Tanner trifft den SF-Magazin-EXODUS-Mitherausgeber Olaf Kemmler: Eine ganze Generation ist mit Elfen sozialisiert worden und das vielleicht nicht ohne Grund.

Olaf Kemmler bringt zusammen mit René Moreau, Heinz Wipperfuerth, Fabian Tomaschek und einem Team von Lektorinnen und Lektoren das Magazin EXODUS heraus. Beheimatet in den unendlichen Weiten der Science Fiction ist diese Zeitschrift nicht nur schon lange am Start, sondern auch gut anzuschauen. Und lässt sich auch auf die philosophischen Aspekte dieser Kunst ein. SF kann Lösungen aufzeigen, kann warnen und kann das Bewusstsein weiten. Und sollte deshalb viel gelesen werden. Tanner traf Kemmler – hier ist das Interview:

Guten Tag, Olaf Kemmler – Du bist einer der Herausgeber der SF-Zeitschrift EXODUS. Gerade kam die Nummer 35 heraus, was ja auf jeden Fall schon einmal für Euer Durchhaltevermögen spricht. Ein Highlight in der vorherigen Nummer 34 war der Text von Andreas Eschbach, schlichtweg einer der Bestseller-Autoren im Genre. Wie seid Ihr denn an den heran gekommen? Ist Eschbach überhaupt bezahlbar?

EXODUS leistet sich natürlich ausschließlich gute Autoren. Bei unserer Auflage kein Problem … (Hüstel)

Okay, jetzt im Ernst: Andreas haben wir auf dem WetzKon kennengelernt und uns bei Pizza ganz nett unterhalten. Die Gelegenheit haben wir sogleich beim Schopfe gegriffen und dreist nach einer Geschichte gefragt. Ein paar Ausgaben zum Kennenlernen haben wir ihm sogleich mitgegeben. Die Reaktion darauf haben wir tatsächlich schon oft erlebt: „Wie konnte dieses Magazin bisher meiner Aufmerksamkeit entgehen?“ Er hat spontan eine Geschichte zugesagt und wollte nicht einmal Geld dafür haben. Andreas schreibt nicht nur gut, er ist auch ein echt super Typ. Sehr sympathisch. Aber er ist ja nicht der erste bekannte Autor, der bei uns veröffentlicht. Zuletzt hatten wir Boris Koch und Uschi Zietsch war auch schon zu Gast, um nur ein paar zu nennen.

Der qualitative Spagat ist ein schmerzhaft breiter. Beim Text »Electronica« von Michael Gernot Sumper bekam ich regelrecht graues Haar. Nun ist der Autor jugendfrische 23 Sommer jung – in dem Alter schrieb ich auch Undurchdachtes. Aber warum ist denn der Text so bei Euch veröffentlicht wurden? Da sind massenhaft logische Fehler drin, die Sprache ist plump etcpp…
Zu wenig Zusendungen?

Einen Mangel an Einsendungen gibt es bei uns nicht. Es soll schon vorgekommen sein, dass wir auch Texte von Preisträgern abgelehnt haben. Aber was in der Kunst gut und schlecht ist, darüber lässt sich trefflich philosophieren. Was dem einen als plumpe Sprache erscheint, ist dem Nächsten erfrischende Klarheit. »Electronica« hat tatsächlich auch positive Reaktionen erhalten. Davon abgesehen freuen wir uns immer wieder, wenn wir jungen, unbekannten Autoren eine Chance geben können.

Olaf schaut in die Zukunft - in Geschichten und in Magazin.

Olaf schaut in die Zukunft – in Geschichten und in Magazin.

Ich bin ein großer Fan der SF. Besonders mag ich die lyrische Prosa und intellektuelle Größe von Ray Bradbury. Wo sind denn in Deutschland die wirklichen Talente? Gestern unterhielt ich mich mit dem Heyne-Core-Krimiliteraten Ulf Torreck und der meinte auch: SF ist das nächste große Ding. Wo aber sind die, die sich nicht nur Marktmechanismen unterwerfenden, sondern auch literarisch begeistern?

Darf ich das jetzt sagen, ohne, dass das Eigenlob zum Himmel stinkt? Aber ich meine es durchaus ernst: Bei EXODUS und NOVA wird man fündig! Wäre die eine oder andere Geschichte nicht unter dem Namen eines unbekannten Autoren erschienen, sondern vielleicht unter einem großen Markennamen (Im Dschungel der unzähligen Neuerscheinungen sind Namen erfolgreicher Autoren nichts anderes als Marken, an denen sich Leser orientieren), dann hätte so mancher Text große Entzückung hervorgerufen. Aber unserer Psychologie kann keiner von uns entkommen. Wenn wir genau wissen, dass ein Wein richtig teuer war, schmeckt er uns besser. Tatsache. Oder wie Nietzsche einmal gesagt hat: „Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende unterschätzt.“ Aber die Kunst, unvoreingenommen zu lesen, beherrscht keiner von uns, auch wenn sich das Herausgeber-Team bei den Story-Angeboten sehr darum bemüht.

