Tanner trifft Eva Brackelmann von „Neue Nachbarschaft“: Von meinen Bekannten erwarte ich schlicht, dass sie sich informieren.

Zwischen Menschen sollte Wärme sein und Licht. All das Gehasse und Gedemütige, all die Wut und undifferenzierte Emotionalität, das Instinktive und Inhumane, all das kann einem Menschen schon mal gehörig auf den Wecker gehen.

Ich rufe raus in die Welt: Wo seid Ihr? Ihr Humanen?

Und hin und wieder meldet sich dann auch jemand auf meinem Weg durch die Zeit. Heuer Eva Brackelmann, Danke fürs Sein:

Liebe Eva, Du organisierst mit Freunden die Aktionsreihe „Neue Nachbarschaft“. Kannst Du das Team bitte ein bisschen vorstellen – und wer kommt zu Euch und nutzt das Angebot?

Lieber Volly, das ist schon mal richtig: Da sind eine ganze Menge Menschen am Start. Wir von der ‚Neue(n) Nachbarschaft‘ arbeiten in der Konstellation seit Oktober 2015, also unsere Projektgruppe gibt es seitdem. Gearbeitet für und mit Geflüchtete haben die einzelnen Menschen schon seit Sommer 2015. Wir sind so 10 bis 15 Ehrenamtliche, die unterwegs sind. Da treffen Ältere und Jüngere zusammen, Studierende, Menschen in Rente, Berufstätige, Mütter, Väter, halt alles Menschen, die Lust haben, gemeinsam etwas für und mit Geflüchtete im Leipziger Westen zu tun. Übrigens auch mit und ohne christlichen Hintergrund.

Warum aber in der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz?

‚Neue Nachbarschaft‘ hat sich aus der gemeinsamen Arbeit in der Erstaufnahmeeinrichtung Ernst-Grube-Halle zwischen Pfarrer Martin Stemmler-Michael und mir entwickelt. In der EAE haben wir für die Geflüchteten Gottesdienstbesuche organisiert, Seelsorge vor Ort und Freizeitangebote. Wir haben vorher keinen ‚Glaubens-Check‘ gemacht, wer reden wollte, konnte reden, egal welchen Glaubens.. Das ging auch nur so gut dank der ehrenamtlich Dolmetschenden, die in der Flüchtlingsarbeit eine ungemein wichtige Arbeit machen. Dazu haben viele Ehrenamtliche aus der Kirchgemeinde Deutschunterricht für Geflüchtete durchgeführt und sich ehrenamtlich in der EAE betätigt.

In der Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz herrscht eine unglaublich offene Atmosphäre. Das ist mir als evangelische Christin außerordentlich wichtig. Es ist dort möglich, auch mal quer zu denken und sich kreativ zu betätigen. Oder so formuliert: Hier gibt es nicht zuerst ein ‚Das geht nicht‘, sondern eher ein ‚Tolle Idee, wie setzen wir das um‘?

‚Neue Nachbarschaft‘ bündelt nun als ständige Gruppe folgende Angebote für und mit Geflüchteten, die von Dolmetschenden begleitet werden und sich an alle Menschen, egal welche Religionszugehörigkeit oder Nationalität, richtet. Einmal im Monat führen wir die ‚Nachmittage der Begegnung – Gemeinsam leben: Austausch – Gespräch – Integration‘ durch. Da gibt es Kinderbetreuung, Gespräche und natürlich leckeres Essen. Dort wird Musik gespielt und sich ausgetauscht. Auch hier sind Dolmetschende dabei. Wichtig ist uns die geschlechtersensible Ansprache: Wir werden an den Nachmittagen eine Frauenrunde einführen, um dort ohne Männer zu reden. Auch sind immer Dolmetscherinnen dabei. Dann veranstalten wir ‚Eine neue Heimat‘: Dies ist eine Veranstaltungsreihe, die in den Stadtteil hineinwirken möchte und rund um das Thema ‚Flucht, Asyl, Ankommen in Deutschland‘ Vorträge und Gespräche anbietet. Länderabende zu den Herkunftsländern (Iran, Irak, Syrien, etc…) sollen von den Geflüchteten selber durchgeführt werden.

