Tanners Februarkolumne: Notes from a dirty black Män (nur im Netz)

Gangbang, heute mal ohne mich

Salve, Ihr wundervoll unzerkratzten, faltenfreien, jungen Menschen. Ihr Konsumenten und Studenten, Ihr feiernden, Euch hin und wieder bereiernden Jungvolkangehörigen. Ihr werberelevanten, inneren Emigranten, Ihr frischfrisierten, schlanken, ranken, sportlichen Weltreisenden. Ihr Vereisten.

Ich muss Euch sagen – und mir ist völlig klar, dass Ihr dies recht selten hört zwischen all dem Informationsfeuerwerk – Ihr habt mein allumfassendes Beileid.

Häääää? Wieso Beileid? Wir sind jung und schön und haben alle Chancen der Welt!“ höre ich da einige ganz besonders Vorwitzige rufen.

Ich will´s Euch gern erklären. Ich will Euch gern erläutern, warum ein solch zerknautschter, alter Sack wie ich völlig entspannt auf Euch schaut und mitleidig vor sich hin schmunzelt, während Ihr tanzt und fliegt und Euch wie Flipperkugeln zwischen den Wänden und gegen die Wände ballern lasst.

Anderthalb-Augen-Volly macht den lockigen Jungspund zur Minna!

Anderthalb-Augen-Volly macht den lockigen Jungspund zur Minna!

Ich bin alt. Furchtbar alt in Euren Augen. Ich bin über das Haltbarkeitsdatum von Frischkäse hinaus. Ich habe ein Matschauge, Haare auf den Schultern und einen Bierbauch. Ich habe kein Auto, kein Handy und keinen Fernseher. Ich bin so etwas von raus.

Und Ihr seid so etwas von drinnen – im Hamsterrad und dreht Euch geschwind, geschwind, wie der Wind, wie der Sturm, husch, husch.

Ich erlaube mir einen Musikgeschmack, den keiner meiner Freunde teilt. Stellt Euch das mal vor. Bei Euch!

Ich habe kein Tattoo, kein Piercing und keine Frisur.

Ihr Armen aber seid eingepfercht in knallbunte, kleine Kästchen, mit immer dem selben Schild vorn drauf: ANDERS ALS DIE DA DRAUSSEN!

Selbst, wenn Ihr Euch mit dem klassischen Pianospiel befasst müsst Ihr wunderschön sein – wie die 27jährige Olga Scheps, ein erigierter Musikkritikertraum. Falls mich Piano interessieren würde, könnte ich einfach drauf herum klimpern.

Junge Fußballer müssen sexy sein. Ich darf untalentiert die Molle kicken.

Junge Rennrodlerinnen – zum Beispiel Aileen Frisch – müssen sich in hautenge Latexkondome zwängen, die die Brüste betonen. Ich darf den Berg einfach herunterschlittern – und unten lachend vom Schlitten kullern.

Jedes mal, wenn einer von Euch von einer Kamera geblitzt wird, verfallt Ihr in Panik ob das Haar gut sitzt, der Damenbart rasiert ist und Ihr möglichst vorteilhaft im Facebook herüberkommt. Wichtig, schließlich werdet Ihr nachgegoogelt, bevor Ihr zum Vorstellungsgespräch geladen werdet. Von mir gibt es Bilder, da bin ich so rattenplatt, dass Bukowski mich lieben würde.

Ich darf jedoch mit Schon-Vollbrachtem punkten, wo es bei Euch noch die gut geschminkte Hülle ist. Ihr armen Hascherls.

Und dann das ganze Trendgehopse. Diese ewige Angst nicht hip zu sein. Selbst als Outsider Uniform tragend in den Hipsterkneipen, farbunlustig eingezwängt in Röhrenjeans und Fusselbart.

Mein Gott, habt Ihr es schwer.

Ihr müsst jeden Morgen mehr Entscheidungen fällen als ich in meiner Jugend in einer ganzen Woche.

Da stellen sich solch bedenkenswerte Fragen wie: Stehe ich jetzt auf und gehe zur Schule – oder nicht? Damals gab es die Frage gar nicht. Man ging einfach zur Schule.

Auch: Dübelchen oder Crystallchen zum Morgenkaffee? – Eine Frage, die einen sich in Selbstverzweiflung windenden Jungmenschen ganz schön aus der Bahn werfen kann. Damals gabs Bier!

250 Sorten Joghurt bei Kaufland! Eieieiei! Was tun? Was nehmen? Und warum eigentlich? Bin ich trendy genug für den nächsten Zug? Und wer weiß, was da alles drin ist?

In meiner Jugend gab es eine Sorte Joghurt. Und die war rosa und bissfest. Und schmeckte grässlich!

Auch: Wohin mit der ganzen Lebenszeit? Neuseeland oder doch Gomera oder Ibiza, weil alle da hin fahren?

Ich fahre einfach zum Farbenkinderhof oder ins klitzekleine Priesitz. Kennt kein Mensch. Muss auch nicht.

Wie verdammt elitär, mich einen Scheißdreck um die Ansichten der Peergroup kümmern zu müssen. Freunde zu haben, weil ich sie mag und sie mich und nicht, weil sie in der Gruppe gut angesehen sind.

Und ich muss auch nicht bei irgendeinem Gangbang mitmachen. Nur weil´s irgendwie gerade jeder macht.

Käm´ ich mir auch eigenartig vor. So zwischen all denen, die ich überhaupt nicht kenne. Und eigentlich auch nicht mag.

Ich mag dieses Älterwerden! Das chillt echt!

Volly Tanner

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