Tanners Interview mit Kaja Klaus vom Tauschladen: Es ist nicht wichtig, wie ein Mensch ist, wo er herkommt oder was er leistet. Es zählt sein Charakter und sein Herz.

erschien schon in der Leipziger Internetzeitung:

Während des fulminanten Sommer-Westbesuchs kam Volly Tanner mit Kaja Klaus ins Gespräch als diese ihm einen Flyer vom Tauschladen in der Engertstraße in die Hand drückte. Kurz darauf fuhr er mit seinem Rad selber zum Gebäude gegenüber vom Plagwitzer Bahnhof – und war begeistert. Er traf nicht nur aktive und wundervolle Menschen dort sondern nahm auch so manchen Wink in sein festgefügtes Vorurteilsgebäude mit. Im Plausch mit Kaja verschoben sich die Realitäten und Gewichtungen – und deshalb gibt es hier das ganze, lange Interview für alle Zeiten im Netz und zum Nachlesen:

Liebe Kaja, schön Dich und Deine Kolleginnen hier im Tauschladen zu treffen. Könnt Ihr den Leserschaften mal bitte kurz verständlich machen was Ihr hier macht? Tauschladen – wie soll denn sowas funktionieren – höre ich schon meinen Vater lamentieren. Und so wie er denken ja Einige.

Hallo Volly, unseren Tauschladen gibt es jetzt ganz offiziell und für alle zugänglich seit Mitte April 2014. Aber schon seit Ende Februar des Jahres waren wir dabei aus einem theoretischen Konzept einen lebendigen Laden entstehen zu lassen. Da unser Team aus insgesamt 20 MitarbeiterInnen (die Bezeichnung gilt nicht im arbeitsrechtlichen Sinne, sondern wurde aufgrund der Teamzugehörigkeit und Ladenverantwortlichkeit gewählt), einer Anleiterin und mir als Projektkoordinatorin besteht, war es gar nicht so leicht, immer gleich eine Einigung zu finden, wie etwas gestaltet oder eingerichtet werden soll, welche Regeln wir für unsere Kundschaft aufstellen möchten, nach welchen Regeln wir selber arbeiten möchten, etc.
Unser Tauschladen arbeitet, ähnlich wie der Leipziger Umsonstladen, entgegen der Wegwerfmentalität. Die Idee ist, dass die meisten Menschen Dinge besitzen, die sie nicht mehr gebrauchen können oder wollen. Andere wiederum suchen vielleicht genau diese Dinge, können sie sich nur nicht leisten. Unser Tauschladen ist in diesem Sinne ein Treffpunkt dafür – vom Spielzeug über Kleidung bis hin zu Geschirr und elektronischen Kleingeräten. Bei uns können täglich von 9.30 Uhr bis 15.30 Uhr Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, sauber und funktionstüchtig sind, abgegeben und auch mitgenommen werden. Unser Name suggeriert zwar ein Tauschgeschäft, aber auch wer nichts mitzubringen hat, darf sich Dinge mitnehmen.
Die Besonderheit an unserem Laden liegt in unserer projektinternen Aufgabenstruktur. So haben wir nicht nur den Ladenbereich, sondern auch die zum Laden gehörige Nähwerkstatt. Bevor die abgegebenen Dinge in das Ladensortiment wandern, werden sie von Mitarbeitern auf kaputte Stellen und Defekte hin geprüft. Ein anderer Teil des Teams repariert dann die kaputte Kleidung. Das Know how über Reparatur- und Abänderungsarbeiten erfahren unsere Mitarbeiterinnen von ihrer Anleiterin und Modedesignerin Dajana Jödicke.

