Mit der Tastatur ins Herz der literarischen Gemeinschaft gezielt. Volly Tanner schießt den Bock.

erschien gerade in der Straßenzeitung KIPPE für Leipzig:

Literatur in Leipzig, Vorlesende, Selberschreibende, Enthusiasten, Aktivisten – ein riesiger Topf voller Inkredenzien, scharfen Hunden, weichen Maiden und gepfefferten Rundumschlägen. Viel Lautstärke, viel Nachmacherei – hin und wieder ein Trüffelchen und Regale voller Belanglosigkeit.
Das klingt altherrenabgeklärt und ist es auch.

Als Freunde und ich im kurznachwendlichen Jahr 1995 begannen, den hiesigen Betrieb mit Veranstaltungen zu überziehen – noch bevor der Gedanke Poetry Slam sich mit der Lesebühneninflation vermählte – war die Krume unbeachtet, auf der so viel wachsen sollte. Mittlerweile sprießen so viele Pflanzen im Beet, dass man kaum zu Atem kommt beim permanenten Unkrautzurseiteräumen. Nun könnte mensch das wahre Wort von der Medienkompetenz bemühen, besonders wenn einige hierige Presseschlachtschiffe immer die selben Wortklauber zu Wasser lassen, jedoch bleibt ganz zu Schlusse, wenn all die Dichtergötter von dannen geschieden sind, doch nur Text.

Und an dem messe ich den Wert.

Ich selber mag es, auf Bühnen zu sitzen und lang und breit meinen Gedanken Zucker zu verabreichen, während schmunzelndes oder berührtes Volk mir lauscht, sich konzentriert oder die Zeit nutzt, um potenzielle Geschlechtsaktimitspieler/innen anzuhimmeln.

Jedoch ist mir klar, dass Literatur mehr ist als Entertainment.
Literatur ist aber auch mehr als ein perfekt geplanter Werbefeldzug, um große, dicke Bücher zu verkaufen. Literatur muss mich erreichen – und da gibt es sogar Welche hier in Leipzig, die es schaffen Bretter über die Schlangengruben zu legen.

Mein Herz geht auf, wenn ich Texte von Anna Kaleri oder Daniela Krien zu lesen bekomme. Leise, menschennahe Geschichten, an den Rand des Literaturbetriebs geschriebene Warmherzigkeiten, erwachsen und weiblich, mütterlich in der Ausgangsposition, ohne Geschrei und Gepolter. Da wird nicht monatlich Flachwitz nachgeschoben, um Studentenhorden en masse zum Applaus zu programmieren, nein, da wird geschrieben an und mit der Zeit, genau und filigran.

Der Beitrag im PRINTmag KIPPE. Hossa. Unscharf geschossen aber scharf gewtzt am Wetzstein Literatur.

Der Beitrag im PRINTmag KIPPE. Hossa. Unscharf geschossen aber scharf gewtzt am Wetzstein Literatur.

Doch auch André Kudernatsch´s oder Christian von Aster´s Pointenweitwurf gefällt mir – wenn ich in der Stimmung dazu bin. Legen diese beiden Buchstabenverbinder doch trotz der Suche nach dem guten Lacher die sprachliche Messlatte hoch. Und halten durch. Und meinen´s ernst, was da so locker daher zu kommen scheint.

Mein guter Freund Michael Schweßinger ist da von ganz anderem Kaliber. Er erkämpft sich diese Welt. Er leidet und schreibt darüber. Wundervolle haltbare enge Bücher, Texte, die erschüttern und qualvoll an Wahrheiten kratzen. Der Mann wählt den schmerzhaften Weg, schafft aber damit Literatur, die in eine Reihe gehört mit den Lovecraft´s und Poe´s – in ihrer Tiefgründigkeit jedoch in unserem Sprachbereich extrem eigenständig sind. Auch der von mir zu meinen engsten Homies gezählte Markus Böhme schreibt finsterere Sachen. Neben seinem Chefsein im HelHEIM gründelt er im Literaturmeere, dort, wo der Schlick die Untergegangenen und Vergessenen überdeckt. Das ist manchmal schwer auszuhalten. Aber immer mutig.

In meine kleine Stadtliebstenliste hat sich auch die faszinierende Ann van Helden – die als Journalistin und Moderatorin Anja Burkhardt-Oberpaul heißt – in die vordere Linie geschmuggelt. Ihre literarische Ware ist hellleuchtend, die Grundfesten ihres Schaffens immer auf die Sonnen dieses Universums ausgerichtet und berauschend gefühlvoll. Kurz vor dem Sprung auf diese – gerade erstellte – Liste hockt Linn Penelope Micklitz. Ich mag ihre Art zu schreiben und ihre Art vorzutragen. Ich mag es, wie sie sich der Fesseln ihrer Poetry-Slam-Herkunft entledigt, souverän und aufrecht, stark auf den Bühnen und gekonnt im Abschluss.

Schwierig ist für mich, wenn das Metier mich nicht anspricht. Der Massenwahn Krimi ist für mich psychologisch erklärbar – kommt mir dadurch jedoch kein Fitzelchen näher. Trotzdem trete ich gerne mit Sophie Sumburane auf. Ganz einfach, weil ich ihre Intonation, ihre Rauheit, mag – auch wenn ich das ganze Mörder-Mord-und-Abkillen unwahrscheinlich unwahrscheinlich finde. Und auf die Masse des Berges Bücher gesehen auch langweilig.

Nun hat der gute Oliver Baglieri, der ja einstmals als mein Verleger versuchte, die Mauern um die erkalteten Herzen der Konsumentenschar einzureißen, mich beauftragt, mein literarisches Denken auszubreiten – und deshalb möchte ich noch kurz ins Rund werfen: Dies ist nur meine Meinung. Ich glaube, dass meine Meinung fundiert ist. Ich weiß, dass ich mir in den letzten über zwanzig Jahren Hintergrundwissen angeeignet habe und nicht ohne Grund mittlerweile Sächsischer Literaturrat bin, jedoch sollte niemand sich bemüßigt fühlen, sich nicht selber eine Meinung zur hiesigen Schreiber/innenzunft zu bilden.
Und dazu vielleicht nicht nur zu den Karnevals-Lesebühnen zu pilgern, sondern sich den Texten widmen, die allzu oft die glänzenden Leipzig-Stars entzaubern.

Oder genau das Gegenteil bewirken.
Jeder Mensch ist ein Planet.
Und diese Welt ist ein Garten.
Danke.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Mit der Tastatur ins Herz der literarischen Gemeinschaft gezielt. Volly Tanner schießt den Bock.

  1. Clarknova schreibt:

    Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht so recht, was dieser Text will. Geht’s darum deine Leipziger Lieblinge vorzustellen oder gegen die Poetry Slam/Lesebühnen-Szene zu ätzen? Kann man ja beides machen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s