Die ehrenamtlichen Deutschlehrenden sind teils in der Soccer-Hall-Plagwitz noch aktiv, teils haben sie sich bei der ‚Villa e.V.‘ bei den Deutschkursen eingefunden. Einen Stammtisch für die Ehrenamtlichen, um sich regelmäßig untereinander auszutauschen und zu bestärken, planen wir gerade.

Eva B. in ihrem heimlichen Garten. Wo Pflanzen wachsen wächst auch Hoffnung.

Eva B. in ihrem heimlichen Garten. Wo Pflanzen wachsen wächst auch Hoffnung.

Welches war der ausschlaggebende Moment, um diese Idee zu bekommen und zu verwirklichen?

Die Zusammenarbeit war einfach Klasse und die zwischenmenschliche Chemie stimmte auch. Dazu kam für uns die Frage: Wie arbeiten wir weiter, wenn die Menschen in der Ernst-Grube-Halle in die Kommunen verteilt worden sind. Damit ist ja die Arbeit nicht beendet. So haben wir uns hingesetzt und überlegt, was jetzt Gutes entstehen kann und die hochmotivierten Ehrenamtlichen weiter einzubinden. Integration endet ja nicht beim Deutschkurs. Und so kam uns die Idee mit der ‚Neuen Nachbarschaft‘.

Eigenartigerweise faseln die Pegidisten&Legionellen ja von der Rettung des christlichen Abendlandes. Nun seid Ihr ja diese Christen. Das widerspricht sich doch. Diskutiert Ihr überhaupt noch mit den Krakeelern?

Reden und Vorurteile beseitigen, das ist schon eines unserer Ziele. Dazu dient ja auch die Veranstaltungsreihe ‚Eine neue Heimat‘. Aber um es deutlich zu sagen: Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Islamophobie haben in unseren Reihen keinen Platz. Wir wollen Begegnung zwischen Menschen ermöglichen und nehmen alle Menschen so an, wie sie sind. Das ist übrigens für mich urchristlich. Das christliche Abendland geht natürlich nicht unter, das ist für mich totaler Humbug. In einem Freistaat, in dem gerade mal 20 % der Bevölkerung den christlichen Kirchen angehören, ist das sowieso eine eher amüsante Forderung. Allerdings ist sie mittlerweile fast Mainstream und hat sehr menschenfeindliche und rassistische Formen angenommen und ist weit über Lindenau, Leipzig und Sachsen verbreitet.

Wie sieht Eure Hilfe ganz konkret aus? Was macht Ihr genau? Nur zusammensitzen und Kaffee trinken ist es ja nicht…

Nur‘ Kaffee trinken gibt es nicht. Es sind qualifizierte Kaffeetreffen. (Grins!!!!) Dabei werden alltägliche Fragen geklärt oder Probleme gelöst, Telefonnummern ausgetauscht und klassische Vernetzungsarbeit geleistet. Mitunter auch eine Einkaufstour durch den Supermarkt mit den Menschen, die neu in Leipzig sind oder auch schon mal bei der Wohnungssuche geholfen. Mich persönlich bewegt das Konkrete.

Wie kommt es, dass gerade auch so viele Menschen, die von sich denken, dass sie Christen sind, doch eher ablehnend geflüchteten Menschen gegenüber stehen. Da gibt es ja auch diese Partei mit dem C am Anfang, wenn ich da manchmal Protagonisten so reden höre ist der Gedankenfaden zu ganz Rechtsaußen ein sehr Kurzer.

