Volly Tanner trifft Christiane Schulze und Steffen Balmer vom WESTBESUCH: Eine Wohltat für die stadtgetrübten Augen

erschien gerade im FRIZZ LEIPZIG Juni 13:

 

Endlich ist es wieder soweit – im Leipziger Westen kommt der allseits bekanntbeliebte WESTBESUCH auf die Karl Heine Straße und hat Neues im Gepäck. Ray Voltez traf Christiane Schulze und Steffen Balmer, die beiden Köpfe des veranstaltenden Vereins:

Am 22.06.2013 ist nun – nach halbjähriger Klausur – wieder Zeit für den WESTBESUCH. Die Spatzen pfiffens ja nun schon von den Dächern, dass Veränderungen aufs Gewohnheitsvolk zukommen. Sag doch einfach mal welche dies sind?

Steffen Balmer: Das diesjährige Kultur- und Straßenfest haben wir unter das Motto: „Schaufenster Leipziger Westen“ gestellt, wobei der Westbesuch wieder seiner ursprünglichen Intention und Idee einer ‚Plattform für alle‘ gerecht werden möchte. Die Betonung liegt hier auf dem Wort ALLE, und damit meinen wir insbesondere die Menschen, die im Leipziger Westen leben und wirken. In der Konsequenz heißt das, eine größere Beteiligung engagierter Vereine sowie eine größere Präsens von Kunst- und Kulturschaffenden, Musikern, Kooperativen und alternative Projektgruppen des Quartiers auf der Karl-Heine-Straße. Daneben wird es zwischen 11-18 Uhr natürlich weiterhin Trödel und Selbstgemachtes geben, auch wenn dies beim WESTBESUCH konzeptionell und räumlich in den Hintergrund getreten ist und seinen Platz in diesem Sommer zum Teil auf dem Westwerk-Gelände gefunden hat.

Christiane Schulze: Um die Liebhaber des Trödels nicht zu enttäuschen, können wir schon verraten, dass die WESTPAKETE so bunte Märkte abgeben werden, wie der WESTBESUCH ein buntes Fest ist. Die Straße als Verbindung von Plagwitz und Lindenau steht weiterhin im Vordergrund. So haben wir uns in diesem Jahr auch entschieden, die Vereine, Initiative oder Institutionen mit in das Treiben auf der Karl-Heine-Straße zu integrieren. In den vergangenen Jahren war der Karl-Heine-Platz Ort ihrer Präsentation und Kommunikation, hat sie aber auch etwas ausgegrenzt. Nun kann ihnen mehr Präsenz und erhöhte Aufmerksamkeit zuteil werden. Es ist vielen Besuchern wichtig, die Vielfalt der Akteure im Leipziger Westen kennen zu lernen und mehr über die Aktivitäten in unserem Stadtteil zu erfahren.

Steffen Balmer beim Blick in die Lüfte & die faszinierende Christiane Schulze beim Schmunzeln ins Volk.

Steffen Balmer beim Blick in die Lüfte & die faszinierende Christiane Schulze beim Schmunzeln ins Volk.

Auch im OrgaTeam hat sich einiges verändert. Was denn genau?

Steffen Balmer: Im März dieses Jahres hatte der Verein seine obligatorische stattfindende Mitgliederversammlung, mit dem Ziel, einen neuen Vorstand zu wählen. Das hat nicht ganz so funktioniert, wie in den letzten Jahren. U.a. aus dem Grund, dass es zunehmend schwieriger wird, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden, die kontinuierlich an der Planung mitwirken können. Darüber hinaus haben diese auch eigene Projekte und Arbeit, in die viel Zeit investiert werden muss. Und es gab einigen Nachwuchs bei unseren weiblichen Teammitgliedern- selbstredend bleibt da wenig Zeit für anderes. Letztendlich aber haben wir, im Zuge neuer Zielformulierung und optimierter Umsetzungskonzepte, eine Lösung gefunden. Der Vorstand des Westbesuch e.V. wird nun durch Christiane Schulze und weiterhin durch mich gestellt. Die Aufgabenbereiche sind jetzt klarer umrissen sind und unter uns aufgeteilt. Christiane koordiniert in erster Linie die kulturellen, künstlerischen Aktivitäten und ich sehe meine Aufgaben eher im administrativen Bereich, also Anträge stellen, Öffentlichkeitsarbeit und die Finanzierung absichern. Den Rest an Aufgaben stemmen wir zusammen.

