Laudatio zur Einzelausstellung von Anija Seedler bei ZAROF; Leipzig – 18.08.2016

geschrieben & gehalten von Volly Tanner

Die große lettische Schriftstellerin Zenta Maurina, bekannt besonders durch ihre Essays – die Sie, liebes Publikum, natürlich alle kennen – und von diesen ganz herausragend: Kleines Orchester der Hoffnung; schrieb einst: „Drei Dinge sind es, die die Weiterentwicklung eines Künstlers bedrohen: Selbstzufriedenheit, Resignation und Verbitterung.“

Und sie wusste, aufgrund der Zeit und der Umstände in der sie lebte, ganz genau, was sie da meinte.

Heute haben sich die Zeiten rasant geändert, doch der Grundkonsens dieser Aussage ist immer noch wahr – wie vor etwas mehr als hundert Jahren. Wer sich nicht eine herzenswarme Leichtigkeit erhalten kann, ein Schmunzeln gar oder ein Lächeln, der wird kein Künstler, sondern einfach nur noch böse.

Heute dürfen wir auf einen klitzekleinen Ausschnitt aus dem immensen Werk der Künstlerin Anija Seedler schauen. Dabei lässt sie uns Eintritt nehmen in ihr Imperfektes Kino, wartet doch im Hintergrund Scheinwarnpracht und ein liebevoller Blick auf späte Mädchen – und dort, gleich hinter der nächsten Mauer sprenkeln die faszinierenden, immerwährend voller Wunder und Schönheit tanzenden Fremde(n) Gärten in Bildern ihre Welt.

Zu ihrer, gerade erwähnten, Serie „Fremde Gärten“ nimmt sie, auf ihrer eigenen Homepage, Anlauf mit einem Zitat von Nick Cave: „Es gibt Wahrheiten, die unter der Oberfläche der Worte ruhen, die sich urplötzlich zeigen, wie die Buckel eines Seemonsters, und dann wieder verschwinden.“ und sagt damit eigentlich alles aus, was da zu wissen ist.

Anija Seedler im ZAROF Hauptquartier.

Anija Seedler im ZAROF Hauptquartier.

Nungut, der heute Schauende sollte doch noch einiges mehr wissen über Anija Seedler – auch um ihr Werk einordnen zu können. Seit 1997 nahm sie an mehr als 75 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen teil. Die großen Galerien Frankreichs, Italiens und der hiesigen Hemisphäre schmückten und schmücken sich mit ihren Bildern. Sie kassierte Preise noch und nöcher, vom Phönix Kunstpreis München über den Kunstpreis der Stadt Limburg, das Leonardo da Vinci Stipendium der Stadt Dresden oder das Stipendium des Deutsch-Französischen Kulturrats. Ihre Bilder sind dauerhaft öffentlich zugänglich, da aufgekauft, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Museum für zeitgenössische Kunst, Neue Sächsische Galerie Chemnitz, den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus, der Stiftung Moritzburg Halle (Saale) und der Akademie der Künste Berlin. Es gibt Bücher mit ihren Werken zu Texten in Italien und im ganzen deutschsprachigen Raum, Bezüge zu DaDa, das köstliche Verse-Illustrationen-Buch „Erdferkel werkeln ewig“, Minialben und viele andere Spuren, die zu verfolgen hinein in ihr Leben und Schaffen führen und einen imposanten, bereichernden und wundervoll konstruktiven Weg aufzeigen.

Was uns zurückführt zum am Anfang bemühten Zitat von Zenta Maurina ist jedoch der den Bildern innewohnende Humor, der nie gallig, nie zynisch und polternd ist – eher leise und weise. Nicht nur ihr luftiger Strich, ihre Konzentration auf die Form, gepaart mit einer konsequenten Philosophie des Weglassens und Respekts vor den Möglichkeiten der Phantasie, nein, auch im Gespräch bewahrt sie sich – auch nach all den Jahren permanenter Produktion und Auseinandersetzung mit der Kunst – ihr Augenzwinkern.

