Tanner trifft Mario Dornberg vom Treffpunkt Linde (Mütterzentrum Leipzig: Sehr oft wird gerade im sozialen Bereich über das Mögliche hinaus gearbeitet.

Da sich der verkaufsfördernde Krawalljournalismus mittlerweile überall
in Ekstase krakeelt, hat sich der Tanner entschlossen, einen anderen
Weg zu gehen: den Weg des Fragens und Zuhörens. Das ist mittlerweile
schon wieder mehr Punkrock als Geschrei. Und so sprach er diesmal mit
Mario, der als Projektkoordinatore am hiesigen Mütterzentrum zum
Beispiel die Außenkommunikation betreibt. Doch lest selber:




Guten Tag Mario. Du bist der Projektkoordinator hier für den Treffpunkt
Linde. Für all unsere Leserschaften: Was ist dies denn, dieser
Treffpunkt Linde? Treffpunkte gibt es ja bergeweise...

Guten Tag Volly, der Treffpunkt Linde besteht aus dem Familienzentrum und
dem Kindergarten. Das Familienzentrum besteht aus einem offenen
Familiencafé und mehreren Kurs- und Veranstaltungsräumen. Meist
kommen Eltern mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren ins
Familienzentrum. Die erste Zeit mit Kind ist für frischgebackene
Eltern mit vielen Fragen verbunden. Hier im Treffpunkt begegnen sich
Eltern in entspannter und offener Atmosphäre, um sich über die
Dinge austauschen, die ihnen wichtig sind, Erziehung, Ernährung,
Entwicklung. Wer selbst Vater oder Mutter geworden ist, weiß, wie
sich der Lebensmittelpunkt mit so einem Neuankömmling verschiebt,
mit welchen Freuden, Ängsten, Sorgen und Fragen die Elternschaft
verbunden sein kann. Da freut man sich über jeden Menschen, der
gerade gleiches erlebt und sich darüber auszutauschen möchte. Das
kann zum einem im Familiencafé sein, als auch in den vielen
Eltern-Kind-, PEKiP- oder Stillgruppen stattfinden. Das Motto des
Vereins ist: Wir leben Familie! Ich finde das passt ganz gut, weil
wir nicht versuchen den Familien- und Elternbegriff neu zu erfinden,
sondern fehlenden Unterstützungssystemen, wie Großeltern und
Großfamilie, eine andere Form zu geben.  Zudem ist unser Haus auch
Heimat für eine Vielzahl interkultureller Treffs. Wöchentlich
besuchen ca. 250 bis 300 Menschen unser Haus und unsere Angebote.
Seit Neuestem haben wir einen Chor.
MZ02

Ein Gang ist immer der Eingang.

 

Und wie bist Du dazugekommen? Man wacht ja nicht auf eines Tages und ist
Projektkoordinator. Kannst Du uns Deinen Weg etwas skizzieren?

Den Weg ins Familienzentrum und zum Verein habe ich tatsächlich als
Vater gefunden, der auf der Suche nach einem Kindergartenplatz für
seine Tochter war. Über sehr viel freiwilliges Engagement beim
damaligen Kita-Neubau klappte es einerseits mit dem Platz und
andererseits wurde Raymonde Will, unsere Geschäftsführerin, auf
mich aufmerksam. Da war schnell der Wunsch geboren, etwas gemeinsam
zu machen. Damals lief auch meine Stelle als Bezugspädagoge im
Internat aus, und nach meiner Elternzeit bot sich die Stelle als
Koordinator an. Als gelernter Erwachsenenpädagoge war das eine
riesen Chance für mich. Und so bin ich 2013 ins Zentrum gekommen.

Was sind denn so die großen Ideen für 2016?

Durchhalten!
Aber dazu später mehr. Ein Vorhaben für 2016 ist die bessere
Vernetzung mit den stadtweiten und stadtteilbezogenen Hilfesystemen
für Familien. Wir wollen möglichst viele Familien mit unserem
Unterstützungsangebot erreichen und zwar noch bevor es zu Krisen
kommt oder Eltern sich in Überlastungssituationen wiederfinden.
Gerade da haben wir den Eindruck, dass das Familienzentrum mit seinem
präventiven Charakter nicht in seinem gesamten Umfang wahrgenommen
wird. Für uns heißt das, Kontakt aufzunehmen mit den Stellen die
Familienhebammen, Familienhelfer und Familienbegleiter koordinieren,
so dass wir unser Angebot vorstellen können und Eltern, die vor
Überlastungssituationen stehen auch auf uns aufmerksam werden.

Euer Familienzentrum arbeitet ja nicht nach dem konventionellen Konzept.
Ihr verändert Euch und entwickelt Euch. Was unterscheidet Euch von
anderen Anbietern im Segment Kinder und Familie?