So und jetzt noch mal zur Skepsis mancher Menschen gegenüber dem Tauschprinzip. Ich finde, gerade viele der älteren Generation lebten vom Sammeln und Tauschen. Da wurden alte Schrauben, Flaschen, Drähte etc. nicht so leichtfertig weggeworfen, eher im Gegenteil. „Man kann es ja bestimmt noch gebrauchen, ich hebe es mal lieber auf“, hör ich da wiederum meinen Vater sagen. Und wenn man etwas dringend Benötigtes nicht hatte, fragte man beim Nachbarn an. Wenn der es nicht hatte, dann bestimmt ein anderer. Das sind doch uralte Werte des Gebens und Nehmens in einer Gemeinschaft.
Hier in Leipzig bemerke ich immer wieder, dass die Menschen sich allerlei einfallen lassen, um Dinge nicht mehr wegwerfen zu müssen. Bei Streifzügen durch die Leipziger Viertel kommt man unweigerlich an zahlreichen „Zu Verschenken“ – Kisten auf den Bürgersteigen, Umsonstregalen in Treppenhäusern oder gar einer Givebox vorbei. Man spürt den großen Wunsch deutlich, den Dingen ein neues Zuhause zu geben und anderen damit eine Freude machen zu wollen. In diesem Sinne möchten wir das größer werdende Bestreben nach Langlebigkeit der Dinge, die Freude am Geben und Nehmen, darüber ins Gespräch zu kommen und zusammen zu finden, aufgreifen und einen geschützten Ort dafür anbieten.

Wie muss man sich die Finanzierung des Projektes vorstellen – und dann gleich hinterher die Frage nach der Nachhaltigkeit: wie lang ist die Laufzeit und wie soll es dann – auch für die Mitarbeiterinnen – weitergehen?

Das Projekt wird durch das Jobcenter Leipzig im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit nach § 16 SGB II gefördert. Unsere Mitarbeiter erhalten für die Projektlaufzeit eine so genannte Mehraufwandsentschädigung zusätzlich zu ihrem ALG II. Nach der Förderdauer von 9 Monaten (das ist schon Ende November diesen Jahres) steht für uns alle die Frage wie es weiter gehen soll. Unser großer Wunsch ist natürlich, dass der Tauschladen in irgendeiner Form weiter finanziert und geführt werden kann. Die für mich persönlich schönste Vorstellung wäre, wenn der Tauschladen von ausgewählten Mitarbeitern des jetzigen Teams in Zukunft selbstständig gemanagt werden würde. Dann könnte in doppelter Hinsicht von Erfolg und Nachhaltigkeit gesprochen werden. Zum einen wäre die Existenz des Ladens gesichert und zum anderen könnten darüber einige, bisher als arbeitslos gemeldete, Mitarbeiter den Sprung in das „reale“ Erwerbsleben bewältigen. Da aber der Laden keine Einnahmen erzielt, sind wir derzeit noch auf der Suche nach Ideen weiterer Fördermöglichkeiten ab Dezember.

Kaja Klaus am Rande mit Tuch.

Kaja Klaus am Rande mit Tuch.

Wie können herzenswarme Menschen helfen? Braucht Ihr eigentlich Hilfe? Und wenn ja, wie genau kommen die Menschen an Euch heran?

Das ist gut, dass du die Frage stellst, so gibt sie mir gleich die Gelegenheit noch mal all jenen Menschen zu danken, die uns auf großartige Weise geholfen und unterstützt haben. Gerade in unserer Entstehungszeit bekamen wir sehr viel Hilfe in Form von Sachenspenden durch den Leipziger Umsonstladen. Auch die Gohliser „Krabbelkiste“ bereicherte mit Regal- und Kleiderständerspenden unseren Laden enorm. Eine Grafikerin aus der Südvorstadt entwarf für den guten Zweck unser Logo, nachdem sie viel Geduld mit unseren Logowünschen und Änderungen zeigte. Bäckerei Dünkel machte uns mit Cafétischen, Brötchen- und Kuchenspenden zu unserer Eröffnungsfeier eine ganz besondere Freude. Jetzt können unsere MitarbeiterInnen auch in gemütlicher Runde auf einen Plausch mit der Kundschaft draußen sitzen. Und nicht zu vergessen unser Dank an die vielen Einzelpersonen aus der Umgebung, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen.
Hilfe können wir immer gut gebrauchen und sei es nur durch das „Weitersagen“ unserer Ladenexistenz, strahlende Augen und ein Dankeschön von der Kundschaft. Erreichbar sind wir auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten täglich von 8 Uhr bis 16.45 Uhr in der Engertstr. 31, gegenüber dem Plagwitzer Bahnhof. Wir freuen uns über alle Menschen, die mit Ideen und Unterstützungsangeboten zu uns kommen.

Wie wird denn der Tauschladen frequentiert? Was für Menschen nutzen Euer Angebot? Kann mensch das auch irgendwie an nachvollziehbaren Zahlen festmachen? Oder geht das überhaupt nicht?

