Vom Erhalt der Werte und der Geburt privater Galaxien. Eine Laudatio zur Ausstellung von Werken Siegfried Stubenrauchs (Vernissage am 11.07.2013 ZAROF-Räume zu Leipzig)

 

Der großartige kleine Mann Pablo Picasso war immer für gute Zitate zu haben – und brachte diese, seine Gedankenblitzereien, auch haltbar unters Volk. Zum Beispiel stammt von ihm folgender, auf den heutigen Abend so wunderbar trefflicher Bonmont: „Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln können.“ Schließt der Zuhörerende nun die Begriffe Mensch, Kurator, Künstler und Denkender in das Überwort Maler mit ein, leuchtet Picassos Passage ganz stark in Siegfried Stubenrauchs Sein hinüber.

Denn unbenommen ist er dies alles – Mensch, Kurator, Künstler und Denkender, manchmal gar Liebender, manchmal auch Wütender – aber eben auch Maler, weshalb wir ihn heute unter uns haben. Doch ist eben Maler zu wenig, um das Phänomen Stubenrauch zu verstehen. Sein zweietagiges Atelier voller Kunst, seine Finger mittendrin im Kulturleben, sein Engagement und sein Charisma in Jahrzehnten in Form gebrochen, mit Format und Größe und durchs Leben geklärt und formuliert.

Und licht im pulsierenden Aderngeflecht der Großstadt lebt er und steht zur Verfügung, in seinen Räumen seit 2005 mindestens sechs mal im Jahr, ganz offen und ausstrahlend, mit jugendlich-lebhaften Augen und Hirn.

Siegried Siggi Stubenrauch hält Kopf!

Siegried Siggi Stubenrauch hält Kopf!

Stubenrauch selber nimmt aus seiner Arbeit allen Pathos heraus und meint: „Ich bin ein „Worker“ und die ständige Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künstlern ist spannend und fordert mich immer neu heraus. Manchmal ist es ein Bild, eine Skulptur, ein Foto, ein Gesicht oder ein Buch, die mich so berühren, dass ich einen Gedanken, eine Idee weiterspinne – und am Ende entsteht vielleicht ein neues Bild oder eine Papierplastik.“

Hier und heute haben Sie nun, werte Zuhörerschaft, die Möglichkeit in Stubenrauchs Schaffen hineinzublicken. Neue Arbeiten, Collagen, Mischtechniken, Aquarelle und die allerorten mit seinem Namen aufs Engste verwachsenen Papierplastiken haben hier bei ZAROF für kurze Zeit Heimat und sind natürlich auch erstehbar. Der Künstler versucht sich zwar aus den betriebs-kapitalistischen Zwängen herauszuhalten, muss aber auch seinen Kühlschrank füllen – und die Reisen auf die Inseln, die er zum Entfliehen hin und wieder braucht, gibt’s eben in unserer Welt auch nicht für ein Lächeln und einen geistreichen Satz, sondern für Zahlenwerte auf Knitterpapier und vielangefasste Bakterienherde.

Seine Bilder brauchen ein Verweilen, ein Anhalten und Sich Aufhalten in Stubenrauchs Leben. Der Schnelligkeit der Großstadt hält er eine Technik der Überzeichnung und Verfremdung entgegen, einer Nicht-Klärung, ein Verwischen der Konturen und ein Aufheben vorgegebener Strukturen und Grenzen. Da wird solange überarbeitet, bis die Urform – das Gesicht zumeist – nur noch in einer Ahnung überlebt, den feinen Sinnen erschließbar wird und Nachhaken und Überdenken zur Pflichtübung macht. Große Kunst, weiß der Weise. Ein hehres Tun und Lassen, auch manchmal Weglassen von Pflichten und Lehrmeinungen spürt der Aufmerksame.

Weit über 40 Jahre lebt und agiert er mittlerweile mit der Kunst in vielen Formen und Ausprägungen und hat dabei eine Sprache gefunden, die ihn unverwechselbar macht und neben den Leipziger-Schul-Bilder-Goldrausch der letzten Jahre stellt. Denn gerade dieses Danebenstehen ermöglicht ja auch erst die Produktion von Werten. Wer hetzt und hastet um den nächsten Vertrag oder den nächsten Scheck zu ergattern, dem fehlt zumeist die Muße in sich zu krauchen, um das tief innliegend Menschliche zu finden, was auf Leinwand dann bleibend wird.

Suchen Sie, liebe Vernissagenbesucherfreunde, das Gespräch mit dem Künstler Siegfried, genannt Siggi, Stubenrauch. Lassen Sie sich von seinen Bildern und Plastiken in seine Welt entführen, üben Sie sich in Aufmerksamkeit. Erfreuen Sie sich an so viel Menschsein, wie es nur in wenigen Körpern möglich ist, an Geist und Assoziationsvermögen, an autonomer Selbstsicht und Individualität. Denn hier ist Stubenrauch ein Meister, ein jugendlich wirkender und federnd agierender Meister, ein Symbol des Eigenständigseins.

Abschließend nur zweidrei Sätze zum philosophischen Hintergrund seines Werkes. So wie Ray Voltez die Kopie zur Kunstform erhob und der Dalai Lama das eigene Entscheiden zwischen Hass und Liebe für alle Einzelwesen zur Pflicht machte, hat Stubenrauch diese so weit entfernten Ansätze verbunden. Er übermalt und verändert Kopien nach eigenem Gusto zu etwas Neuem, jedoch aus Bestehendem Entstehenden. Und macht damit eine Tür auf, die weit natürlicher und humaner ist – in ihrem Respekt gegenüber dem Daseienden – als ein Dauereventbombardement in verwertungslogischer, neoliberaler Konsequenz. Eine Tür, die Gefühle und Einsichten wahrnimmt und verarbeitet. Danke Siggi. Danke Ihnen hier im Raum für das Folgen auf dem umschlungenen Weg dieses kleinen Gedankens.

Und nun heben Sie die Gläser, flanieren Sie an den Werken Stubenrauchs entlang, wagen Sie die Kommunikation, reden Sie miteinander, streiten Sie und vertragen Sie sich. Ordnen Sie Gesehenes und Erlebtes liebevoll ein und seien sie Miteinander. In Kunst, die Anstoß liefert und in Herzlichkeit.

Applaus!

Ihr Volly Tanner (Vorstand im Sächsischen Literaturrat)

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2 Antworten zu Vom Erhalt der Werte und der Geburt privater Galaxien. Eine Laudatio zur Ausstellung von Werken Siegfried Stubenrauchs (Vernissage am 11.07.2013 ZAROF-Räume zu Leipzig)

  1. das.hennka schreibt:

    Gibt es einen Link, wo man einen Blick auf die Arbeiten von Stubenrauch werfen kann?
    schöne Grüße

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