Tanners Interview mit Irina Kramp von „UV – die Lesung unabhängiger Verlage“: Lies lieber unabhängig!

erschien schon in der Leipziger Internetzeitung:

 

Die öffentlichen Kassen sind nicht leerer. Der Inhalt kommt nur in neoliberalen Zeiten nicht mehr den Menschen zugute, sondern wird Bonus-Bankern hinterher geschmissen. Da heißt es andere Wege zu beschreiten, um weiterhin hochwertig Kultur zu erhalten. Crowdfunding zum Beispiel. Irina Kramp sammelt über diese Variante gerade Geld ein für „UV – die Lesung unabhängiger Verlage“. Eine Sahnestück Literatur, ein wichtiges unterstützenswertes Projekt. Volly Tanner traf sie kurz zum Austausch:

Du sammelst mit Deinen Leuten derzeit Geld über Crowdfunding für eine Veranstaltung am 15.03.2013 im Lindenfels Westflügel. Warum dieser Weg? Um wieviel Geld geht es – und was bekommt die Crowd zurück von Euch?

Ja, noch 16 Tage (bis zum 06.03.2013 – die Red.) gehe ich bei VisionBakery auf Unterstützerfang für „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“, die 2013 bereits zum vierten Mal am Buchmessefreitag im zaubertollen Westflügel stattfindet. Die letzten drei Jahre hatten wir das Glück, von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert zu werden. Von diesem Geld haben wir die Honorare aller Mitwirkenden, also aller 18 Lesenden und der drei Moderatoren, bezahlt. Für 2013 hat mich im Dezember leider ein Ablehnungsbescheid von der Kulturstiftung erreicht. Glücklicherweise springt die Leipziger Buchmesse – die ja ein großes Herz für die unabhängigen Verlage hat – einmalig mit einem Teilbetrag ein. Darüber hinaus habe ich versucht, Sponsoren aufzutun, aber in der Kürze der Zeit war das leider nicht mehr möglich. Und da ich das „Prinzip“ Crowdfunding und diverse Plattformen seit einiger Zeit neugierig beobachte und auch selbst schon als Unterstützerin Projekten zur erfolgreichen Finanzierung verholfen habe, dachte ich: Das probiere ich für die UV aus! Mit VisionBakery gibt es ja eine Crowdfundingplattform in Leipzig – das passt für ein „Leipziger Kind“ wie die UV ganz hervorragend.
Wir brauchen noch 1.678,50 Euro – das ist ein Drittel der Honorarkosten für alle Mitwirkenden.
Zurück bekommen die Unterstützer zuallererst eine tolle Veranstaltung am 15.03. im Westflügel – neben Freibieren, UV-Tassen für den heimischen Frühstückstisch, einem extra für die UV gestalteten Plakat von Robert Voss (der u.a. die tollen Veranstaltungsplakate für den Westflügel kreiert) und signierte Bücher von AutorInnen, die bei der diesjährigen UV lesen.

Irina geht andere Wegen.

Irina geht andere Wegen.

Die Lesung der unabhängigen Verlage ist das Stichwort – was sind denn das für Verlage – und wann verlässt ein Verlag in Deinen Augen das Terrain UNABHÄNGIG? Der Begriff ist ja doch äußerst schwammig, denke ich mal.

Unter unabhängigen Verlagen verstehe ich konzernunabhängige Verlage, die von einem Verleger, einer Verlegerin oder einem Verlegerteam geführt werden. Für mich spielt noch die Größe der Verlage und ein wenig ihr Alter eine Rolle. Die UV versteht sich hauptsächlich als Plattform für junge, unabhängige Verlage. Als allgemeine Orientierung, was ein unabhängiger Verlag ist, kann man sich die Voraussetzungen angucken, die ein Verlag erfüllen muss, will er in die Kurt-Wolff-Stiftung aufgenommen werden: www.kurt-wolff-stiftung.de– die finde ich sinnvoll und richtig.
In einem Artikel über Kurt Wolff, dessen gleichnamiger Verlag ja in diesen Tagen vor 100 Jahren gegründet worden ist, las ich, dass er zur damaligen Zeit als Verleger neuen Typs galt – übertragen auf die heutige Zeit würde ich dann außerdem sagen: VerlegerInnen unabhängiger Verlage sind die VerlegerInnen alten Typs. Während sich viele Konzernverlage in ihren Programmen immer stärker der Unterhaltungsliteratur zuwenden, ist das bei den unabhängigen Verlagen nicht der Fall. Mit einem hohen Maß an persönlichem Risiko sorgen sie dafür, dass anspruchsvolle Themen und literarische Formen weit ab vom Mainstream Verbreitung finden. Deshalb ist „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“ auch eine Verneigung vor den Leistungen der unabhängigen Verleger, ihrem Enthusiasmus, ihrer Entdeckerfreude, ihrer (be-) ständigen Arbeit und ihrem (finanziellen) Wagemut.
Auch in unserer, noch recht jungen UV-Geschichte gibt es Verlage im Portfolio, die entweder nicht mehr existieren bzw. nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form oder ein Imprint eines Konzernverlages geworden sind. Beispiele wären blumenbar und der Plöttner Verlag. Aber dafür sind bisher jedes Jahr neue unabhängige Verlage dazu gekommen.

Zwischen 2005 und 2012 hast Du hauptberuflich für die Leipziger Buchmesse gearbeitet. Jetzt bist Du andersweitig bei „Die Tagungslounge“ unter Vertrag, jedoch weiterhin am Literaturveranstalten. Sehe ich das richtig?

