Tanner trifft die Minimal-Leben-Experimentatorin Carmen K.: Ich entscheide, wann und was ich konsumiere.

Tanner ist seit einigen Jahren mit Carmen in Kontakt und erfreut sich an ihrer Sicht auf die Welt. Nun wagte sie einen KAUFNIX-Februar. Hier bei Tanner spricht sie darüber und über die Quintessenz der Dinge. Bewusst leben heißt eben auch sich aus den Programmierungen herauszuwagen:

Volly Tanner: Liebe Carmen. Endlich kann ich Dich mal interviewen. Du hast einen KAUFNIX-Februar gemacht und Deine Erfahrungen auf Instagram veröffentlicht. Warum hast Du das denn gemacht? Was war der ausschlaggebende Moment?

Carmen: Hallo Volly. Vielen Dank für die Möglichkeit, darüber zu berichten. Es gab keinen ausschlaggebenden Moment. Es gab ein ausschlaggebendes Gefühl bzw. einen Zustand, der sich langsam zu manifestieren schien: Die Unzufriedenheit.

Unzufriedenheit beim Blick in den Kleiderschrank, der zwar förmlich überquillt aber dennoch scheinbar nie das passende Kleidungsstück enthält. Unzufriedenheit beim wöchentlichen Putzen, ob der ganzen Sachen, die da in der Wohnung herumliegen und die ich von einer Ecke in die nächste räumte. Unzufriedenheit, weil ich nichts im Kühlschrank hatte, zu faul oder zu ideenlos war um selbst zu kochen. Statt dessen ging ich ständig auswärts essen.

Unzufriedenheit, weil ich so viel besitze und dennoch immer weiter einkaufe.

Unzufriedenheit beim Blick auf mein Konto, das sich natürlich oft im Minus befand.

Ich konsumierte. Immer. Überall. Und das störte mich irgendwann so gewaltig, dass ich mir einen konsumfreien Monat verordnete. Ich nahm mir den Februar vor, denn der hat ja bekanntlich die wenigsten Tage.

Volly Tanner: Solch eine Aktion braucht ja Vorbereitung. Wie hast Du Dich denn da herangetastet? Was hast Du im Vorfeld alles gemacht?

Carmen: Die Aktion definiert sich für mich ja wie folgt: Du kaufst nur noch das, was du wirklich brauchst. Alles was du nicht brauchst, ist in dem Monat tabu. Du benutzt und verwertest das, was du zu Hause hast, bevor du etwas Neues kaufst. Was du genau brauchst und was nicht, entscheidest du selbst.

Denn es geht um dein Bewusstsein und deinen Willen zur Veränderung. Es geht nicht um die Umsetzung irgendwelcher Regeln oder Verhaltensweisen, die von außen kommen.

Die Vorbereitung ist deshalb so individuell wie das Vorhaben selbst.

Ich wollte ja, frei nach dem Motto ganz oder gar nicht, auf möglichst viel verzichten. Bis auf Lebensmittel und Zigaretten (ja ja…) versagte ich mir alles. Ich baute zudem einen Joker ein: einmal die Woche auswärts Mittagessen gehen mit den Kolleg_innen sollte möglich sein. Um den informellen Informationsfluss nicht abreißen zu lassen.

Ich nahm als Vorbereitung darauf also erst mal meinen Vorratsschrank unter die Lupe und entschloss mich danach, nur noch Obst, Gemüse und Milchprodukte zu kaufen, denn Reis, Hirse und diverse Konserven hatte ich noch zuhauf.

Kleidung, Kosmetikprodukte, Bücher, Musik … all das war tabu. Deshalb bestellte ich alle Newsletter ab und reinigte meine Facebook-Timeline von diesbezüglichen Gefällt-Mir-Abonnements. Dazu las ich verschiedene Blogs zum Thema Konsum und Konsumverzicht. Mehrheitlich Blogs, die Minimalismus als Oberthema haben. Das gab mir noch mehr Motivation für mein Vorhaben.

Ich lud mir auch eine App zur Ausgabenkontrolle auf mein Smartphone. Ich wollte detailliert alle Ausgaben erfassen.

