Tanner traf Elia van Scirouvsky: Die Muse muss mich mal kräftig in den Hintern treten

erschien schon im FRIZZ Juni 14:

Seit Jahren wird die Stadt zu Pfingsten von Menschen schrägen Outfits heimgesucht. Wichtig ist dabei einen Spagat zwischen erotisch und überraschend zu halten, schließlich ist WGT auch städtischer Bummel der Anderslebenden.
Elia van Scirouvsky nutzt das dunkelflirrende Ambiente, um sich mit eigenen Texten dazwischen zu wagen, im kuscheligen Südvorstadt-Geheimtipp Shakunda. Und probt dafür schon mal das „Böse-in-die-Kamera-schauen“. Das dies sogleich einen hiesigen Paparazzi auf den Plan ruft war gewollt. In Leipzig braucht es um erkannt zu werden eben Engagement – und nicht unbedingt ein dickes Automobil. Volly Tanner traf Herrn van Scirouvsky beim Talentesuchen für die Moritzbastei-Literaturshow „Der durstige Pegasus“ und fragte ihn aus:

Mein lieber Herr van Scirouvsky. Juni ist in Leipzig WGT-Zeit, dunkle Gothickugeln verfinstern die Tage um Pfingsten. Und Sie mittenmang? Elia van Scirouvsky liest Finsterböses? Erzählen Sie doch mal bitte was Sie vorhaben!
Nun, nach einer längeren Wave-Gotic-Treffen-Abstinenz habe ich mal wieder das Bedürfnis verspürt, zu diesem Event zu lesen – so kann man mich am Pfingstfreitag um 20:30 Uhr im Shakunda auf der Karl-Liebknecht-Straße 102 erleben. Was ich lese, weiß ich selbst noch nicht, das stellt sich immer kurz vorher heraus, also kann es sein, dass ich den Weltschmerz auslebe, in Texten voller Liebe und Erotik schwelge oder einfach düster-romantisch daherkomme, wie man es von mir am ehesten gewohnt ist. Selbst meine Liebesgedichte haben immer etwas düsteres, zumindest melancholisches an sich, weshalb ich mit meinen Texten auf einem WGT immer gut aufgehoben bin.
Vielleicht ist es auch der Drang, meinen Wurzeln wieder etwas näher zu kommen – ich habe in der Schwarzen Szene einen sehr prägenden Teil meines Lebens erfahren, was aber mitunter so intensiv war, dass ich gleichwohl einen großen Abstand gebraucht habe, um ein Gegengewicht herzustellen.
Das Shakunda ist ein kleiner gemütlicher Laden, fast schon Wohnzimmeratmosphäre, da bin ich nahe an den Zuhörern, derartige Lesungen mag ich, mir ist die Interaktion wichtig, weshalb ich auch mal spontan Texte austausche. WGT und dieser Leseort sind mal wieder eine Mischung, auf die ich mich freue.

Elia mit der Hel aufn Kopf & den Jörg im Rücken.

Elia mit der Hel aufn Kopf & den Jörg im Rücken.

Neben Ihrer eigenen Schriftstellerei sind Sie ja auch Moderator des „durstigen Pegasus“ in der Moritzbastei. Eine feine Geschichte. Was macht Ihnen am moderieren denn am meisten Lust?
Es ist das Moderieren als solches, also das Vermitteln zwischen den lesenden Autoren und dem Publikum. Wenn ich nach einer Veranstaltung feststellen kann, dass der Spannungsbogen funktioniert hat, dass das Publikum sich auf alle Texte eingelassen hat, dann bin ich zufrieden. Und natürlich sind die Autoren mit ihren Texte für mich selbst immer wieder spannend – nicht jeder geschriebene Text funktioniert auf einer Bühne und oftmals entfalten sich Texte erst im vorgelesenen Zustand.
Am 16. Juni ist übrigens der nächste Pegasus mit mir als Moderator. Augustine Gallina stellt Kurzgeschichten vor, Traude Engelmann ihren Roman »Das ukrainische Amulett«, und Lyrik aus »Wirbelndes Sprechwerk – Wörtersonnen« von Brigitte Bee wird vom Leipziger Verleger Georg Dehn vorgetragen.

Im VS – und das ist nicht der Verfassungsschutz, sondern der Verband der Schriftsteller – gibt es Sie ja auch noch dazu ehrenamtlich. Was ist das denn heutzutage für eine Truppe? Zu DDR-Zeiten war das ja das große Schreiberauffanglager – aber heute gibt’s derer doch viele …
Der Verband deutscher Schriftsteller hat in Sachsen rund 130 Mitglieder – alles Autoren und Übersetzer, die nicht in Eigen- oder Bezahlverlagen veröffentlicht haben. Im VS geht es darum diese Autoren und Übersetzer nach außen hin zu vertreten und intern zu beraten. Also wird versucht, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen und neben Beratung und Informationsaustausch kann der VS auch einen Rechtsschutz bieten. Natürlich gibt es Schriftstellervereinigungen mittlerweile mehr als genug, doch nur wenige können leisten, was der VS gerade durch sein Eingebundensein in der Gewerkschaft ver.di leisten kann.

Haben Sie überhaupt noch Zeit selber zu schreiben? Bei Plöttner machen Sie ja auch noch die PR und das Lektorat und journalistisch gibt’s Sie auch. Aber neue Bücher? Was in der Pipeline?
Ja, das ist das Problem, ich selbst komme kaum noch zum Schreiben – aber ich muss zum Glück nicht schreiben. Ich kann schreiben, wenn es mir ein Bedürfnis ist und ich kann lesen, wenn es mir ein Bedürfnis ist, und wenn ich mal ein, zwei Jahre selbst kaum schreibe oder nur sehr wenige Lesungen mache, dann ist das eben so. Mein 6. Gedichtband liegt auf Halde, es muss eigentlich nur noch bearbeitet und sortiert werden, da fehlt mir gerade die Muße. Einige Ideen für Prosaprojekte habe ich auch in der Schublade, dazu hat mich schon die Muse geküsst, die mich wohl nun noch mächtig in den Hintern treten muss, damit ich mich mal hinsetze und das Ganze auch zu Papier bringe.

Danke, bester Elia van Scirouvsky. Wir sehen uns im Dunkeln.

http://www.elia-van.de

Text & Bild: Volly Tanner

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Eine Antwort zu Tanner traf Elia van Scirouvsky: Die Muse muss mich mal kräftig in den Hintern treten

  1. David Gray schreibt:

    Herr van Scirouvsky lässt sich ja auch bei seiner Lektoratsarbeit hin und wieder von der Muse küssen, wenn er dem geplagten Autor mit Hilfe von Textkommentaren und Anrufen auf die Sprünge hilft. Daher sag ich als einer von Elia betreuten Autoren doch, was dem einen seine Uhl ist dem anderen die Nachtigall 😉

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