Laudatio für Peggy Filip: Nicht in der Industrie enden!

Laudatio zur Ausstellung WESTSICHTEN der Leipziger Fotografin Peggy Filip/ Lichklientin/ Atelier Grüne Tür – im Stadtteilladen Leipziger Westen – vom 20.09.2014 beginnend bis Ende 2014
Liebe Lauschende und Schauende.

Heute begehen wir hier zusammen die Vernissage zur Ausstellung WESTSICHTEN der jungen, hiesigen Fotografin Peggy Filip.

Für mich ist es die gefühlt achtzigste Laudatio dieses Jahres, deshalb bemühe ich zu Anfang, auch um ins Schreiben hineinzukommen, Worte großer Geister. Da wäre der mystisch-göttliche Michelangelo, dem, mag man der Überlieferung Glauben schenken, folgendes Bonmot gelang: „Solange der Künstler arbeitet, um ein reicher Mann zu werden, wird er immer ein armseliger Künstler bleiben.“
Abgesehen davon, dass heute auch Frauen armselige Künstler werden können – respektive natürlich armselige Künstlerinnen – hat er in einem völlig Recht: Wer nur nach pekunärer Erfüllung strebt sollte sich ein anderes Feld suchen um es zu beackern. Mit der Kunst wird das in der Regel nichts werden.
Wer sich aber für die Kunst entscheidet, kann wirklich bewegende Momente erleben und gestalten.

Peggy Filip nun hat sich für ein Segment in der Kunst entschieden, welches viel zu oft belächelt wird, wird es doch auch zweckentfremdet und benutzt, um – zum Beispiel in der politischen oder konsumistischen Propaganda – Schindluder zu treiben.
Wenn jedoch die Fotografie – um die es hier gehen soll – mit Liebe und Seele bespielt wird, ist wirklich Ergreifendes möglich. Schauen wir uns doch die heute ausgestellten Werke an. Schauen wir in die Gesichter der Portraitierten und lassen wir uns Zeit in die Augen zu blicken und zu sinken. Ein nur allzu menschlicher Hauch der Melancholie durchstreift die zu Landschaften gewordenen Kompositionen, der PhotoShopAllgegenwart ein Schnippchen geschlagen, leben diese Bilder in Realität, die Menschen nicht zu Produkten gemacht, sondern in ihrem Zweifeln an der Zeit und an der Welt belassen und geachtet.

Denn das ist es, was Kunst wirklich ausmacht. Nicht die Anpassung an Sehgewohnheiten, die durch eine Dauervermittlung – im Wortsinne das Oben- und Untenabschmirgeln und in den Durchschnitt-Balancieren – sondern dieses Belassen und Achten der Eigenart des menschlichen Individuums und dem dadurch entstehenden Respekt.
Und der Abkehr eben auch von der allerorten propagierten Religion der Gewinnmaximierung und Totalverwertung.
Der große Denker Paul Hindemith sagte es so: „Das künstlerische Schaffen ist aristokratisch, weil es stets das Vorrecht einer kleinen Anzahl Menschen sein wird. Könnte es demokratisiert werden, verlöre es seine künstlerische Qualität, sänke zu einem Handwerk herab und endete als Industrie.“

Nun soll dem Handwerk des Fotografen nicht geschmäht werden, mitnichten, liebe Freunde – jedoch ist´s Menschenbilder schaffen eben nicht mit dem Drechseln eines – wenn auch schönen – Nussknackers zur Weihnachtszeit im schneevernebelten Erzgebirge gleichzusetzen. Ich wisst schon, die alte Geschichte von den Äpfeln und den Birnen …

Ein weiterer im Leben eines Fotografen nicht zu verachtender Aspekt ist das andauernde von Kollegen Bewertet- und Verglichenwerden.
Achja, wenn kleine Geister neiden.
Warum und weswegen aber wird soviel Zeit und Kraft investiert die Arbeit eines anderen Menschen zu diskreditieren?
Soll nicht jedermensch die Bilder machen, die ihn selber berühren?

Ein Volly spricht eine Laudatio!

Ein Volly spricht eine Laudatio!

So, wie ich Naturjoghurt extrem langweilig finde, finde ich mittlerweile eben auch überarbeitete und gehochglanzte Frauenkörper und Menschengesichter äußerst langweilig.
So manchem adoleszenten Jungburschen treibt da wahrscheinlich noch die Erregung in die Kauffreude – aber ich bin schon etwas älter – und ich habe die Originale gesehen und angefasst und teilweise für gut befunden.
Aber nicht aufgrund der Glattheit der Haut, sondern aufgrund der inneliegenden Seele.
Es gibt keine vollkommenen Bilder.
Genausowenig, wie es vollkommene Menschen gibt und hoffentlich auch nie geben wird. Die kleinen – und ich schreibe es in Anführungsstrichelchen „Makel“ machen die Bilder doch erst einzigartig. Sie geben uns den Freiraum zu interpretieren.

Der im Schatten einer Kneipe sitzende Mann, draußen das helle Leben, er getrennt davon durch sein Tun und Sein. Ist dies gewollt? Ist dies nur geschehen? Was sagt uns das Bild über Grenzen und Begrenzungen?
Die junge Designerin? Die Sterbegleiterin? Die alleinerziehende Mutter?
Ich weiß, was jede der auf den Bildern abgebildeten Personen in ihrer Lebenswirklichkeit macht – aber der Nurschauende nicht – und ist trotzdem berührt.
Weil er oder sie sich selber sieht. Und eben nicht jubelnd und lachend und fremdgesteuert grölend, weil FußballWM ist oder DSDS oder sonst irgendeine aufgeblasene Nichtigkeit.

Der Nurschauende, der Besucher in den nächsten Monaten, der nur einmal vorbei kommt, weil er irgendein hier im Stadtteilladen zu lösendes Problem oder eine Frage hat, der wird in die Gesichter der Portraitierten gezogen werden, weil sie Spiegel sind, Seelenwahrheiten, Ehrlichkeit und Respekt.
Salvador Dali, ein streitbarer aber zutiefst menschlicher Geist, brachte es auf den Punkt: „Fürchte nicht die Vollkommenheit, du wirst sie nie erreichen.“ Und das ist tröstlich und gut so, liebe Freunde.

Hier vor den Bildern hier lebender Menschen – wir nannten die Ausstellung WESTSICHTEN, weil Peggy Filip im Leipziger Osten lebt und arbeitet und unseren Leipziger Westen eben aus der Seitenperspektive erfuhr und erfährt – macht sich auch ein Gefühl der Demut breit.
Demut, weil in der Schnelligkeit der Entwicklungen, mit allen Problemen und Schieflagen, gerade hier Menschen leben, die liebenswert sind, die individuell und stark sind, die kämpfen und sich nicht von fremden Idealen unterkriegen lassen.
Solche Menschen gibt es wahrscheinlich allerorten – aber Peggy Filips Leistung ist es, und damit steht sie im Fotografendschungel im Moment und hier ganz einzig da – diese Menschen mit ihren Bildern geehrt zu haben.
Ein klitzekleines Denkmal der Menschlichkeit.

Und dies ist viel viel größer und erhabener als alle Titelseiten der Hochglanzpostillen und alle Preise der Fotoindustrie zusammen.

Danke.

Und jetzt: Kurz und bündig: PROST!
http://lichtklientin.fotograf.de/
Euer Volly Tanner

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Eine Antwort zu Laudatio für Peggy Filip: Nicht in der Industrie enden!

  1. rennbootlenkerin schreibt:

    Hat dies auf rennbootlenkerin rebloggt und kommentierte:
    😍

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