Zuletzt informierte ich meine Freund_innen, dass ich in diesem Monat nicht ausgehen würde, wir uns aber gern bei mir oder ihnen zu Hause treffen könnten.

Bewusstes Sein, bewusstes Leben. Carmen kann reflektieren, sogar über sich selbst.

Bewusstes Sein, bewusstes Leben. Carmen kann reflektieren, sogar über sich selbst.

Volly Tanner: Und Deine Erfahrungen direkt und konkret im Februar? Erzähl mal, wie liefs?

Carmen: Der erste Tag fing sehr chaotisch an. Ich bin eine Langschläferin und kam, wie üblich, ziemlich spät aus dem Bett. Sonst war das kein Thema, denn ich musste nur ins Bad, in die Klamotten und raus.

Jetzt war das anders. Es hieß Kaffee kochen für den Coffee to go, Frühstück vorbereiten. Und Mittagessen? Das schaffte ich zeitlich nicht mehr. Ich ging also ziemlich bedröppelt aus dem Haus. Was ich nicht wusste und was dann aber meine Rettung war: eine Kollegin feierte mittags ihren Ausstand und so gab es was zu essen. Das Glück war also an diesem Tag auf meiner Seite. Am Abend kam ich wie üblich an meinem Lieblingsitaliener vorbei und es fiel mir echt schwer, nicht hinein zu gehen und meine Rigatoni Arrabiata zu bestellen. Dennoch hielt ich der Versuchung stand.

Die nächsten Tage bereitete ich mich besser vor. Was ich abends schon erledigen konnte, tat ich. Ich schnippelte z.B. schon mal das Gemüse für den Mittagssalat. Das kam mir dann am nächsten Morgen zu Gute.

Und ich machte mir einen Wochenplan, was ich essen und damit kochen wollte. So hielt ich die Versuchungen, auswärts essen zu wollen, klein. Denn ich freute mich auf neue Rezepte und deren Umsetzung. Eingekauft wurde nur mit Einkaufszettel und nur für eine Woche. So behielt ich den Überblick.

Es wurde von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, leichter. Mein Verlangen zu konsumieren reduzierte sich schlagartig. Vielleicht, weil ich plötzlich viel mehr Zeit für mich hatte. Statt zu shoppen oder auszugehen, beschäftigte ich mich viel mit mir selbst. Und das erfüllte mich mit Zufriedenheit. Dazu ließ mich auch der Blick auf mein Bankkonto lächeln. Ich gab in diesem Monat weit weniger als die Hälfte von dem aus, was sonst monatlich aus meinem Geldbeutel floss.

Und auch meine Joker musste ich nicht ziehen. Denn auf einmal kochte auch eine andere Kollegin von mir vor und wir aßen zusammen. Dann kochte sie mal für mich mit und umgekehrt. Das war sehr schön. Und es zeigte, dass es so viele geldsparende und konsumfreiere Möglichkeiten gab, miteinander zu sein.

In diesem Monat habe ich auch intuitiv begonnen, meine Wohnung unter die Lupe zu nehmen. Was brauche ich darin wirklich und was steht oder liegt nur herum. Brauche ich wirklich all die Kleidung? All die Kissen, Decken, Handtücher? All die Bücher, die CDs, die Deko? Ich habe angefangen, auszumisten. Aufzuräumen. Raum zu schaffen. Und bin noch lange nicht fertig.

Volly Tanner: Was hast Du aus der Aktion über Dich selber gelernt?

Carmen: Ich bin keine Sklavin des Konsums. Das ist vielleicht die wichtigste Erfahrung, die ich machen durfte. Ich muss mich nicht leiten lassen von Werbung, von den neuesten Trends oder den gesellschaftlichen Vorgaben, ob privat oder beruflich. Ich entscheide, wann und was ich konsumiere. Und das bewusst.

Ich brauche nicht viele Dinge. Mein Herz hängt nicht an Waren. Im Gegenteil, viel zu besitzen, schränkt mich ein, macht mich unzufrieden. Unfrei. Dadurch, dass ich das erfahren durfte, kann ich mein Konsumverhalten auch dauerhaft verändern. Diese Option erfüllt mich mit Freude.