Sechs Jahre lang habe ich im Büro „Leipzig liest“ mitgearbeitet und neben den Stadt- und Abendveranstaltungen die „Leseinsel Junge Verlage“ auf dem Messegelände in Halle 5 koordiniert. Ich fand von Anfang an gut, dass die Leseinsel-Verlage jedes Jahr auf’s Neue versucht haben, Gemeinschaftsaktionen auf die Beine zu stellen – z.B. von Verlegern geführte Rundgänge mit kurzer Verlagsvorstellung rund um die Leseinsel oder ein Insel-Quiz, zu dem jeder Verlag eine Frage zum Verlag, seinem Programm oder einem bestimmten Buch beigesteuert hat. Nur für den Abend in der Stadt hat so etwas gefehlt – eine Fokussierung sozusagen, die zeigt, dass es Gemeinsamkeiten bei aller Verschiedenheit gibt. Bei den ganzen Veranstaltungen während der Buchmesse – dieses Jahr sind es insgesamt 2.800 – ist es für junge, unbekannte AutorInnen, DebütantInnen oder Literatur aus anderen Ländern, auch wenn sie deutschsprachig ist, schwer, angemessen wahrgenommen zu werden. Für mich ist „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“ die logische Weiterentwicklung der Leseinsel Junge Verlage. Sie trägt den Gedanken des „Lies lieber unabhängig“ vom Messegelände in die Stadt und vom Tag in den Abend.

Wofür soll das aquirierte Geld eigentlich ausgegeben werden? Ein fettes Catering? Tattoowiertes Backstage-Personal? Whisky statt Goldkrone?

(lacht) Ja, purer Luxus wäre herrlich!
Aber Spaß beiseite: Das Visionbakery-Geld ist zusammen mit dem Zuschuss der Leipziger Buchmesse dafür gedacht, dass wir den AutorInnen, ModeratorInnen und den HelferInnen des UV-Abends auch weiterhin ein (wenn auch nur kleines) Honorar zahlen können – auch nach dem Wegfall der Förderung durch die Kulturstiftung Sachsen. Das ist mir in Zeiten der Generation Praktikum, der prekären Lebensweisen allerorten und Unterfinanzierung von Kunst und Kultur ein wirklich wichtiges Anliegen – da verstehe ich keinen Spaß und lasse nicht mit mir handeln, wie meine Kompagnons bestätigen können.
Das „fette Catering“ ist übrigens ein Sponsoring und zwar meiner Eltern, die jedes Jahr am Buchmessefreitag in ihrer Küche 50 Brötchen schmieren und mit viel Liebe belegen. Und wer braucht schon Goldkrone oder gar Whisky, wenn er das Leipziger Industriebier als Partner hat, das uns die Kehlen der AutorInnen und ModeratorInnen geschmeidig hält?!

Was geschieht aber wenn Ihr das Geld nicht zusammenbekommt? Wird dann das Programm zusammengestrichen?

Auch wenn das Geld nicht zusammenkommt, findet „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“ wie angekündigt statt. Dann heißt es eben: Abstriche machen – an jeder UV-Ecke ein bisschen! Und das würde mir wirklich weh tun, auch wenn ich weiß und mich im Vorfeld versichert habe, dass alle Verlage mit Ihren AutorInnen auch weiterhin an Bord des UV-Dampfers wären – vielleicht deswegen sogar noch ein bisschen mehr. Für mich wäre das eine „Bestrafung“ derer, die Elend ja irgendwie sowieso gewöhnt sind. Wollen will ich das nicht!
Aber ich bin beim derzeitigen Stand der Dinge und der Zeit, die noch bleibt, mehr als zuversichtlich, dass wir das Geld zusammenbekommen. Bisher hat die UV 25 zum Teil äußerst großzügige UnterstützerInnen – ich mag einfach nicht glauben, dass wir so kurz vor dem Ziel scheitern. Und aufgegeben wird ja mal gleich gar nicht!

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Leuten von Visionbakery?

(lacht) Oh, die sind bestimmt genervt von mir! In der Starterphase hatte ich fast eine Standleitung zu verschiedensten Leuten des Teams, da ich erst technische Probleme hatte und dann mein technisches Unwissen zugeschlagen hat. Ich war – vor lauter Aufregung – nicht mal in der Lage, die richtige Reihenfolge der Abläufe vor und während eines Projektstarts einzuhalten. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil! (*grins*) Aber das VisionBakery-Team hat das alles mit Freundlichkeit, Ruhe, Tipps und technischem Support auf allen Kanälen ausgeglichen. Herrlich – eine zu empfehlende Zusammenarbeit!

Wirst Du zur Messe auch noch andere Veranstaltungen besuchen? Und wenn ja, welche?

Oh, die Qual der Wahl! Fest vorgenommen habe ich mir dieses Jahr einen Besuch in der Lyrikbuchhandlung (www.lyrikbuchhandlung.de) im Delikatessenhaus auf der Karl-Heine-Straße. Eigentlich ist nach der UV die Party der Jungen Verlage Pflicht, zumal sie dieses Jahr mit dem Alten Landratsamt am Goerdelerring einen neuen Ort bevölkert. Und Sonntag wird mein Messegeländetag – da schaue ich mich vor den Toren der Stadt in den Messehallen, vor allem in Halle 5 und rund um die Leseinsel Junge Verlage, um.

Danke – und Toitoitoi!

Ich danke Dir!

Unterstützerfang für UV Die Lesung unabhängiger Verlage:

http://www.visionbakery.com/vision/703

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