleben das ja auf allen möglichen Gebieten. Wenn ich zum Beispiel aus meinem aktuellen Buch „Schutt“* lese, wundert es mich immer, an welch harmlosen Stellen die Leute schon den Atem anzuhalten scheinen. Mich erinnert das immer an die Merkel und ihren Satz „Deutschland geht es gut!“. Die Leute scheinen das wirklich zu glauben.

Du selber bist ja auch Schriftsteller. Hast echt einige heiße poetische Eisen ins Feuer gehalten. Und bist Dir dabei absolut treu geblieben, wie es scheint. Wars schwer all die Jahre?

Schwer wäre gewesen Tag für Tag stupide und zum Mindestlohn an einem Fließband zu stehen, oder den Kindern sagen zu müssen, dass sie nicht mit den anderen ins Schwimmbad dürfen, weil die Kohle nicht reicht.

Mit welchen Autoren hast Du denn den DRECKSACK schon gefüllt? Und wie läuft das mit der Bezahlung? Für die kleine Kohle, die Du pro Stück verlangst, kannst Du doch kein fettes Zeilenhonorar zahlen.

Das sind knapp 200, deren Namen ich unmöglich aufzählen kann. Aber es gibt eine Seite auf der Verlags-Homepage, wo sie alle aufgelistet sind: www.edition-luekk-noesens.de/drecksack.

Waren es am Anfang noch viele Autoren aus der deutschen Underground-Szene, so sind es heute Autoren – inländische wie ausländische –, die vor allem eins verbindet: Sie drücken sich nicht. Sie schreiben klar, kurz, unterhaltsam und verständlich – also auf Risiko. Wegducken, sich in waghalsigen Experimenten verlieren, gilt nicht, so dass man ohne Fremdwörterlexikon auskommt. Das mit dem Geld ist ein weites Feld, über das ich hier nicht reden will. Aber natürlich können wir es uns nicht leisten, Honorare zu zahlen. Das Einzige, wovon wir viel haben, ist Engagement, und zwar von allen Beteiligten.

Wo gibt es denn für interessierte Enthusiasten den DRECKSACK zu erstehen?

Leider nur noch in sehr wenigen Läden; viele machen ja gerade dicht, jedenfalls hier in Berlin, weil die Mieten immer mehr steigen. Aber auch hier muss ich auf die Verlags-Homepage verweisen, dort kann man das alles nachlesen. 90% der Zeitschriften verkaufen sich über das Internet.

Was treibt Dich eigentlich an, immer weiter zu machen? Du bist ja nun auch nicht der Poetry-Slam-Bühnen-Geile. Also ists mit Ruhm und medialer Aufmerksamkeit auch eher schlecht bestellt. Warum schreibst Du und warum reitest Du das literarische Pferd immer weiter? Sinds die Frauen?

(Lacht) Na, die halten einen ja eher davon ab! Aber um auf deine Frage zu antworten: Ich könnte mir nichts vorstellen, mit dem sich die Zeit besser vertreiben ließe. Aber würde ich einfach so aufhören können, täte ich es vermutlich. Aber das Bücher- und Zeitschriftenmachen ist eine Sucht. Die wird man schwer wieder los. Und was die mediale Aufmerksamkeit angeht: die findet praktisch nicht statt, das muss ich ehrlich sagen. Trotzdem läuft der Laden immer noch. Und nicht alle freuen sich darüber.

Es gibt immer wieder Menschen, so kommt es mir hin und wieder zu Ohren, die Deine Schreibe mit der von BUK vergleichen. Stößt das eigentlich sauer auf? Oder ist es eher eine Ehre? Erzähl mal bitte, was Du da so denkst.

Ich hatte gestern einen feuchtfröhlichen Abend mit einem Fotografen aus Los Angeles, dessen Fotos wir im aktuellen DreckSack haben. Und der hat den Bukowski mal getroffen. Und obwohl ich eigentlich neidisch auf seine ausgezeichneten Fotos sein müsste, beneide ich ihn eher darum, dass er diesem Mann mal die Hand geschüttelt hat. Bukowski wird immer in meinem Herzen bleiben, auch wenn das jetzt schwülstig klingt, und ich habe ihm soviel zu verdanken, wie er seinen Idolen. Aber diese Vergleiche hinken schon deshalb, weil sie oft von denen kommen, die ihn gar nicht, oder nur flüchtig gelesen haben. Fakt ist, dass diese Schuhe nicht nur eine Nummer zu groß für mich wären, wenn ich denn versucht wäre, sie mir anzuziehen. Aber wenn es den Leuten hilft, mich einzuordnen, bitte.

Wann kommt denn eigentlich der nächste DRECKSACK heraus?

Im April, also alle drei Monate. Januar, April, Juli, Oktober …

Danke, Florian für Deine Antworten. Und immer weiter so, es braucht viele kleine Steine gegen den wahnsinnigen Strudel der Zeit.

Neuester Stuff von Florian Günther:

www.edition-luekk-noesens.de/neuerscheinung

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