Da wir eine Nutzerstatistik führen, können wir die Frequentierung recht gut an Zahlen festmachen. Bisher waren es monatlich um die 300 bis 400 Besucher. Die Tendenz ist steigend, was uns natürlich sehr freut. Nachdem wir Flyer selber entworfen und verteilt hatten, haben wir schon damit gerechnet, dass der Anfang zögerlich beginnen wird. Es gab aber bisher keinen Grund zur Entmutigung, eher im Gegenteil. Unsere Mitarbeiter erhalten fast täglich positives Feedback von der Kundschaft. Das motiviert uns alle ungemein, immerhin ist der Tauschladen, so wie er jetzt existiert, das Produkt aus der gemeinsamen Arbeit aller Mitarbeiter.
Genutzt wird der Tauschladen von jung bis alt, Kitagänger bis Rentner. Da wir ein gefördertes und gemeinnütziges Projekt sind, ist die einzige Nutzungsbedingung unseres Ladens die sog. „Bedürftigkeit“ d.h. jeder der über einen Leipzig Pass verfügt, kann sich Dinge bei uns mitnehmen. Klar kommt sofort der Gedanke auf, dass damit viele ausgeschlossen werden, die zwar auch Nichts haben, aber einfach den Pass nicht besitzen. Unsere Mitarbeiter beraten in solchen Fällen auch gerne, wo und wie der Leipzig Pass beantragt werden kann. Vielen Leipziger Bürgern, die unter einer bestimmten Einkommensgrenzen liegen, steht er zu, jedoch haben sie den Gang zum Bürgeramt aus diversen Gründen noch nicht in Angriff genommen. Diesbezüglich können wir Impulse setzen.
Wer keinen Anspruch auf den Leipzig Pass hat, wird von uns an den nahe liegenden Umsonstladen verwiesen, bei dem diese Nutzungsbeschränkungen nicht existieren.

Du, Kaja, bist ja so etwas wie die Projektleiterin, wenn ich das richtig verstanden habe. Wie bist Du zum Konzept Tauschladen gekommen?

Genau genommen bin ich nicht die Projektleiterin, sondern die Projektkoordinatorin mit Verwaltungs- und Betreuungsaufgaben der Mitarbeiter. Da ich schon einige Jahre bei der inab – Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft des bfw mbH im Bereich der Betreuung von Arbeitsgelegenheiten angestellt bin, halte ich ganz automatisch die Augen und Ohren nach neuen innovativen Projekten offen.
Die Idee für einen Tauschladen kam mir gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin des Leipziger Umsonstladens. Da war die Überfüllung des kleinen Ladens, die sehr starke Frequentierung sowie auch das Bedauern über die begrenzten zeitlichen Ressourcen der Mitarbeiter, um abgegebene aber kaputte Kleidung weiter zu verwenden, aktuell Thema. Die Idee war klar, wir als Bildungsträger haben die Räume, notwendige Maschinen zur Reparatur von Kleidung und personellen Ressourcen durch eine mögliche Projektförderung, um das was an kaputten Kleidungsstücken abgegeben wird, noch bis ins letzte Detail nutzen zu können. Nebenbei bemerkt, wir heben sinnbildlich jeden Knopf auf, denn weiterverwerten können wir es immer irgendwann.
Aber genauso wie ich den guten Zweck in einem Tauschladen für Menschen die nichts oder nur wenig haben, sah, stellte ich mir die Frage, was die Arbeit im Tauschladen den Mitarbeitern des Projektes bringen könne.
Diesbezüglich entspann sich das Konzept einen Tauschladen gemeinsam mit den Mitarbeitern entstehen zu lassen, sie aktiv, eigenverantwortlich und selbstbestimmt in die Gestaltung und den Ladenbetrieb einzubinden. Den Laden zu managen und das Bewusstsein zu erlangen, dass durch den Einsatz jedes Einzelnen das Wachsen und Etablieren des „Ladens“ selber mitbestimmt werden kann, ist ein wichtiger Lernprozess, den meine Kollegin und ich mit Freude und großem Staunen begleiten.

Entlässt die Tauschladen- und Umsonstladenmentalität aber nicht die Entscheider in unserer Gesellschaft, die Nutznießer und Vielhaber, aus ihrer Verantwortung, unsere Gemeinschaft am Leben zu erhalten – indem Parallelstrukturen geschaffen werden, die – auch räumlich an den Rand der Stadt gedrängt – die Nichtganzsopartizipierenden am System unter sich halten? Ketzerisch gefragt! Oder siehst Du das anders, Kaja?

