Tanner trifft die Soziokratin Ria Kesselring: Mich nervt dieses ganze ineffektive Palavern.

Menschen stehen sich gern selbst im Weg. Besonders gern verhaken sie sich in Programmierungen, die die Kommunikation erschweren bis völlig unmöglich machen. Ria Kesselring hat da genug Erfahrung um gerade jetzt an einen Punkt zu gelangen selber das Ruder in die Hände zu nehmen und das gesellschaftliche Schiff langsam auf einen anderen Kurs zu bringen. Soziokratie ist ihr Ansatz – und Tanner fragte nach, was dies sein soll:

Volly Tanner: Guten Tag Ria Kesselring. Du bist das Gesicht der Soziokratie in Leipzig. Wenn ich den Begriff Soziokratie in der Straßenbahn laut ausspreche, bekomme ich aus dem Umfeld angsterfüllte Blicke zugeworfen. Das versteht sich, haben doch viele uninformierte Hiesige Dauerangst, besonders vor Begriffen mit -mus am Ende oder mit -kratie. Was ist das denn überhaupt – diese Soziokratie?

Ria Kesselring: Jetzt muss ich aber schmunzeln… Jetzt bin ich das Gesicht der Soziokratie in Leipzig. Das erinnert mich daran, dass man manchmal einfach nur so tun muss als ob man was kann. Aber diese Krone lass ich gerne auf. Von Soziokratie hab ich das erste Mal etwas vor einem Jahr gehört, weil die Leute vom Ancient-Trance-Festival damit arbeiten. Seitdem mache ich da mit und habe mich tief in das Thema gestürzt. Soweit, dass ich mich jetzt als Organisationsberaterin selbständig mache.

Im Prinzip ist Soziokratie eine Möglichkeit, Gruppen zu organisieren. Besonders geeignet für Gruppen in den es keinen Chef gibt. Ich komm ja aus der Leipziger Wohnprojekte-Szene und habe da in den letzten 13 Jahren in unterschiedlichsten Konstellationen mit unterschiedlichsten Menschen gelebt. Ich habe in diesen Jahren tausende Stunden in langweiligen Plenarsitzungen und ätzenden Befindlichkeitsrunden verbracht. Mich nervt dieses ganze ineffektive Palavern und am Ende passiert nichts. Auf Dauer mein eigenes Ding zu machen befriedigt mich aber auch nicht, weil die Arbeit in Gruppen einfach mehr Spaß machen kann.

Soziokratie – ein großes Wort – war da sehr erhellend. Es ist ein Methodensystem, eine soziale Technologie, die Gruppen dabei unterstützt, Verantwortung zu verteilen, Rollen zu legitimisieren und weise Entscheidungen zu treffen. Befindlichkeiten werden da hingepackt, wo sie hingehören und bei allem was getan wird, wird darauf geachtet, dass wirklich alle einbezogen werden. Für mich sehr erleichternd ist, das Konsent-Entscheidungen getroffen werden und das heißt, dass ich nicht zu allem Ja sagen muss – aber schwerwiegende Einwände einbringen kann. Soziokratie steht mit ihren Grundprinzipien auch für mehr als nur Methode, sie hat eine ethische Basis, die meiner Weltsicht entspricht. Aber das könnt ihr auch alles in Zukunft auf meiner Internetseite nachlesen. Auf englisch gibt es das schon auf sociocracy30.org. Meine Seite wird eine deutschsprachige Opensource-Lern- und Vernetzungsplattform für autodidaktische Teams. Ich suche dafür auch noch Leute, die das mit verwirklichen möchten und gerade vor allem nach Geldquellen.

Ria Kesselring kommt um die Krisen zu hinterfragen.

Ria Kesselring kommt um die Krisen zu hinterfragen.

Volly Tanner: Barbara Strauch und Annewiek Reijmer haben ein Buch geschrieben: „Soziokratie – Das Ende der Streitgesellschaft“. Nun, so wird suggeriert, gehört Streit jedoch zur Demokratie. Ist Soziokratie flächendeckend möglich? Ist die Gesellschaft – und damit meine ich die breitaufgestellte – überhaupt fähig, solche Konzepte aufzunehmen und umzusetzen? Oder ist Soziokratie ein Nischenkonzept?

