Tanners Interview mit der Filmemacherin Alina Cyranek: Wildfremde Menschen gaben uns Geld.

erschien schon in der Leipziger Internetzeitung:

Alina Cyranek traf zum Live-Radio-Stamm-Tisch der Leutzscher Welle nicht nur auf Ronny, den Moderator, sondern auch auf DJ Lutze und Volly Tanner als Hereinquatschköppe Statler & Waldorf. Da diese beiden älteren Herren natürlich bei der Show so einiges durcheinander brachten gibt Volly Tanner der jungen Filmemacherin hier an dieser Stelle die Möglichkeit auch einmal auszureden:

Hallo Alina. Ich war gerade auf Deiner Internetseite – und da erschlug mich ja Dein Preisesammeln förmlich – seit 2007 Awards noch und nöcher. Wo stehen die ganzen Bambi´s denn eigentlich bei Dir in der Wohnung herum?

Nein, ich habe mir dafür eine Extra-Immobilie von dem vielen Preisgeld gekauft. Im Ernst: Oft gibt es nur einen Händedruck mit Urkunde, und die lassen sich prima verstauen. Preise sind oftmals Glückssache, und außerdem habe ich gar nicht so viele bekommen.

Alina lacht und Ronny lässt sich ablenken.

Alina lacht und Ronny lässt sich ablenken.

Bekannt in unserer Stadt bist Du ja besonders durch den Film, nein, den Hörfilm – FADING geworden. Kannst Du ein bisschen etwas über dieses Projekt erzählen?

Alles fing damit an, als ich einen Artikel in der Zeitung über die Geschichte des Hauses las. Es ließ mich nicht mehr los. Ein Stück Weltgeschichte vor der eigenen Haustür und ich hatte keine Ahnung! Capas Fotoserie vom „Letzten Toten des Krieges“ kannte ich natürlich und war entsetzt, dass das Haus bereits eine Abrissgenehmigung hatte. Die Idee zum Film und der Umsetzung war sofort da, eine ganz klare Vorstellung wie der Film aussehen und sich anhören sollte. Ich holte meinen Kollegen Jan Frederik Vogt, einen Hörspielmacher, ins Boot und wir schrieben das erste Skript. Der Film war von Anfang an auf vier Minuten angelegt, weil man die intensive Geräuschkulisse des Krieges nur schwer länger ertragen kann. Es sollte ein Fenster in die Vergangenheit sein, das man aber schließen und seinen eigenen Vorstellungen von dem 18. April 1945 Raum lassen kann.
Nach den ersten Recherchen nahm ich Kontakt auf zu Meigl Hoffmann auf, der mich dann der Capa Haus Initiative vorstellte. Durch dieses Netzwerk bekam ich einen tieferen Einblick in die Geschichte rund um das Haus, den getöteten Soldaten und zu den Plänen zum Erhalt des Hauses. Der Rest der reinen Recherche- und Produktionsarbeit fügte sich dann recht schnell, das U.S. Konsulat unterstützte uns bereits in der frühen Phase. Mit den Dreharbeiten mussten wir uns beeilen, da die Sanierungsarbeiten bald beginnen sollten. Damit wären auch die letzten Spuren verschwunden, die ich unbedingt festhalten wollte. Mit Frederik starteten wir im Oktober eine Crowdfundingkampagne, um die Herstellungskosten zu decken. Die Resonanz auf das Projekt hat mich völlig überwältigt. Wildfremde Menschen gaben uns Geld, um dieses Stück Geschichte festzuhalten.

Da war doch noch etwas mit einer Uhr. Als ich diese Geschichte erstmals hörte verstand ich im Ansatz was Du da machst – kannst Du das mit der Uhr ein bisschen genauer bringen?

