Tanner trifft den Sänger, Musiker, Entertainer und Schriftsteller Purple Schulz: Im Moment mache ich mir Sorgen um unser Land.

Mitte der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends hörte der Tanner ein Lied, welches ihn völlig erreichte. „Ich hab Heimweh, Fernweh, Sehnsucht… ich weiß nicht, was es ist.“ und dazu dieses, voller Inbrunst und gequälter Menschlichkeit hinausgebrüllte: „Ich will raus!!!!“. Purple Schulz hieß der Mann, der daraufhin Tanners Lebensweg begleitete und mit dem der Tanner dann auch beim Benefiz für die Kinderhilfe Afghanistan zusammen auftreten durfte. Jetzt hat Purple ein Buch geschrieben – und Tanner hat es gelesen – und es nahm ihn mit in sein eigenes Sein. Und berührte ihn zutiefst.

Tanner sprach mit Purple Schulz und fand einen Mann mit Haltung und Weisheit.

Volly Tanner: Einen wundervollen Tag wünsche ich Dir, Purple. Du hast ein berührendes Buch geschrieben, über welches wir ein bisschen reden wollen: „SEHNSUCHT BLEIBT“ – erschienen in der Edition Fredebold. Diesjahr im September wirst Du die 60ger-Jahre-Grenze überspringen. War es einfach an der Zeit für eine persönliche Rückschau – oder drückte das Unverstandenfühlen?

Purple Schulz: Mir ging es weniger um eine Autobiographie, sondern darum, einmal nachzufühlen, was es mit der Sehnsucht auf sich hat. Schließlich war „Sehnsucht“ 1984 mein größter Hit. Darin heißt es „Ich hab Heimweh, Fernweh, Sehnsucht… ich weiß nicht, was es ist.“ Und genau so war es. Ich hatte mit 27 Jahren keine Ahnung, was meine Sehnsucht war. Eigentlich fand ich den Begriff furchtbar abgenutzt durch seinen exzessiven Gebrauch in den Schlagertexten der Nachkriegszeit. Dieses Wort nahm ich nur in den Text auf, weil ich kein anderes für mein diffuses Unbehagen in dieser Zeit fand. Und dann auf einmal hatte der Song diesen unglaublichen Erfolg, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Die 80er waren ja die Zeit der großen basisdemokratischen Bewegungen in der BRD, wir hatten die Friedens- und die Anti-AKW-Bewegung, und ich war ein junger Mann, der in diese Welt keine Kinder setzen wollte. Heute habe ich eine wunderbare Frau, drei Kinder und drei Enkel. Und darum geht es in diesem Buch: um die Frage, wie ich mich und wie sich unsere Gesellschaft verändert hat. Ich arbeite mich anhand meiner Biografie durch diese Jahrzehnte und schaue immer, welche Themen uns gleichzeitig noch beschäftigt haben. Für eine Musikerbiografie kommt eigentlich erstaunlich wenig Musik drin vor (lacht). Es ist vielmehr ein Buch mit vielen, auch deutsch/deutschen Geschichten. Geschichten zum Lachen und zum Weinen. Ein Buch über das Leben, den Tod, die Liebe und die Musik. Und natürlich über „Sehnsucht“. Ich glaube übrigens, dass diesem Song ein solcher Durchbruch heute nicht mehr vergönnt wäre, weil er es überhaupt nicht in die durchformatierte Radiolandschaft schaffen würde. Und dabei hat er sich über die 33 Jahre seiner Existenz überhaupt nicht abgenutzt. Er ist nach wie vor ein Höhepunkt meines Programms und entfaltet seine ganze Wucht gerade durch sein reduziertes Arrangement und die altersbedingte Reife.

