Tanners Interview mit der Künstlerin Heidi Baudrich: Die Welt braucht Lehrer im Sinne von Vorreitern, die lehren das Eigene zu wagen.

erschien schon in der Leipziger Internetzeitung:

Es gibt Läden in Leipzig, von denen wissen nur einige Eingeweihte. Beim „Alabama, Sir“ handelt es sich um solch einen Freiraum, der aber auch gern genutzt wird, ohne dass alle Augen darauf fokusiert sind. Nun sollen aber trotzdem Menschen dahin finden – und deshalb interviewte Volly Tanner die beeindruckende Heidi Baudrich, welche ab dem 06.11. dort mit Freunden ausstellt. Lest und erfahrt, was es mit dem „Alabama, Sir“ auf sich hat, wer solo die Tage und Nächte bespielt und was Heidi zu HGB und Kunstmarkt zu sagen hat:

Hallo Heidi. Schön Dich interviewen zu können. Schließlich ist ja am 06.11. Vernissage im „Alabama, Sir“ im Plagwitzer Bahnhof. Wer stellt denn da weshalb und zu welchen Themen mit Dir aus – und was ist das „Alabama, Sir“?

Hallo Volly, danke! Ja, am Donnerstag, den 6.11. bin ich die Erste von 11 Künstlern (Franziska Jyrch, Jörn Lies, Famed, Kerstin Pfefferkorn, Enne Haehnle, Stefan Guggisberg, Renan Ran Harari, Vincent Hofmann, Anna Schimkat und Hilde Hildenhagen), die ihre Arbeiten in den darauf folgenden Tagen präsentieren werden. Jeweils Donnerstag, Freitag und Samstag einen Monat lang. Das Projekt nennt sich „Solo“ und angedacht ist es ein Thema, bzw. eine Arbeit intensiver zu beleuchten. Im Gespräch und im Austausch. Mein persönlicher Titel an diesem Abend heißt „Heldenreise“.
Der Kunstraum „Alabama, Sir“ wird seit April 2012 von der Holländerin Karen Oostenbrink und den zwei Schweizerinnen Rebekka Gnädinger und Zora Berweger gemeinsam betrieben. Mit Ausstellungen und Aktionen von Künstlern aus dem In- und Ausland, bietet der Ort Freiraum sich auch jenseits des kommerziellen Kunstbetriebs der Spinnerei zu zeigen.

Durch die Zeiten - Heidi Baudrich

Durch die Zeiten – Heidi Baudrich

Deine Homepage beginnt textlich mit „Es sind die Künstler auf dieser Welt, die Fühlenden und die Denkenden, die uns schlussendlich erretten werden, denn sie sind in der Lage, die großen Träume auszudrücken, zu lehren, herauszufordern, festzuhalten, vorzusingen, herauszuschreien. Nur Künstler können das Noch-Nicht Wirklichkeit werden lassen…“ von Leonard Bernstein, dem großen ukrainisch-jüdisch-amerikanischen Komponisten und Dirigenten. Braucht unsere Welt so dringend Lehrer? Und braucht es so viele, die sich Künstler nennen? Und welche Träume hast Du für diese Welt, die Du in Deine Arbeit versuchst einfließen zu lassen?

Ich meine keine „Oberlehrer“ im verschulten Sinne … die mag ich nicht! Die Welt braucht Lehrer im Sinne von Vorreitern … die lehren, das Eigene zu wagen, tiefen Sehnsüchten und Wünschen zu folgen und diese mutig in die Welt zu tragen! Ein Bild zu malen, das ist für mich ein Schöpfungsprozess der beinhaltet, mit jedem Schritt im Malprozess über sein kleines Ich hinauszuwachsen … in dem man jedes mal einen Schritt weiter geht … das kann man auch auf das Leben übertragen. In meinen Bildern nähere ich mich meinen Idealen an. Sie sind höchst persönlich aber auch überpersönlich: Es werden universale Prozesse widergespiegelt. Oft gibt es eine Reihe zu einem bestimmten Thema, z. B. zur „Heldenreise“. Wie der Mythenforscher Joseph Campbell zeigt, handelt es sich hierbei um archetypische Grundmuster denen der Heros folgt. Künstler sind auch Helden und jeder kann ein Künstler sein! (um das berühmte Joseph Boys Zitat aufzugreifen, der meinte: Jeder ist ein Künstler.) Menschen, die ihre Träume verwirklichen, sind glückliche Menschen und glückliche Menschen braucht die Welt! Unglückliche gibt es schon genug.

