Tanner traf Wiglaf Droste: Rote Bete und arbeite

erschien schon in der Leipziger Internetzeitung:

Sachen gibt es, die gibt es gar nicht. Da lädt der streitbare kulturpolitische Sprecher der Partei DIE LINKE im Landtag zu Dresden Dr. Volker Külow den Satiriker und Sprachhelden Wiglaf Droste ein – und dieser kommt wirklich. Bevor nun jedoch allerorten „Das Abendland geht unter“-Geschrei einsetzt, fragt Volly Tanner den Droste selber und erfreut sich an den Antworten auf dringende Fragen:
Besten Tag, Kollege Droste. Das ist aber schön, dass Sie den Leipziger Westen am 30. August besuchen – zur Veranstaltung: „Volker Külow lädt mich ein und ich komme trotzdem / Substanz und Tanz mit Wiglaf Droste“ – in der Philippuskirche. Wird da politisch geschnattert – oder gelesen – oder werden spanische Freiheitslieder intoniert?

Geschnattert wird nichts, ich bin auch vor keinem Karren, der Auftritt hat vor allem persönliche Gründe; im Rahmen von „Jazz Lyrik Prosa“ bin ich eben nicht nur jahrelang mit meinen von mir, übrigens in Leipzig, adoptierten Ost-Eltern Uschi Brüning und Luten Petrowsky aufgetreten, was ich zu meinem Glück immer noch tue, sondern auch mit Edgar „Eddie“ Külow, der nicht mehr sterblich ist. Sein Sohn ist also quasi der Auftrittserbe, außerdem ist er klug und freundlich, und das nicht nur zum Schein; in dieser Birne brennt ein Licht, und deshalb spricht er abends nicht. Sondern ist Gastgeber. Es wird dann von mir gelesen und gesungen, was ich eben so kann, und falls die Sache gelingt, nicht nur a cappella, sondern im Verbund mit Ralph Schüller, dem feinsten Leipziger Sänger und Liedschreiber, dessem neuen Album „Alle guten Geister“ Sie bitte angemessen vollkommen verfallen wollen.

Ein Schmunzel-Wiglaf auf der Sprachgeraden.

Ein Schmunzel-Wiglaf auf der Sprachgeraden.

Der Mehrerlös der Veranstaltung kommt dem Cinemabstruso-Filmprojekt „Der schwarze Nazi“ zugute. Ein feines Projekt, bei dem ein Mann aus Afrika die Rechten rechts überholt. Wäre Kino nicht auch etwas für Sie, Herr Droste?

Ich liebe Kino, es ist im gelungenen Fall die wahre Welt, und zur Zeit sind das Freilichtkino Rehberge im Berliner Wedding und das Pompeji im Friedrichshain reizende Abendfreuden. Angebote, selbst auch zu schauspielern, gab es einige, aber ich fühlte mich immer unwohl, man ist sich privat ja schon fremd genug. Und warum sollte man sich selber vor eine Kamera stellen, wenn man im Kino Tilda Swinton zuschauen kann?

Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es Sie als Reihe über mehrere Monate in der Schaubühne Lindenfels, talkend und kochend, wenn mich nicht alles trügt. Warum ging es denn nicht weiter? Ich wollte es mir immermal anschauen und als ich Zeit hatte war es schon wieder zu Ende.

Kochend war das nicht, schon gar nicht im gastronomischen Sinn, talkend sowieso nicht. Aber die Auftritte, da irren Sie weit minder, fanden nicht über Monate, sondern über Jahre statt, und Jahre können in die Jahre kommen, wenn sie nicht gut genug gepflegt werden. Ich hege keinerlei Groll, im Gegenteil, wir hatten große Abende zusammen, ich hoffe bei dieser Einschätzung auf gegenseitig gütige Wahrnehmung, und dann trat ich irgendwann eben woanders in Leipzig auf. Es geht ja nicht darum, auf Teufelkommraus eine Veranstaltung zu machen, es muss seelisch stimmen. Manchmal braucht man eine Pause voneinander, das ist im jeweiligen Moment manchmal schwer, aber auf lange Sicht – und auf die kommt es an – dann im guten Fall anders, aber gut.

Literarisch huldigen Sie der kleinen, kurzen und satirischen Form. In den Bestsellerlisten stapeln sich jedoch Ziegelsteinbücher, ellenlange Machwerke, dicke Dinger und breit ausgewälzte Körperfeuchtigkeitsbetrachtungen. Reizt Sie nicht auch einmal der finanzielle Erfolg per Marktanpassung? Oder sind Sie da schon drüber hinaus?

Der einzige Markt, der mich interessiert, ist der, auf dem man gut zu essen und zu trinken einkaufen kann, der duftet und lebt und brodelt, da gibt es Brot, Fisch, Gemüse, Fleisch, Meeresfrüchte, Öl, Wein, Austern, Käse, Würste, Schinken, Kuchen, Obst, Gewürze und Leute, die es lieben, gute Qualität anzubieten. Das macht Spaß. Alles andere ist Betrieb und lästig. Von wenigen Ausnahmen wie Klaus Bittermann und Antje Kunstmann – es gibt noch ein paar mehr – ist der Literaturbetrieb das Verbrecher-Zeug, das der Musikbetrieb mit seinem Zureiter Tim Renner vorgelebt hat. So etwas grundkorrupt zu nennen wäre noch geprahlt.

Zwischenmang stand ja auch ein Droste-Koffer in Leipzig. Die Indieszene fühlte sich aufgewertet durch Ihren Herzug, verschiedene Medien kamen garnicht mehr aus dem Freuen heraus. Steht der Koffer noch hier? Wenigstens halboffen? Oder ist dieses Kapitel mittlerweile vom Zeitlichen gesegnet?

Ich habe eine schöne, ruhige Mietwohnung in Gohlis, in der ich sehr gern logiere; wenn ich da bin, frage ich mich immer, warum ich nicht soviel öfter dort bin, weil ich mich doch so wohl fühle dort. So dumm ist das menschliche Herz oder wie man das Zeug nennen soll, das in uns schlägt.

Nach meiner Rechnung ist bald ein neues Buch dran. Ist bald ein neues Buch dran? Und wenn ja wann, wo und womit gefüllt?

Im März erschien „Schalldämpfer – Eine Revue“ in der Edition Tiamat, eine Art Road Movie. „Der Ohrfeige nach“ erscheint im Herbst im selben Verlag; es ist eine Mischung aus Sprachglossen, Miniaturen und Geschichten, sehr rund, 208 Seiten prall. Ich arbeite einfach viel zu gern, ora et labora eben, nur ohne ora. Statt dessen kann man ja singen, das ist, wie ja auch die Rote Bete, die glückliche Form von Beten.

Danke, Herr Kollege. Sie haben meinen vollen Respekt. Und hier noch Platz für weise Worte. Nutzen Sie die Chance, bittesehr:

Neinsagen ist die höchste Tugend, sagte der Neinsager, damit also Ja sagend. (Ob sowas Brecht recht wäre?) Machen Sie es gut, grazie mille!, caro!

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