Der weise Purple schaut schmunzelnd in die Welt c/o Bettina Koch

Der weise Purple schaut schmunzelnd in die Welt c/o Bettina Koch

Volly Tanner: Einen großen Teil des Buches nimmt die Beziehung zu Deinem langjährigen Weggefährten Josef Piek in Anspruch, Du erzählst von den menschlichen Zwischentönen und Veränderungen im nach außen glorreichen Duo, dies manchmal mit zu Herzen gehenden Worten, tiefsinnig, auch melancholisch. Wie reagierte JP auf das Buch als es draußen war? Oder hat er im Vorfeld schonmal ins Manuskript hinein geschaut?

Purple Schulz: Ich war mit Josef etwa 33 Jahre unterwegs, da ist es klar, dass er auch in meinem Buch vorkommt. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie er auf das Buch reagiert hat. Wir haben seit unserer Trennung keinen Kontakt mehr. Dass eine Trennung nach so langer Zeit nicht einfach ist, ist eh klar. Dass sie aber so schwierig sein würde, habe ich nicht voraussehen können. Mir blieb nur keine andere Wahl, da wir uns nicht nur künstlerisch gegenseitig im Weg standen, sondern weil ich auch schon begann, körperliche Symptome zu entwickeln. Ich drohte tatsächlich, über dieser Beziehung krank zu werden. Diese Trennung war ein wichtiger Entschluss, den ich nicht bereut habe. Seitdem hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht. Ich habe in meinem Buch versucht, beide Seiten zu berücksichtigen, denn zu einer Trennung gehören immer Zwei.

Volly Tanner: Du engagierst Dich stark bei den Themen Demenz und Alzheimer, im Song und Video „Fragezeichen“ bist Du selber ein Erkrankter. Wie kommt es, dass Du Dich so einbringst? Was war der auslösende Moment?

Purple Schulz: Einerseits war es die Erkrankung meines Vaters, dessen Parkinson mit einer starken Demenz einherging. Aber auch meine erste Begegnung mit der Demenz in den frühen 60ern bei meinen Großeltern. Die verbrachten einige Zeit in einem Altersheim, wie man das damals nannte. Ich werde den Gestank, der mir als Achtjährigem dort entgegenschlug, nie wieder vergessen. Obwohl ich noch sehr klein war, habe ich instinktiv gewusst, dass da etwas nicht stimmt. Als ich den Song „Fragezeichen“ 2012 auf dem Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft spielte, konnte man nach dem letzten Ton eine Stecknadel fallen hören, bis auf einmal der Applaus losbrach. Da war mir klar, dass es bei „Fragezeichen“ nicht nur um meine persönliche Geschichte ging, sondern dass dieser Song einen gesellschaftlichen Nerv traf. Und als ich später mit „Fragezeichen“ auf Senderreise durch Deutschland war, gab es fast keine Moderatorin, keinen Moderator, der nicht mit diesem Thema innerhalb seiner Familie zu tun hatte. Ich habe dann noch während unserer Senderreise mit meiner Frau Eri im Auto das Script zum Video geschrieben und kaum, dass wir wieder zu Hause waren, haben wir angefangen, zu drehen. Ich hatte während der Erkrankung meines Vaters viel Zeit, ihn zu studieren und habe ihn aus diesem Grund gleich selber gespielt. Unsere Ähnlichkeit ist dabei verblüffend. Heute läuft dieses Video zum Einstieg bei Kongressen und funktioniert auch als Schulungsvideo für junge Pflegeschülerinnen, weil es genau die Phase beschreibt, wenn man an sich bemerkt, dass da etwas nicht mehr stimmt. Und das bedeutet mir mehr, als einen Echo dafür zu bekommen, weil es eine Nachhaltigkeit hat, die weit über die Halbwertzeit von Popmusik hinausreicht.

Volly Tanner: In der Recherche plingte das Jahr 1973 als Jahr Deines ersten Bühnenauftritts auf. 1973! Damals war ich 3! Jahre jung, eieieiei…

Das ist ja schon ein ganz schön langer Ritt. Gabs niemals den Wunsch etwas anderes zu tun? Dass Du wahrhaftes Talent zum Bücherschreiben hast hast Du ja gerade mit „Sehnsucht bleibt“ bewiesen, das Buch liest sich gut und erreicht mich auch. Warum denn nicht mal Malerei zum Beispiel? Oder Kaninchenzüchterei?