Volly Tanner: Es scheint ja in einigen Milieus – besonders dem Milieu der Postmaterialisten – eine Bewegung hin zu einem minimalistischen Leben zu geben. Konntest Du Menschen aus Deinem persönlichen Umfeld für die Idee begeistern?

Carmen: Ehrlich gesagt habe ich das nicht versucht. Es ging mir nicht darum, andere Menschen davon zu begeistern. Ich stehe doch auch erst am Anfang dieses neuen Lebensgefühls. Ich habe mich auf Instagram mit Menschen ausgetauscht, die den minimalistischen Lebensstil schon länger pflegen oder selbst gerade am Anfang stehen. Diese Community motiviert mich und ich lerne täglich Neues dazu.

In meinem privaten Umfeld habe ich mich eigentlich nur mit meiner Schwester ausgetauscht. Mit ihr habe ich auch viel über das Ausmisten gesprochen. Sie hat auch damit angefangen und wir teilen unsere Geschichten und lachen öfter darüber, was wir doch so alles im Laufe der Jahre angesammelt haben und nun endlich gehen lassen können.

Volly Tanner: Und wie geht es jetzt weiter mit Dir und dem Konsum?

Carmen: Ich freue mich auf ein schönes 3-Gänge-Menü in meinem Lieblingsrestaurant und werde nicht auf den Preis achten! Quasi als Belohnung.

Daneben habe ich mir für das weitere Jahr vorgenommen, meine Wohnung komplett auszumisten. Das klingt radikal, ist es vielleicht auch, aber allein der Gedanke lässt mein Herz hüpfen. Ich möchte meinen eigenen Minimalismus entdecken und diesen leben. Alle Bereiche werden angeschaut. Vom Bad bis ins Schlafzimmer, vom Keller bis in die Abstellkammer. Vom Kleiderschrank bis zur Erinnerungskiste. Auch die digitalen Daten sind dran: Fotos, Musik, Dokumente. Das wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber es ist eine Beschäftigung, die mir gut tun wird. Und sie wird mir noch mehr über Konsum und meinen Umgang damit aufzeigen. Ich glaube fest daran, dass weniger mehr ist. Und dass ich dadurch auch zukünftig weniger das Verlangen haben werde, zu konsumieren.

Ich möchte bewusst kaufen und verbrauchen.Vorrangig ökologisch einwandfrei, fair, bio. Das ist mein Ziel.

Natürlich darf bei alledem der Spaß nicht fehlen. Ich werde weiterhin ausgehen und mir auch schöne Dinge kaufen, wenn ich das möchte. Aber eben kontrollierter. Ich möchte, dass es mich erfreut und es nicht selbstverständlich ist.

Volly Tanner: Was machst Du eigentlich in Deinem Leben da in München, wenn Du gerade mal nicht die Konsumschraube zum Stillstand bringst?

Carmen: Ich arbeite im öffentlichen Dienst als Personalentwicklerin und mag diese Arbeit sehr gern.

In meiner Freizeit bin ich am liebsten mit meiner Hündin im englischen Garten und an der Isar unterwegs. Ich beschäftigte mich gern mit allen Formen der Kunst. Ich gehe ins Theater, auf Konzerte oder zu Lesungen. München hat da ja glücklicherweise sehr viel zu bieten.

Und ich mag Gedichte und schreibe selbst welche. Ein paar davon sind auf meinem Blog www.leinawald.wordpress.com zu finden.

Volly Tanner: Hier hast Du völlig kostenfrei die Möglichkeit den Leserherden noch ein paar weise Worte ins Lebensbuch zu flüstern. Tu es! Was wolltest Du schon immer mal von Dir geben?

Carmen: Ich glaube, die weisen Worte flüstert unser Unterbewusstsein uns ohnehin ständig ins Ohr. Wir müssen uns aber erlauben, zuzuhören.

Volly Tanner: Danke, liebe Carmen, für Deine Kraft.

www.leinawald.wordpress.com

https://www.instagram.com/meinwaerts/

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