Tanner traf den SAFE-Streetworker Tino Neufert: Und wenn vorne geschoben wird, fällt hinten was runter.

Leipzig wächst und wird enger. Dort, wo vor vielleicht fünf Jahren noch Freiräume für Träumer zuhauf waren, sind jetzt Menschen, die ihre Träume verwirklichen. Und die eben auch das Recht haben, ihre Träume zu verwirklichen.

Dabei kommen leider auch Menschen an die Ränder. Und denen muss Stimme gegeben werden. Nicht nur, um politisch daraus in Wahlzeiten Profit zu schlagen, sondern von Herzen. Wie Tino Neufert.

Tanner sprach mit ihm:

Erzähl mal bitte, Tino: Was ist Dir wichtig, was willst du, dass unbedingt vermittelt werden sollte?

Unsere Arbeit hat sich in den letzten Jahren verändert und diese Veränderung hält an, das ist wichtig zu wissen, und das erzählen wir auch jedem, der es hören will. Als Streetworker für erwachsene Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, sehen wir den Lindenauer Markt als ein Sammelbecken oder vielleicht besser gesagt als ein Abbild des Leipziger Westens und vielleicht auch der gesamten neuen und wachsenden Stadt Leipzig. Wo wir früher Gespräche über Alkoholkonsum und Möglichkeiten einer Entgiftung führten, versuchen wir jetzt immer öfter, Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit zu verhindern oder verteilen tatsächlich Schlafsäcke und Isomatten. Ich glaube, jedem, der den Lindex ab und zu mal besucht, fällt das auf – Da verändert sich was. Mein Eindruck ist, dass es bei den Veränderungen in der Stadt zum überwiegenden Teil um finanzielle und wirtschaftliche Belange geht. Der menschliche/soziale Aspekt scheint dabei schnell verloren zu gehen. Gerade Menschen mit wenig Einkommen profitieren nun mal nicht vom neuen Biomarkt oder der dritten Kiezkneipe. Und wenn vorne geschoben wird, fällt hinten was runter. Durch den Wegfall kleinerer Plätze oder die Verdrängung der Menschen von dort, treffen sich seit 2012 immer häufiger die „Verdrängten“ direkt auf dem Lindex. Das stört sicher einige Menschen, aber es ist nun mal Realität, die man nicht einfach verschwinden lassen kann. Wir kommen mit diesen Menschen regelmäßig in Kontakt, fragen wie`s geht, sprechen mit ihnen. Dabei stellen wir immer wieder fest, wie herzlich und nett diese Leute sind trotz der zum Teil sehr widrigen Bedingungen in ihrem Leben.

Tino Neufert am Eingang zum Lindex.

Tino Neufert am Eingang zum Lindex.

Wir sprachen schon öfter miteinander, besonders über den menschlichen Aspekt – wobei Du immer wieder darauf verweist, dass Betroffene zuallererst auch Menschen sind.

Das sind Leute wie du und ich, das wollte ich dir gleich am Anfang schon sagen – keine Betroffenen. Sie freuen sich, leiden, lachen, weinen, haben mal Geld, mal keins, schimpfen über andere und vertragen sich dann wieder. Mal klappt das Leben, mal klappt es nicht, so wie immer und überall. Von was sollen die denn betroffen sein? Von was bist du denn betroffen? Ach ja sie trinken und das noch öffentlich zu unmöglichen Zeiten, an denen „rechtschaffene Bürger“ arbeiten. Alkoholkonsum im öffentlichen Raum als gesellschaftliches Ausschlusskriterium? Mensch, und da sind ja seit kurzem noch die Bettler, die Straßenmusikant, die Kippe-Verkäufer. Was machen die denn jetzt alle hier?

Vielleicht merkt ja mal jemand, dass da grundsätzlich was im Argen liegt und wir aufhören sollten, in solchen Kategorien zu denken.

Du „entwickelst“ Menschen nicht, Tino. Wie meinst Du das? Was sind die Hintergründe?

Es scheint ja häufig so, dass die Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, unbedingt Unterstützung benötigen, es kann sogar gut sein, dass diese Annahme im Einzelfall stimmt. Wir vom Streetwork gehen jedoch nicht generell davon aus, alle auf den rechten Weg bringen zu müssen. Vor kurzem hatte ich so ein Gespräch – Arbeit sollte man diesen Menschen doch geben, sie zu Beschäftigung anhalten, damit alles besser wird. Doch oft wird vergessen, dass dieses Leben nicht immer nur schlecht ist, das die Menschen sich durchaus auch wohlfühlen und zufrieden sind.

Wir sind da, wenn es mal nicht klappt oder auch, wenn der einzelne seinen Lebensentwurf überdenkt und ändern möchte, wir sind aber auch da für ein lockeres Gespräch, eine Tasse Tee und den neuesten Kitzklatsch oder die Fußballergebnisse. Das ist immer ein Miteinander und nie ein Ziehen und Zerren, ein „Verändere dich jetzt, damit du reinpasst“. Das bringt sowieso nichts. Selbst wenn ich jemanden „überrede“, eine Entgiftung zu machen oder eine Schuldnerberatung aufzusuchen, funktioniert das nicht, wenn mein Gegenüber das nicht will. Das merkt er dann spätestens, wenn er vor der Tür des Krankenhauses oder der Beratungsstelle steht und sich fragt, was er hier jetzt soll. Zuhören, Beraten, Informieren, Aufklären und gegebenenfalls vermitteln, wenn es der Mensch vor dir möchte – das sind unsere Aufgaben und dabei bleiben wir.

Wenn Du mit Deinen ganz persönlichen Erfahrungen die Welt verändern könntest – oder sagen wir einmal: dieses Land. Was würdest Du ganz konkret tun?

Ich würde sie alle dazu zwingen, eine Zeit lang in der Situation des „schlimmstmöglichen Feindes“ zu leben (HA, HA, HA!!!) – Beziehung herstellen und leben ist (fast) alles für mich.

Kontakt zum Suchtzentrum & dem SAFE-Streetwork:

http://www.suchtzentrum.de/streetwork/safe-streetwork

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