Purple Schulz: Ich habe tatsächlich in den 90ern für eine Regenwaldstiftung an einer Kunstausstellung zum Thema „Gorillas im Rahmen“ teilgenommen und zwei Aquarelle gemalt. Das war eine lustige Geschichte, weil ich die Information hatte, dass dort einige Prominente ihre Bilder für einen guten Zweck zur Verfügung stellen. Ich dachte, dass damit Schauspieler und Musiker gemeint waren. Als ich dann zur Eröffnung kam, hingen meine Bilder zwischen den Werken namhafter Künstler aus der internationalen Kunstszene. Das war mir fast schon peinlich. Andererseits waren meine Bilder aber auch die ersten, die an diesem Abend verkauft wurden. Sie waren ja recht hübsch, aber ich denke, sie bewegten sich preislich auch in einem erschwinglichen Segment, das Spontankäufe zuließ (lacht). Aber man kann auch innerhalb seines Berufes als Musiker mal „etwas anderes“ tun. Ich habe Jahrzehnte mit meiner Band gespielt, aber irgendwann war ich es auch leid, vor einem Publikum zu spielen, das in der einen Hand einen Bierbecher und der anderen eine Bratwurst hält. Ich wollte in Theatern spielen, wo der Fokus auf dem Künstler und seinem Werk liegt und nicht in der Bespaßung und akustischen Untermalung von Besäufnissen.

Volly Tanner: Du hast ein enges Verhältnis zu Deinem Sohn Ben, warst, wenn ich richtig informiert bin, auch vor Kurzem in Indien, als Ben heiratete, machst mit ihm Musik, postest auch seine Werke in den sozialen Netzen – Du arbeitest auch mit Deiner Frau, die Texte schreibt, zusammen. Funktioniert das? Den Jungspunden sag ich ja immer und aus Erfahrung: „Never Fuck The Community“. Wie läuft das bei Dir? Auch während des Schreibens für das Buch?

Purple Schulz: Meine Frau Eri und ich feiern dieses Jahr unser 30jähriges. Wenn man so lange zusammen bleibt, was ja heute nicht selbstverständlich ist, dann weiß man auch, wie man tickt. Wir ziehen immer an einem Strang, wenn wir Songs schreiben. Eri hat eine unglaubliche Beobachtungsgabe und bringt die Dinge auf den Punkt. Unser Hauptaugenmerk liegt beim Texten immer darauf, dass die Botschaft und vor allem die Haltung dahinter, unmissverständlich ist. Das ist deshalb so wichtig, weil wir uns oft Themen widmen, über die sonst in dieser Form niemand in Deutschland singt. Wenn ich beispielsweise über Jugendkriminalität singe, muss ich das so machen, dass sich der Song nicht von der AfD oder anderen Idioten instrumentalisieren lässt. Und natürlich müssen die Texte singbar sein, denn es ist ja meine Stimme, die unsere Geschichten transportiert. Ja, ich sehe mich in erster Linie als Geschichtenerzähler, der mittels seiner Musik direkt im Herzen der Zuhörer landet.

Volly Tanner: Ich mag „Ich hab Feuer gemacht“ von Dir sehr, bestimmt, weil ich selber Familienvater bin und sich bei denkenden Menschen Gedanken aufdrängen, wie Zukunft menschlich gestaltet werden kann. Hast Du Hoffnung? Sehnsucht als Lied war ja doch eher traurig, doch jetzt hast Du das Feuer angemacht und lachst uns an dabei. Welche Wege sind Wege, die wir zusammen gehen können, um den Planeten zu erhalten und human miteinander umzugehen?

