Das Bewusstsein bestimmt das Sein – eine Laudatio von Volly Tanner zur Ausstellung von Werken des Künstlers J. Fried in den ZAROF-Räumen/ Vernissage: 03.07.2014

Rede wurde gehalten am 03.07.14 in den ZAROFräumen:

Herzlich willkommen, liebe Kunstinteressierte & ZAROFsommerfestgäste, zur heutigen Vernissage der Ausstellung mit Werken von J. Fried.

Ich selber hatte im Vorfeld noch nie von ihm gehört – was ihm zur Ehre gereicht – heißt dies doch, dass er sich nicht in den Kunsträumen der hiesigen Weinkartontrinke-Ausstellungsbesucher herum drückt oder sich in Gazetten und Internetseiten des Themas schummelt, sondern an der Staffelei und am Werkstoff schafft.

Natürlich ist es dadurch auch schwieriger für einen Laudator eine Rede zu kreieren, schließlich ist auch wenig Möglichkeit von Kollegen abzuschreiben. Bleibt nur, sich selber eine Meinung zu bilden, sich in die Friedschen Welten einzufühlen, sich dem Oeuvre hinzugeben, an manchen Strichen vielleicht sogar auszuliefern.

Fried kämpft mit der Welt, die ihn umgibt – lassen Sie es mich gar phrasendreschend sagen: Fried sucht keinen Frieden.

Er verletzt bewusst die Oberfläche des Materials, zerstört gar manchmal, doch, so sagt er selber: „Diese Konfrontation des Zusammenpralls ist mir wichtig!“

Der großartige Philosoph und Soziologe José Ortega Y Gasset, der mit seinen Abhandlungen über „Der Mensch und die Leute“ Meilensteine neuen Denkens ins Rund warf, sprach es sehr nachvollziehbar aus: „Die neue Kunst trägt dazu bei, dass im eintönigen Grau der vielen die wenigen sich selbst und einander erkennen und ihre Mission begreifen; sie heißt: wenige sein und gegen viele kämpfen!“

Da sind die eben gemeinten vielen, die wir so oft abschätzig belächeln, über die wir uns erheben in unserer Sprache und Symbolik, die TV-Gefühllosen, die Nilpferdmenschen aus den Kauflandschlangen, die Abgehangenen in den Liegestühlen des Konsums, die Arbeitsameisen und Geldsammler – und dann die, die am Rad drehen könnten, wenn sie wieder fühlen lernen würden, was ihnen zu lehren Aufgabe der Kunst ist.

Und um dieses Fühlen wieder möglich zu machen, müssen eben erst einmal die tausendfach in Schichten geklebten Plakathäute von den Oberflächen heruntergezogen sein, muss Luft ans Gehirn, muss vieles weg, was gewohnt ist, was programmiert macht im Sein und Handeln.

Fried dreht da an einem Ausspruch von Karl Marx, sagt selber: „Das Bewusstsein bestimmt das Sein – und jeder, der sich mit Kunst auseinander setzt hat aus meiner Sicht schon per se eine Art von Bewusstsein und dies wirkt immer auf einzelne und gesellschaftliche Strukturen.“
Womit Fried eben auch bei einer anderen Aufgabe von Kunst angekommen ist: der Wirkung.

Stellen Sie sich vor, liebe Zuhörermenschen hier im Raum – und liebe Leser des WALDENblogs, auf dem die Laudatio noch nachlesbar gemacht wird – da werkelt und zweifelt ein Mensch in seiner Kammer an Bildern, da hakt und schraubt er in tausenden Stunden Neues aus Altem, da bohrt er sich im Kopf und schichtet Farben, was, wie wir wissen auch nur Stoffe sind, die Licht reflektieren und dadurch in unseren Augen zu Formen werden, die unser Hirn verbinden mit kleinen elektrischen Blitzen, die zucken und springen.

Und dann? – Interessiert es niemanden. Kein Mensch versteht was der Künstler will, kein Mensch wird erreicht in der Formgebung und Sprache.

Jahrelanges Senden von Informationen, nur der Empfänger ist taub, weil er gerade mit der FußballWM oder mit DSDS oder mit dem neuesten Kind einer Royalsverbindung oder dem Zwang zu Warnwesten für Motorradfahrer beschäftigt ist. Millionen Gehirne überbeansprucht von Reizen und unfähig das Vogelgezwitscher zu hören und zu lieben, da gerade das dreihundertste Feuerwerk im Stadion abgefeuert wird.

Stellen Sie sich vor, was diese Menschen alles verpassen in ihrem Leben.
Sie verpassen nicht nur das wundervolle Gefühl barfuß durch Frühlingsgras zu schlendern, den Geschmack von Kartoffeln mit Butter und Salz oder die Berührung von Händen auf Haut, sie verpassen ganz besonders die Einfachheit und Achtsamkeit.

Frieds Bilder dagegen sind entworfen, um mit unangepassten Aussagen Denkanstöße zu geben. Er bemüht sich um Reduktion, wie er in einem kurzen Interview mit mir verriet, er fordert Aufmerksamkeit und Achtsamkeit ein durch die Symbolik Häuser, Zeichen und sparsam platzierte Akzente, wie Strichmännchen – und diese Häuser eben, Häuser und immer wieder Häuser – Begrenztheit, Grenzen – und in dieser Begrenztheit sich selber zu sehen, auf sich selber zurück geworfen zu werden, ganz ohne religiöse oder spirituelle Tendenzen, die Fried in ihrer Gesamtheit aus der Kunst heraushalten möchte – sondern in ihren Chiffren und ihrer Natürlichkeit.
„Wir sollten unsere Begrenzungen“ – so sagt er – „als eigene Lebenserfahrungen erleben und in der Mitte dieser Erfahrungen müssen wir zurecht kommen. Die Kunst ist da nur ein Ventil unter vielen, ein Ausgangspunkt – das will ich deutlich machen – und ich hoffe, die Leute von ZAROF und darüberhinaus können damit etwas anfangen. Ich habe diesbezüglich gar keinen Anspruch. Jeder findet seine eigene Wahrheit.“

Mehr ist eigentlich gar nicht zu sagen.

Außer vielleicht ein Ausblick, eine Hellsicht, ein Blick ins Morgen.
Da möchte der Künstler Fried, der wenig bis nichts von sich selber verrät, der nur in seinen Bildern Fragen stellt, sich weiter mitteilen, nur anders aufmerksam machen und werden:

„Zukünftig will ich mich“ – und dabei braucht es auch Konzentration vom Empfänger der Sendung – „noch mehr mit dem Werkstoff Pappe auseinander setzen. Pappe ist ja eigentlich Verpackung, wird aufgerissen, weggeworfen, Ihr wisst schon, Wertlosigkeit, Pappe, Abfallprodukte als Synonyme für unser Dasein. Vielleicht ist dieser Gedankengang ja zu gewagt, ich weiß nicht recht – oder doch – wir werden sehen.“

Und Fühlen, liebe Zuhörer, wenns gut wird, und darüber reden, und zulassen, aufmerksam zu werden in der Reduktion auf das Wesentliche.

J. Fried schaut von der ZAROFterrasse in grauen Beton

J. Fried schaut von der ZAROFterrasse in grauen Beton

Stoßen Sie mit uns an. Lassen sie sich auf das Angebot Frieds ein.
Und achten Sie bitte etwas mehr auf sich selber und die Menschen in Ihrer Nähe.

 

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