Es ging um eine möglichst realistische Rekonstruktion der Ereignisse des 18. April 1945. Da ich nicht mit der Reenactment-Methode arbeiten wollte (Schauspieler stellen Szenen nach), sondern mit den Räumen des Originalschauplatzes, wollte ich die Ereignisse als Hörerlebnis rekonstruieren. Wir haben versucht so viele Originalgeräusche zu sammeln wie es nur möglich war: Das Klicken der Kameras (Originalmodelle!), das Ticken der Uhr, das Knarren des Parkettbodens. Den Rest mussten wir rekonstruieren.
Ja, die Standuhr! Ich wollte unbedingt das Ticken derselben Standuhr, die damals 1945 auch im Wohnzimmer stand. Ich konnte den ehemaligen Bewohner des Hauses ausfindig machen. Er lebte damals als kleiner Junge in dieser Wohnung. Er hatte die Uhr zwar an seinen Nachbarn weiterverschenkt, aber wir durften trotzdem in die Nähe von Kassel fahren und Tonaufnahmen machen.

Woran schraubst Du derzeit?

Da gibt es mehrere Projekte, die parallel laufen, sich aber in unterschiedlichen Stadien befinden. Vor einigen Tagen bin ich aus Krakau von einem Animationsfilmworkshop wiedergekommen – dort arbeitete ich mit meiner Kollegin Alice von Gwinner am Storyboard und am Look von „I ♥ my CarL.“ Es ist eine Geschichte der Freundschaft zwischen einem Mann und seinem Auto. Die Rivalität zwischen Frau und Maschine wird durch die Möglichkeiten des Zeichentricks auf die Spitze getrieben. Das Projekt gibt es schon lange, und endlich hat es einen größeren Schritt nach vorne gemacht.
Zeitgleich arbeite ich an meinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, „Immer Liebe.“ Der Film wird ein Setzkasten der Erinnerung und ein Kaleidoskop der Gegenwart im Alter. Es soll ein lebendiges Portrait von vier hochbetagten Frauen werden, die zeigen, dass Liebe kein Verfallsdatum hat.
Wie immer stehen auch kleinere Projekte an, die ich mal so zwischendurch mache: Kurzfilme, fotografische Arbeiten, Aufträge. Als Kreative muss man ja immer mehrgleisig fahren. Und dann noch Filmfestivals, wo ich meinen filmischen Kram präsentiere. Aber das ist meistens sehr angenehm. In zwei Wochen feiert „Fading“ seine Weltpremiere in Prag, danach geht’s nach Kiew.

Du bist ja eine Weltgelebte, Katowice, Shanghai, Dresden, Weimar. Katowice ist klar – da bist Du in der Nähe geboren – aber Shanghai – was hast Du denn da genau gemacht? Und kannst Du jetzt fließend Mandarin?

Haha, genau: Weimar! Sehr weit gereist!
Die Reiserei hat sich einfach ergeben. Ich fühle mich überall wohl und sage „Zuhause“ zu dem Ort, an dem mein Koffer steht. Mit dem DAAD bin ich nach Shanghai, habe dort studiert und auch einen Masterabschluss gemacht. Das Leben und das Studium sind ganz anders als in Europa. Da die Professoren nur wenig Englisch konnten und mein Mandarin sich aufs Einkaufen, Taxifahren und Nach-dem-Weg-fragen beschränkte, konnte ich ganz entspannt an „freien Projekten“ arbeiten. Dabei entstanden zwei Kurzfilme und mehrere Fotoserien.

Und jetzt mal was Diskretes: Wer ist eigentlich dieser CarL????

Carl ist Jacks kleines, altes Auto aus „I ♥ my CarL.“ Es ist ein eigener Charakter mit ganz urwüchsigen Emotionen. Er ist zuverlässig und loyal. Carl gefallen Ausflüge mit Jack immer am besten, da sie gemeinsam den Fahrtwind genießen oder nachts in den Sternenhimmel gucken. Jack ist Carls einzige Familie und sollte sie jemand – vor allem eine Frau – auseinanderbringen wollen, wird Carl zum Jaguar.

Danke für Deine Antworten, wir sehen uns bestimmt bald wieder….

Ja, darauf freue ich mich ganz besonders!
Lieber Volly,
falls Links Dir noch irgendwie weiterhelfen können, bitteschön:
http://www.visionbakery.com/fading
http://ilovemycarl.com/
http://alinacyranek.com/

Danke Alina.

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