Purple Schulz: Ach, wenn ich das wüsste. Im Moment mache ich mir riesengroße Sorgen um unser Land. Unsere Gesellschaft droht auseinanderzubrechen angesichts der Aufgaben, die vor uns liegen. Mir wird bei all den Pegida- und Legida-Aufmärschen nur noch kotzübel. Vor allem die Tatsache, dass der braune Terror dieses Pöbels, der behauptet, das Volk zu sein, in diesem Land ständig bagatellisiert wird. Was gerade in Deutschland passiert erinnert mich sehr an das Pogrom vor dem Rostocker Sonnenblumenhaus 1992. Wir brauchen eine große demokratische Allianz auf dem Boden unseres Grundgesetzes. Aber die etablierten Parteien sind mehr damit beschäftigt, ihre Macht zu halten oder zu vergrößern. Es spielt doch kaum noch eine Rolle für das Ergebnis, ob man rot, schwarz oder grün wählt. Aber wichtig ist, dass man wählt, weil man ansonsten die Rechten stärkt, wie wir es in ganz Europa beobachten können. Das ist nicht gerade befriedigend und macht die Wahl nicht leichter, aber man hat ja noch die Alternative, sich für eine linke Opposition zu entscheiden. Es sind wahrlich verrückte Zeiten, wenn ich mir Gedanken mache, wie ich unsere Kanzlerin unterstützen kann, um das Schlimmste zu verhindern.

Volly Tanner: Warum erschien Dein Buch eigentlich bei der Edition Fredebold und nicht in einem Großplayerverlag, der in allen Zeitungen hätte Werbung schalten können?

Purple Schulz: Ich hatte für Kriemhild Marie Maders Buch „Vom Leben am Rand der roten Scheibe“ den Song „Sehnsucht“ nochmal neu aufgenommen. Darin geht es um das Leben im DDR-Sperrgebiet, von dem ich bis dahin gar nicht wusste, dass es sowas gab. Irgendwann saß ich mit meinem Verleger

Werner Fredebold, der auch mein Nachbar ist, in Köln in einem Straßencafé und wir sprachen über alte Zeiten. Natürlich landeten wir schnell in den 70ern und 80ern, und da fragte mich Werner, ob ich mir eigentlich schon mal Gedanken über die Sehnsucht gemacht hätte. Ich musste das verneinen, fand die Idee aber reizvoll, mich anlässlich meines 60sten Geburtstages mal näher mit ihr zu befassen. Schließlich verdanke ich ihr so einiges. Um dieses Buch zu realisieren, konnte ich nur mit jemandem zusammenarbeiten, der auf eine gewisse Art verrückt genug ist, daran zu glauben. Der Spirit ist da entscheidend, und nicht die Höhe eines Promotionetats. „Sehnsucht bleibt“ ist ein Buch, das Zeit hat, weil das Thema immer aktuell ist und sich an den geschichtlichen Fakten nichts ändert. Im Grunde ist es mit dem Buch wie mit vielen meiner Songs, die an Aktualität im Laufe der Jahre nichts verloren haben.

Volly Tanner: Bist Du glücklich?

Purple Schulz: Mit meiner Frau und meinen Kindern kann ich nur glücklich sein. Sie sind mein größter Schatz, ohne die ich heute nicht mehr auf der Bühne stehen würde.

Volly Tanner: Das Buch ist draußen, gibt’s eigentlich eine Lesetour dazu?

Purple Schulz: Aber ja, so wie es mein recht voller Tourplan mit den Konzerten zulässt. Ich gebe musikalische Lesungen mit meinem Klavier und binde Songs ein, die etwas mit den Kapiteln zu tun haben. Und natürlich singe ich dort auch „Sehnsucht“. Übrigens hätte ich vorher nicht gedacht, dass man von einer Lesung heiser werden kann. (lacht)

Volly Tanner: Fühl Dich umarmt, mein Freund. Ich freue mich auf mehr Weisheiten von Dir. Danke.

http://www.purpleschulz.de/

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