Schauen Sie sich um, ganz besonders viele Tiere und auch ein paar Menschen.

Befragt nach dem ganz speziell Hiesigen, Leipzscherischen, in ihrer Arbeit und dem daran angebundenen: Kann man Kunst eigentlich verorten? erwidert sie: „Du meinst Kümmellikör und Leipziger Lerchen? Lerchen schon. Gelegentlich bis häufig kann man Kunst gut verorten. Je nachdem, woher die Impulse der Künstlerin oder des Künstlers kommen. Mich reizen insbesondere die Sachen, die fehlen, zur bildlichen Umsetzung, zum Beispiel südostasiatische Tiger. In der Konsequenz wäre das nicht Leipzigerische das typisch Leipzigerische in meinen Arbeiten. Aber stimmt, es gibt auch Dialoge zwischen dem schönen Leipzig und mir. Aufgrund der brachen Flächen am Stadtrand wurden meine Formate größer. Jetzt bei 2 x 3,5 Meter maximaler Bilformatsausdehnung kommen die Investoren und der Baulärm. Es wird eng, die Bilder sicher demnächst kleiner.“

Und nach ihrer Philosophie – erwachsen aus der dauerhaften Mitgliedschaft im Kunstbetrieb – befragt, welche ja gern in hiesigen Kunsträumen und von jungen Kunstathleten ausgefochten extrem depressiv daherkommt, meint sie: „Ich weiß gar nicht, ob ich ordentliche Mitarbeiterin des Kombinates Kunstbetrieb bin. Ob ich die richtige Idiotie, ähhhh …, Ideologie dafür mitbringe. Alles geht den Bach runter. Die Welt ist nicht zu retten. Aber am Ende wird alles gut. Und – wie Oscar Wilde so schön sagte – wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Ich glaube an den Wandel, an Bewegung und Entwicklung. Ich glaube aber auch, dass es auf der Welt einige grundlegende Mysterien gibt, die das Planen und Berechnen begrenzen. Nein, ich glaube nicht, dass alles den Bach hinunter geht. OM.“

Derzeit gibt es eine fulminant gefeierte Einzelausstellung von Anija Seedler in Lissabon, im dortigen Goetheinstitut und von September bis November ist sie Teil der Biennale sächsischer Druckgraphik – 100 sächsische Grafiken 2016 in der Neuen Sächsischen Galerie/ Museum für zeitgenössische Kunst zu Dresden.

Und sie ist heute auch unter uns. Um mit uns ins Gespräch zu kommen. Um ihre Bilder sprechen zu lassen und uns fühlen und staunen zu lassen. Weil es darum ja auch immer gehen sollte in der Kunst. Wie der englische Kunsthistoriker Ludwig Goldscheider so schön zusammenfasste: „Ein kleiner Künstler zeigt seine Weltanschauung, ein großer Künstler seine Welt.“

Und dies respektvoll und schmunzelnd.

P.S. Die Sympathie zu Frau Rieger und die schönen Räumlichkeiten sind Grund für diese Ausstellung (normalerweise macht Anija Seedler solche galerie- und museumsfernen Sachen eher nicht). Auf die einmalige Möglichkeit, Bilder sowie Bücher und den aktuellen Katalog (Vorzugspreis) zu erwerben, möchte ich natürlich hinweisen. Und, dass gerade ein schöner Poetryletter bei Fixpoetry erschienen ist, der gern bestellt werden kann. Ach – und die Erdferkel gehen im Herbst in eine neue Auflage. Da kann und sollte fleißig vorbestellt werden.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

http://www.anija-seedler.de/

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS, Portrait abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Laudatio zur Einzelausstellung von Anija Seedler bei ZAROF; Leipzig – 18.08.2016

  1. Tobias schreibt:

    Hat dies auf studio4einhalb rebloggt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s