Heidi Baudrich - wie sie in die Welt schaut!

Heidi Baudrich – wie sie in die Welt schaut!

Die Ausstellung SOLO wird sich bis zum 28.11. halten. Nun fragt sich das interessierte Publikum bestimmt auch, ob es ein Rahmenprogramm geben wird. Sind die Künstler zum Austausch auch anwesend, während der Öffnungszeiten? Und kann Mensch kaufen? Schließlich ist ja bald Beschenkefest.

Jeder Künstler wird an seinem Abend anwesend sein. Wie jeder Einzelne das gestaltet, davon darf man sich überraschen lassen. Manches darf sich auch aus dem Moment heraus entwickeln. Ich freue mich über jedes Gespräch! Außerdem habe ich Jemanden auserkoren eine Rede zu halten und wer mag darf natürlich auch Kunst kaufen, um diese über den Weihnachtsbaum zu hängen(lacht)

Vor ein paar Jahren sagte ich mal scherzhaft in eine Kamera, dass HGB-Studenten auf´s Scheck-Malen trainiert werden – dies ist ja nun glücklicherweise mit dem Hype vorbei gegangen. Worauf trainiert denn die Hochschule derzeit ihre Novizen? Du warst ja bis 2010 mittendrin im Getümmel und hast bestimmt immer noch Kontakte hinein in die Schmiede.

Worauf die Hochschule derzeit trainiert weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls froh, dass ich einen befriedeten Abstand zur „Schmiede“ erlangen konnte. Wer gern Scheckmalerei praktizieren möchte, soll das doch tun, schließlich ist der Gedanke an viel Geld sehr verlockend, wenn auch sicherlich nicht immer gut für junge Leute, die sich in der Entwicklung befinden. Aber spätestens nach dem Abschluss des Studiums werden die Meisten von der Realität eingeholt: Die Hochschule ist nicht der Maßstab der Welt. Scheck-Malen war noch nie mein Ding. Ich bin Idealistin und eigentlich ist es ganz einfach: Kunst ist eine Lebensaufgabe mit Höhen und Tiefen und was gut ist, muss sich bewähren, dann wird es sich auch verkaufen und gesehen werden.

Ich habe überhaupt keine realistische Vorstellung vom Kunstmarkt derzeit. Kannst Du ein bisschen etwas von den Abläufen verraten? Funktioniert Kunst aus Leipzig auch pekunär? Oder braucht es immer noch einen Job hinter einer Theke um nicht zu verhungern?

Das ist natürlich ein Paradox: Geld und Kunst! Ich persönlich bin gerade froh, dass ich nicht auf das Verkaufen meiner Werke angewiesen bin. So etwas setzt mich gewaltig unter Druck, vor allem wenn es dabei um die Bedienung des Marktes geht, im Sinne der reinen Nachfrage … das Erwünschte zu liefern. Ich möchte frei sein … malen wann ich will und weil ich will! Weil eine Dringlichkeit aus mir selbst heraus besteht. So etwas kann ich nicht auf Knopfdruck! Andererseits, sobald ich gut verkaufe und dadurch auch Wertschätzung erhalte, habe ich Zeit Ideen und Eindrücke zu sammeln, die mir, wenn ich arbeitstechnisch verwickelt bin, fehlt. Daher versuch ich es gerade mit dem 30/70- Prinzip. 30% arbeiten und 70% Kunst und Leben!

Danke, Heidi – und Dir Erfolg und Lebensweisheit.

http://www.heidi-baudrich.de

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