Kommen wir zum zweiten Teil der Frage: SF war das letzte große Ding und ist für uns doch immer noch das ganz große Ding. (Jedenfalls, wenn man im EXODUS-Elfenbeinturm lebt, Ha Ha!) Vermutlich zielt die Aussage auf die Möglichkeit ab, viel Geld zu verdienen? Ob das mit SF in geschriebener Form in absehbarer Zeit grundsätzlich wieder möglich ist … warten wir’s ab. Da darf man aus vielerlei Gründen skeptisch sein. Eine ganze Generation ist mit Elfen sozialisiert worden und das vielleicht nicht ohne Grund. In einer Zeit, in der wir ständig der nächsten Entwicklung hinterherlaufen, einen hysterischen Heulkrampf kriegen, wenn wir nicht das neueste Handymodell besitzen, sehnt man sich zurecht nach einer Welt voller Magie, die noch einfach und verständlich ist. Außerdem ist SF so sehr in unserer alltäglichen Kultur aufgegangen, dass man damit keine besondere Aufmerksamkeit mehr wecken kann. Außerirdische verkaufen uns Handy-Tarife, kaum ein Abend, an dem nicht auf irgendeinem Sender ein Raumschiff explodiert. Es ist schwierig geworden, über die Zukunft nachzudenken und sich etwas auszumalen, das uns angenehm in Staunen versetzt. Meine Beobachtung ist, dass die Menschen den Glauben an die Gestaltbarkeit der Zukunft verloren haben. Jeder weiß, dass sich bald ganz viel verändern wird und dass man selbst an dem Prozess wenig mitwirken kann. Also lässt man die Zukunft auf sich zukommen, wie es die Leute in der Zeit vor der Erfindung des Fortschritts auch getan haben. Ein weiterer Punkt sollte nicht unerwähnt bleiben: Wer für die wissenschaftlich-technisch geprägte Variante der Phantastik anfällig ist, hat sein Lager entweder bei Star Trek oder Star Wars aufgeschlagen. Neben diesen viele Milliarden Dollar schweren Unternehmen ist es für einen einzelnen Autoren fast unmöglich geworden, mit einem eigenen Universum, das nur aus einem oder drei Romanen besteht, Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Reviere sind abgesteckt und die Konsumenten wollen immer und immer wieder in die gleiche Phantasiewelt reisen. Abseits dieser Imperien müsste sich die SF noch einmal völlig neu erfinden.

Die SF – das nächste große Ding? Warten wir es ab. Es wäre schön.

Artwork #34

Artwork #34

In der deutschen SF – auch in der EXODUS – wird zwar in Zukunft geschrieben, jedoch sind es dann doch eher Romanzen oder Schlachtengetümmel oder Krimis….Ist das freie bewegliche Denken – auch an Ideen außerhalb der Kapitalismus-Welt – so schwer? SF-Schaffende sollten doch auch Visionäre sein.

Die von dir angesprochene Innovation lassen die SF-Texte der letzten Zeit wirklich vermissen. Aber es gibt Ausnahmen. Charles Stross hatte ein paar unglaubliche Ideen. Robert Charles Wilson hat in „Spin“ die Stellung des Menschen in einem riesigen Kosmos definiert, die wirklich verblüffend war. Viel erfolgreicher hingegen war „Der Marsianer“, wo es nichts Neues zu lesen gab. Ein Überlebenskampf auf einem unwirtlichen Planeten. Zugegebenermaßen so eindringlich geschildert und gut recherchiert wie noch nie zuvor. Ansonsten liebt es die Szene, große Momente der Vergangenheit immer wieder zu zitieren oder (mehr oder weniger) neu zu interpretieren. Ich wünsche mir auch mehr kreative Innovation. Viel mehr. Da ich selbst auch schreibe, kann ich mich gleich an die eigene Nase fassen.

Artwork #35

Artwork #35

Wie bist Du eigentlich zum EXODUS-Magazin gekommen? Man wacht ja nicht eines Tages auf und ist Herausgeber einer Hochglanz-Zeitschrift.

Wo ist dein Glaube an Wunder? Bei mir war es tatsächlich so ähnlich: Ich bin eines morgens aufgewacht und mir wurde bewusst, dass aus mir am Abend vorher ein Herausgeber geworden war. Einfach so. Fast ohne Vorwarnung. Der Initiator und Kopf des Magazins ist natürlich René Moreau. Was ihn in den Siebzigern dazu bewogen hat, ein solches Projekt zu starten? Ich weiß es aus erster Hand! (Hi hi) Die Begeisterung für Science Fiction im Allgemeinen, für Autoren wie Ray Bradbury im Besonderen, und eine große Portion jugendlicher Übermut. Was ihn später dazu bewogen hat, den Phönix aus der Asche auferstehen zu lassen? Wer kann schon erklären, woher so ein Kribbeln kommt? Heinz Wipperfürth hat sich als Lektor angeboten und ich bin hinzugestoßen, als die beiden in der Szene um Unterstützung gebeten hatten. Dann ist die Sache einfach gewachsen und sie wächst noch. Entgegen dem Trend der Szene ist unsere Entwicklung kontinuierlich positiv. In ruhigeren Momenten, also beim Feierabendbier, staunen wir selbst darüber am meisten. Mit Fabian Tomaschek haben wir nun auch einen Linguisten an Bord. Es geht also weiter …

EXODUS besticht auch durch die Graphic-Strecke. In der Nummer 34 sind da Werke von Markus Vogt in der Galerie. Wie sucht Ihr die Künstler aus?

Eigentlich brauchen wir da selbst kaum mehr aktiv zu sein, denn die »Galerie« in EXODUS ist inzwischen zu einer wahren Institution avanciert und hat sich damit zu einem begehrten Selbstläufer entwickelt. Es haben schon einige namhafte Künstler hier ihre Werke einem interessierten Publikum vorgestellt.
Für die kommenden drei bis vier Ausgaben ist da eigentlich schon alles in trockenen Tüchern. Und bis wir soweit sind, stehen – garantiert – die nächsten Anwärter bereit.

Danke, Olaf für Deine Antworten – und weiterhin soviel Kraft im Dienste der SF.

EXODUS – »Science Fiction Stories & phantastische Grafik«

https://www.exodusmagazin.de

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