Ach Volly, denjenigen, die sich ablehnend verhalten, stehen so viele tolle Ehrenamtliche gegenüber. Da sind viele Christinnen und Christen darunter. Die sind aber meistens mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit beschäftigt und haben für Hasstiraden gar keine Zeit. Das Miteinander zu gestalten und Begegnung zu schaffen, in der großen Not und darüber hinaus, wenn sich Wogen geglättet haben, das ist unser Ziel. Angst schüren vor dem ‚Fremden‘ ist unsere Sache nicht und wird es auch nie werden. Ich persönlich bin schon erschrocken, wie schnell manche auch aus meinem Bekanntenkreis (nicht Freundeskreis!) mit Parolen kommen, die locker in die Rechtsaußen- Position passen. Das sind schlaue Menschen, gebildet und sozial abgesichert. Es fällt mir schon schwer nachzuvollziehen, wieso sie ihre Abstiegsängste auf Menschen in der größten Not projizieren, wie auf die Geflüchteten. Und ganz ehrlich: Von meinen Bekannten erwarte ich schlicht, dass sie sich informieren, bevor sie anfangen, mir mit Vorurteilen zu kommen. Und um die Frage mal vorweg zu nehmen: Da bin ich auch sehr deutlich: Meine Zeit widme ich dem positiven Miteinander, nicht vergeblichen Diskussionen.

Mein christliches Verständnis deckt sich gut mit der Bergpredigt und ich kann damit prima leben.

Mittlerweile wird um Europa eine Mauer gebaut, Menschen werden mit Granaten und Tränengas vom Betreten des „Heiligen Landes der kapitalistischen Heilsversprechen“ abgehalten. Ist der europäische Gedanke gestorben in den letzten Jahren? Eine eingemauerte Enklave kann doch niemals fortschrittlich sein.

Naja, hier kann ich auch nur für mich und nicht die ‚Neue Nachbarschaft‘ sprechen. Ich halte die Asylrechtsverschärfungen für haltlos. Die wurden mit Eilbedürftigkeit durchgepeitscht. Einziges Ziel: Sie sollen negative Bilder schaffen, um Menschen von einer Flucht nach Deutschland abzuhalten. Aber wer Elend und Krieg entkommen will, findet einen Weg. Auch ich würde für meine Familie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um diese zu schützen und an einen sicheren Ort zu bringen. Und ich bin sicher, ich bin nicht die einzige Mutter, die so denkt. Keine Mauer, kein geschlossener Fluchtweg könnte mich abhalten.

Noch ein paar Sätze zu den Fluchtursachen: Wie wäre es zur Abwechslung mal mit der Unterstützung und Förderung von politischer Stabilität in den Ländern, in denen Konflikte herrschen, statt Waffenlieferungen zuzustimmen? Aber allein an der Frage, wie in Syrien, Krieg gegen die eigene Bevölkerung eingedämmt werden kann oder der IS bekämpft werden kann, scheitert die beste Diplomatie. Von dem Türkei-Deal will ich mal gar nicht anfangen. Europa ist eine schöne Idee von Miteinander über Grenzen hinaus und ohne Nationalismus. Aber Europa macht sich komplett lächerlich, wenn wir es nicht einmal schaffen, Geflüchtete in Europa menschenwürdig unterzubringen.

Fortschrittlich ist der Gedanke eines freien Europas selbstredend und ich möchte für meine Familie, für meine Kinder, genau ein solche Perspektive: Über Grenzen hinweg, ohne Krieg miteinander friedlich leben.

Wer „Neue Nachbarschaft“ unterstützen möchte, kann dies gerne machen – zum Beispiel, da es keine staatliche Förderung dafür gibt, hier:

Spendenkonto Neue Nachbarschaft:

Ev.-Luth.KirchenbezirkLeipzig

DE71 3506 0190 1620 4790 78

BANK FUER KIRCHE U DIAKONIE

BIC : GENODED1DKD

Verwendungszweck: RT 1917, Spende AG Asyl, Neue Nachbarschaft

Dieses Interview entstand im Vorfeld für einen Beitrag im Ortsblatt Leipziger Westen #2

Wer davon gern mehr möchte: hier:

http://www.leipziger-westen.de/front_content.php?idcat=151&idart=867

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