Tanner traf Peter Schneider: Verlieben sich Menschen noch im Theater?

erschien schon im BLITZ! Leipzig:

 

September ist Wahlzeit. Gern wird nach der Wahl dann wieder kolportiert, dass viele Menschen keine Lust auf Politik haben, nur weil sie sich im Angebot der Parteien nicht wieder finden. BLITZ!-Redakteur Volly Tanner traf den Schauspieler, Komponist und Musiker Peter Schneider, dessen letzte Rolle die Hauptrolle im 2013 mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichneten Film „Gruppenfoto“ von Mareille Klein war. Der hat sich nämlich, wie eben doch die meisten Menschen, Gedanken gemacht – zu seiner Position in unseren Zeiten:

 

 

 

BLITZ!: In Wahlzeiten wird viel zu selten gefragt. Schauspieler. Menschen. Jugendliche. Deshalb frage ich Dich. Was sind Deine Ansichten zu Partizipation & Mitbestimmung/ Mitgestaltung – im politischen – aber auch im kleingesellschaftlichen, städtischen Bereich?

 

Peter Schneider: Das ist natürlich ein großes und weites Feld. Ich sag manchmal ganz lax aber durchaus ernst gemeint, dass ich aus politischen Gründen Schauspieler bzw. Musiker geworden bin. Dahinter verbirgt sich zum einen natürlich ein großer Wunsch und Traum, Inhalte, im weitesten Sinne politische bzw. gesellschaftlich relevante Inhalte, vermitteln und aufzeigen zu wollen. Auf der anderen Seite ist die Entscheidung in jungen Jahren aus einer gewissen Machtlosigkeit meiner selbst gegenüber heraus entstanden.

 

 

BLITZ!: Kannst Du das präzisieren?

 

P.S.: Ich stellte mir damals ernsthaft diese zermürbenden Fragen, wie kann man in dieser Welt mit moralisch reiner Weste, ohne Gewalt und ohne sich einem System unterwerfen zu müssen, mit seiner Arbeit, mit seinem Tun etwas bewirken, vielleicht etwas verändern und für sich selbst konsequent bleiben? Wie kann man sich einbringen in diese Gesellschaft, ohne am, so nenne ich es mal, „großen Leid dieser Welt“ zu zerbrechen? Wie kann man wach bleiben für diese Welt, oder wie Brasch (Thomas Brasch – Autor, Lyriker, Regisseur – Anm. der Red.) mal sagte: versuchen, sich „ständig an den Rand zu treiben“, wie schafft man es, „die Wunden nicht zu wachsen (zu) lassen, nicht zu vergessen“? Wie verhindert man diesen abgeschotteten und blind machenden Rückzug in die kleinste funktionierende gesellschaftliche Zelle „Familie“ und hat trotzdem ebendiese, verwirklicht sich diesen Traum von einer Familie. Bei allen Abwägungen bin ich dann irgendwann bei meinem Berufswunsch gelandet. Mir ist natürlich klar, dass ein „Arzt ohne Grenzen“ rational gesehen an einem Tag mehr bewirkt, als ich es je schaffen kann.

 

Peter schneider lässt sichs auf der Karl Liebknecht Straße gut gehen.

Peter schneider lässt sichs auf der Karl Liebknecht Straße gut gehen.

 

BLITZ!: Warum aber dann nicht „Arzt ohne Grenzen“?

 

P.S.: Diese Entscheidung war damals für mich der einzige Weg, politisch zu bleiben, offen zu bleiben, Visionen und Utopien zu behalten, so anstrengend dies manchmal auch sein mag. Und mir sind bis heute Menschen in meinem (auch beruflichem) Umfeld ein Graus, die ohne Visionen und gesellschaftliche bzw. zwischenmenschliche Relevanz, ohne Verantwortung ein Nichts oder noch schlimmer: die großen Visionäre ihrer und anderer Zeiten auf die Bühne und ins Kino bringen.

 

 

BLITZ!: Hat denn Theater überhaupt noch eine Relevanz? Politischen Diskurs anzuregen scheint mir ein schweres Brot.

 

P.S.: Gerade in heutigen Zeiten denke ich sehr viel darüber nach, welche Relevanz Theater bzw. mein Beruf neben den oft schon damit verbundenen prekären Verhältnissen eigentlich noch hat. Kann man heute noch fast revolutionäre Tumulte erzeugen, wie damals zur Uraufführung der Räuber in Mannheim oder bei Mozart … verlieben sich Menschen noch im Theater bei einem Sommernachtstraum und zeugen vielleicht einen Einstein, der endlich die Kernfusion hinbekommt und damit unsere Energieprobleme löst … wach bleiben und weiter suchen … beobachten, reflektieren … und vor allem: nicht zu wissen, wie es geht …

 

Wie schrieb Rio Reiser mal so schön: „Wenn wir suchen, finden wir das neue Land. Uns trennt nichts vom Paradies, außer unsere Angst“

 

 

 

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