Unsere Angebote orientieren sich nicht nur sehr stark an den Bedürfnissen
der Eltern und Besucher mit Kleinkindern, sondern werden auch von
diesen initiiert und entwickelt. Was uns charakterisiert, ist die
Kultur der Offenheit und der Beteiligung, die wir im hohen Maße
praktizieren. Das Zentrum lebt von den Ideen der Eltern und wir
unterstützen sie bei der Umsetzung. Dies erfordert eine Menge Zeit,
Kraft, Pflege und Achtsamkeit. Unser Ziel ist es, Eltern zu stärken
in dem wir sie bei der Entwicklung ihre Kompetenzen unterstützen. So
werden beispielsweise die Spiel- und Krabbelgruppen bei uns im Haus
von Vätern oder Müttern geleitet, die eigentlich Teilnehmer sind.
Wir fragen in die Gruppen rein, wer sich zutraut den Staffelstab zu
übernehmen und ermutigen dazu. Wir sind der Überzeugung, dass der
Austausch von Erfahrungen sehr gut auf Augenhöhe funktioniert. Und
wenn die Moderatorin einer Gesprächsrunde selbst gerade Erfahrungen
mit den ersten Zähnen ihres Kindes und den damit verbundenen
Begleiterscheinungen gemacht hat, dann kann man gar nicht näher am
Thema dran sein. Dann wirkt das auch auf die anderen Eltern
authentisch und aus erster Hand.

Gibt es eigentlich derzeit Engpässe? Und wenn ja welche? Und gibt es
Lösungsideen?

Leider müssen wir wie fast jedes Jahr mit unzureichenden Mitteln auskommen,
so dass wir das Zentrum und den Offenen Treff nicht in der Qualität
betreiben können, wie es notwendig wäre. Aktuell teilen die zweite
Koordinatorin Dani Voigt und ich uns hier eine 40 Stunden Stelle,
während jeder offene Kinder- und Freizeittreff mit zwei
Vollzeitstellen besetzt wird. Allein die Begleitung des Offenen
Familientreffs bedarf zweier Fachkräfte. Da die Verwaltungsaufgaben
des Zentrums unvermindert hoch sind, entsteht ein Engpass in der
fachlichen Begleitung des offenen Treffs. Wenn ich beispielsweise mit
einer alleinerziehenden Mutter über ihre aktuelle Situation im
Gespräch bin und ich aber gleichzeitig am Telefon verlangt werde,
neue Eltern begrüßen müsste, etc., dann bekommt man schnell ein
Bild davon, dass durch einen Gesprächsabbruch die fachliche Qualität
stark leidet. Diese Situation sehen wir sehr kritisch. Unterstützung
erhoffen wir uns seitens der politischen Vertreter, die sich für die
Belange von Familien in Leipzig einsetzen möchten.

Ich las auf Eurer Seite, dass Ihr aufgrund der Fördermittelsituation
2016 Eure Öffnungszeiten verändern musstet. Kannst Du uns das ein
bisschen genauer erzählen?

Die veränderten Zeiten sind eine Reaktion auf die Fördermittel und dem
von der Stadt Leipzig bewilligten Personalschlüssel. Veränderung
heißt in diesen Fall leider Kürzung und damit auch weniger
Öffnungszeiten. Die Kürzung ist uns übrigens nicht leicht
gefallen, da sich viele Besucher über die längeren Öffnungszeiten
2015 gefreut hatten und wir natürlich auch. Dennoch müssen wir
darauf schauen, was wir mit den bewilligten Mitteln leisten können.
Sehr oft wird gerade im sozialen Bereich über das Mögliche hinaus
gearbeitet. Das machen wir nicht mehr. Wie könnten wir Familien
einen achtsamen Umgang mit sich selbst nahelegen, wenn wir selbst
Raubbau an uns betreiben?

Ich weiß von Planungsraumtreffen im Leipziger Westen, an denen Du auch
teilnimmst und Dich einbringst - wie gestaltet sich denn die
Zusammenarbeit mit den anderen Aktiven im Westen?

Die Planungsraumtreffen sind für mich wichtige Pulsgeber über
Entwicklungen und Tendenzen im Stadtteil. Zudem haben diese Treffen
starken Netzwerkcharakter. Eine Zusammenarbeit ist nicht immer ganz
selbstverständlich, da sich viele Angebote an Kinder und Jugendliche
richten und unser Schwerpunkt bei Familien und Eltern mit Kleinkind
liegt. Trotzdem versuchen wir unser Angebot und unsere Erfahrungen
einzubringen. Besonders der ASD mit dem Bereich der Familienhilfe
wird wie oben beschrieben als Netzwerkpartner interessant werden.

Danke,
Mario, für Deine Antworten.

http://www.muetterzentrum-leipzig.de/index.php/kindergaerten/kindergarten-qtreffpunkt-lindeq


Dieses Interview entstand im Vorfeld für einen Beitrag im Ortsblatt Leipziger Westen #2

Wer davon gern mehr möchte: hier:

http://www.leipziger-westen.de/front_content.php?idcat=151&idart=867


					
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