Ria Kesselring: Das Buch erscheint gerade erst und wird auf der globalen Soziokratie-Konferenz in ein paar Tagen in Wien vorgestellt.

Ich glaube, dass es eine Möglichkeit gibt, schon jetzt etwas ganz konkret für gesellschaftliche Veränderungen zu tun. Das ist mein Ziel.

Soziokratie 3.0 ist sehr anpassungsfähig und Teams können sich genau ihre eigene Form nach und nach zusammenstellen und das geht überall wo Teams zusammenarbeiten. In der freien Marktwirtschaft, im Verein und auch in Schulen.

Die Holländer gehen seit vielen Jahren voran und die Regierung hat bereits Gesetze angepasst. Die Möglichkeiten sind unglaublich. Die Soziokratie als Bewegung in Deutschland ist im Vergleich ganz am Anfang, erfährt aber gerade einen Aufwind. Diese Woche fahre ich zur Gründungsveranstaltung eines Soziokratischen Zentrums in Deutschland. Dort kommen zertifizierte Vertreter klassischer Soziokratie und Anhänger der Opensource-Bewegung zusammen. Das wird richtig spannend, weil dort verschiedene Interessen aufeinandertreffen.

Und gestritten wird überall, es geht ja eher darum, das zu kultivieren.

Volly Tanner: Du willst Dich mit dem soziokratischen Ansatz selbstständig machen. Wie soll das genau geschehen? Was ist Dein Produkt? Was bietest Du an? Wer ist Deine Kundenschaft?

Ria Kesselring: Meine Seite habe ich ja schon erwähnt. Und dann werde ich in Zukunft meine Aufmerksamkeit verkaufen. Ich gehe in Projekte und Organisationen und schaue mir an wie die so funktionieren. So als Sozialwissenschaftlerin bringe ich den theoretischen Hintergrund mit, aber tatsächlich bin ich eher diejenige, die über die Organisation lernt. Ich mache einfach transparent, was ich erkenne und kann Hinweise geben. Ein Fokus, der mich immer interessiert, ist Verteilung von Macht und Strukturen, die Gewalt verhindern oder bedingen. Durch gezielte Workshops kann ich Teams unterstützen, ihre eigene Soziokratie zu erfinden und in ihr Potenzial zu kommen. Diesen Blick auf Gruppenprozesse habe ich übrigens schon immer und jetzt habe ich einfach nur eine passende Berufsbezeichnung gefunden und werde auch noch für meinen Senf dazu bezahlt. Das ist großartig.

Volly Tanner: Du bist auch mittenmang im Projekt Ökodorf Wolfen-Nord. Erzähl doch mal ein bisschen, was Ihr da macht.

Ria Kesselring: In Wolfen Nord wird gerade ein Plattenbaugebiet zurückgebaut und wir wollen dort perspektivisch ein Ökodorf als Stadtteil entwickeln. Wir befinden uns in der Gründungsphase und suchen Mitstreiter. Das wird ein größeres Ding. Wir wollen perspektivisch auf mindestens 200 Menschen anwachsen und dort leben. Platz ist aber für noch mehr Menschen.

Verfolgen kannst Du das auf www.herzensgemeinschaft-wolfen.org

Besonders freut mich, dass ich gestern die Zusage für ein Projekt an der HTWK in Leipzig bekommen habe. Ich werde dort als Dozentin mit Studenten aus verschieden Fachbereichen und den Mitgliedern unsere Gemeinschaft ein ganzheitliches Stadtteilkonzept für Wolfen-Nord entwickeln. Wir als Gemeinschaft bekommen die Expertise der Hochschule und die Studenten bekommen Punkte. Das Projekt wird selbstverständlich soziokratisch organisiert sein und von den Studenten selbst gestaltet werden. Wir werden Fachleute und Akteure aus Wolfen mit in den Kreis holen und dies auf Augenhöhe. Es wir ein transdiziplinäres und interdiziplinäres Vorzeigeprojekt, um mit noch mehr hübschen Fremdwörtern umher zu schmeißen. Los geht es im Oktober.