Im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet, ist es wahrscheinlich so. Aber hier geht es um die Arbeit für Menschen und mit Menschen in einem kleinen Gebilde. Die Welt kann keiner alleine retten und schon gar nicht im Ganzen, aber wenn wir an der Basis durch solche sozialen Projekte auf die Bedürfnisse der Menschen (auch gemeint das Bedürfnis des Gebenwollens) eingehen und damit für den Einzelnen eine Besserung herbeiführen können, ist doch schon viel für die Menschlichkeit getan.
Vielhaber sind ja letztendlich auch die, die den Weg zu uns finden, um ihre saisonal überholte Garderobe abzugeben. So hat unser Laden auch eine Schnittstellenfunktion übernommen, an der sich die treffen können, die viel haben, und bei uns abgeben und die „Nichtganzsopartizipierenden“, welche davon profitieren. Das findet in keiner an den Rand gedrängten Paralellelstruktur statt, sondern passiert ganz offen und ohne falsche Scham im boomenden, fast durchgentrifizierten Leipziger Westen.

Wenn diese Welt eine gerechte Welt wäre, wie würdest Du sie malen, Kaja? Hast Du ein Bild von einer besseren Welt im Kopf?

Sicher habe auch ich, wie (ich behaupte mal) jeder eine Vorstellung im Kopf, wie Dinge besser sein könnten. Aber hier möchte ich mal an ein sehr schönes Bild einer Mitarbeiterin des Tauschladens abgeben: „Die Welt ist Schauplatz für das Denken und Handeln aller Menschen. Aus diesem Grund ist es wichtig, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch an Andere, denn es wird belohnt. In Form von Wertschätzungen, dem Entstehen von Freundschaften und einem neuen Selbstgefühl. Mit Projekten wie dem Tauschladen öffnen sich den Menschen neue Türen. Sie erhalten die Möglichkeit das Gefühl der Mittellosigkeit ablegen zu können und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Im Vordergrund steht hierbei die Akzeptanz und das Entgegenwirken von Vorurteilen. Kein Mensch soll sich verbiegen müssen, um zu einem Kreis dazu zu gehören oder aufgenommen zu werden. Er soll das Gefühl bekommen, genau so richtig zu sein, wie er ist und nicht so sein zu müssen, wie es ihm die Gesellschaft oder Ideale vorschreiben. Es ist nicht wichtig, wie ein Mensch ist, wo er herkommt oder was er leistet. Es zählt sein Charakter und sein Herz. Soziale und kulturelle Unterschiede oder gar Vorurteile sollten nicht der Grund sein, warum sich die Wege mancher Menschen nicht kreuzen. Das Glück und die Zufriedenheit der Menschen sollte nicht von Geld oder Konsum gekennzeichnet sein, sondern von der Interaktion untereinander, von dem Lernen und Kennenlernen fremder Sitten. Und zuletzt von dem Gefühl, helfen zu können und Hilfe zu bekommen. Was wäre wenn alle so denken? Würden alle Menschen diese Einstellung haben, wäre es möglich, mit wenig Geld auszukommen. Man würde Dinge nun nicht mehr kaufen um sie zu besitzen, sondern um sie zu nutzen, wofür man sie braucht und bekommt die Möglichkeit diese weiter zu geben. Man verliert den Zwang alles haben zu müssen, um in dieser Wegwerfgesellschaft zu bestehen. Man legt sich nur noch das zu, was man braucht. Meiner Meinung nach wird solchen Projekten das Unmögliche möglich gemacht. Das Komplizierte wird plötzlich ganz einfach. Sachen, für die man alleine zu schwach war, kann man nun gemeinsam schaffen. Das Projekt Tauschladen ist definitiv ein Projekt mit Zukunft und ein erster Schritt für eine gerechte Welt.“

Ich danke Euch, dass Ihr Euch die Zeit für mich und meine Fragen genommen habt.

Tauschladen
Engertstraße 31 im Erdgeschoss
04229 Leipzig
Tel.: 0341/ 2419514
Öffnungszeiten: Di, Mi & Fr: 09:30 Uhr bis 15:30 Uhr

Weitere Informationen zu Tausch- und Umsonstläden:
http://alles-und-umsonst.de/umsonstladen

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