Volly Tanner: Und das funktioniert? Ich habe ja schon viele intelligente Projekte scheitern sehen, weil der menschliche Aspekt (Neid, Missgunst, Negativität, Faulheit, Bequemlichkeit, der Drang zu herrschen) in der konzeptionellen Entwicklung vernachlässigt wurde. Wie umschifft Ihr dieses Problem?

Ria Kesselring: Das werden wir ja sehen, ob das funktioniert. Einen Versuch ist es wert und es macht mir gerade viel Freude, dieses Projekt mit voranzutreiben. Ich mag unsere Gruppe sehr gerne und fühle mich selbst sehr unterstützt.

Ich bin ja auch schon ein paar Mal gescheitert und hab keine Angst mehr davor. Gerade der Gemeinschaftsprozess in der Metarosa war sehr schmerzhaft, aber eben auch sehr lehrreich für mich. Da waren die Besitzverhältnisse einfach ungünstig verteilt. Das wusste ich schon vorher, aber ich habe an die Menschen geglaubt, die dabei waren. Heute weiß ich, dass das nicht reicht, weil jeder so seine Schatten einbringt. Macht ist geil. Es ist daher wichtig, genauer hinzuschauen, was man als Gruppe so zementiert und wer welchen Einfluss wo hat. Es hilft aber auch nicht irgendwelche hohlen Vereinbarungen zu schließen, aus Angst, dass hier wer Macht ergreift. Es geht ja darum, alle zu ermächtigen. Und was braucht es dafür? Für mich ist der Schlüssel Bewusstsein. Und da kommt wieder die Soziokratie ins Spiel, weil sie die Möglichkeit bietet, einen Rahmen zu setzen, der uns gemeinsam als Team lernen lässt – auch mit allen scheinbar großen Unterschieden und Hürden.

Volly Tanner: Ich denke, wir sollten bewusster mit Begriffen umgehen – da scheint mir der Ansatz Soziokratie hilfreich: viele Menschen vermischen beim Begriff System Kapitalismus und Demokratie, beim Begriff Tätigkeit mündige Arbeit und Erwerbstätigkeit, beim Begriff Wut Angst und Furcht und Bequemlichkeit, beim Begriff Denken Programmierung, Manipulation und Freiheit. Wo stehst Du: am äußeren Ende der Verwertungslogik?

Ria Kesselring: Ich stehe mitten im Leben. Diese ganzen Begriffe sind wichtig, aber ich mag vor allem gerade mehr anderen zuhören, als irgendwelche Theorien aufzustellen. Was für mich entscheidend ist, ist endlich ausdrücken zu können, was ich mir für die Welt wünsche. Zeitweise erlaube ich mir da meine wissenschaftliche Denkweise und meinen spirituellen Überbau zu verlassen und in der Realität anzukommen. Meine drei Kinder helfen mir dabei, zu erkennen, was wirklich wirklich wichtig ist.

Volly Tanner: Danke, liebe Ria für Deine Antworten und gut, dass es Ideen und Visionen gibt, die anders sind als Mauernbauen und Schießbefehl an der außeneuropäischen Grenze.

Ria Kesselring: Vielen Dank auch an Dich, Volly!

sociocracy30.org

www.herzensgemeinschaft-wolfen.org

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2 Antworten zu Tanner trifft die Soziokratin Ria Kesselring: Mich nervt dieses ganze ineffektive Palavern.

  1. Daniel Wagner schreibt:

    der sociocracy30.org-link ist unsauber (mit irgendsonem gmx deref-dings) eingebettet und funktioniert deswegen nicht bei einem einfachen klick.

  2. Pingback: Ökodorf bauen als Studienfach an der HTWK – herzensgemeinschaft-wolfen.org

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