Christiane Schulze: Ich freue mich, mit einem so wichtigen Posten betraut zu werden und bin sehr zuversichtlich, dass wir mit Hilfe aller WESTBESUCH-Freunde unser Konzept immer weiter verbessern und unsere Aufgabenverteilung optimieren können. Natürlich ist es auf Dauer nicht möglich, ein stetig wachsendes Straßenfest wie dieses zu zweit zu organisieren. So prüfen wir derzeit alle Wege, Mitarbeiter zu gewinnen, die fester Bestandteil sein und für ihre Arbeit auch entlohnt werden können. Dabei ziehen wir momentan auch andere Formen der gemeinnützigen Organisation in Betracht. Wie sich diese Seite des Westbesuch e.V. dauerhaft entwickeln wird, können wir bislang aber noch nicht genau sagen.

Ihr habt mit Eurer Arbeit, Eurem langjährigen Engagement, den Stadtteil befruchtet und mitbeackert, auf dass er am Blühen ist. Da gibt es doch aber auch Kritik von Menschen, die Angst haben vor Veränderung. Wie geht Ihr damit um?

Steffen Balmer: Nach acht Jahren Arbeiten, Leben und Lieben in Plagwitz/Lindenau hat sich die Situation hier geändert und auch wir sind angehalten, einen kritischen Blick auf diese Entwicklung zu wagen. Die Belebung und Reaktivierung der leerstehenden oder brachliegenden Räume während der letzten 10 Jahre hat zu einer Aufwertung des Quartiers geführt, wodurch sich die beiden Stadtteile wieder im städtischen Verwertungszyklus positionieren konnten. In Folge dessen entstand nicht nur ein Standortvorteil für Unternehmen und kapitalstarke Investoren; aufgrund der steigenden Mietpreise besteht nun die Gefahr der sozialräumlichen Verdrängung einstiger Akteure und, unserer Meinung nach, wächst die Diskrepanz zwischen den zunehmenden Handlungsanforderungen und den sinkenden Handlungsmöglichkeiten und -spielräumen. Dem möchten wir mit einem Konzept eines Schaufensters ALLER Akteure im Leipziger Westen entgegen wirken. In den vergangenen Wochen haben wir über 40 Akteure, Musiker, Kreative und alternative Projektgruppen sowie über 30 insbesondere soziokulturelle Vereine und Initiativen eingeladen, sich auf dem Heine-Boulevard zu präsentieren, ihre Projekte und Arbeiten vorzustellen und die Besucher des Straßenfestes in ihre Aktionen mit einzubeziehen. In diesem Zusammenhang sind wir natürlich auf die Mit-Arbeit und Mit-Gestaltung eben dieser Akteure und Vereine angewiesen, denn nur im Zusammenspiel aller wird der Westbesuch 2013 ein Fest voller überraschender und erstaunlicher Entdeckungen werden.

Christiane Schulze: Wir haben schon in den ersten Tagen nach unserer Einladung viele Anmeldungen von Künstlern, Kreativen und Kulturschaffenden erhalten, die das Schaufenster schätzen und nutzen möchten. Ich persönlich wünsche mir von diesem Tag einen Streifzug durch die Möglichkeiten der Stadtentwicklung und -mitbestimmung, mit der sich viele ansässige Initiativen und Vereine beschäftigen. So hoffe ich, dass die Bewohner des Leipziger Westens an diesem Tag auch erfahren, welche kulturell inakzeptablen Entscheidungen dem Stadtteil drohen – zum Beispiel, den Felsenkeller zum Einkaufszentrum umzubauen. Ja, diese Veränderungen bedrücken uns natürlich und wir hoffen, darauf aufmerksam machen und die Meinung der Bürger öffentlich machen zu können. Es ist wichtig, sich in seinem Stadtteil zuhause zu fühlen und mitentscheiden zu dürfen.

Und Du selber, Steffen? Du bist ja auch Künstler und Medienarbeiter. Kommt jetzt wieder die Zeit der Kreativität für Dich, nach all dem Funktionär-Sein?

Steffen Balmer: Naja, als Funktionär, so habe ich mich nie empfunden, das assoziiert bei mir wirklich schreckliche Erinnerungen an furchteinflößenden Personen und klingt nach funktionieren und irgendwie auch nach instrumentalisieren, was beides nicht mein Ding ist. Was meine kreative Arbeit betrifft, so hoffe ich in Zukunft etwas mehr Zeit damit verbringen zu können, meiner Phantasie freien Raum zu lassen und mich im gestalterischen Sinne auf für mich noch unbekanntes Terrain begeben zu können. Darüber hinaus sind in diesem Jahr Ausstellungen in Berlin, Leipzig und Vilnius, Litauen, im Gespräch; alle samt thematische Ausstellungen, die im intermedialen Spektrum angesiedelt sind und fiktionale als auch dokumentarische Videoarbeiten, sowie interaktive Installationen beinhalten.

Christiane, seit wann bist du mit dabei, was hat dich motiviert, beim Westbesuch, nun auch als Vorstandsmitglied, mit-zu-gestalten und was machst du unabhängig vom Westbesuch?

Christiane Schulze: Ich habe mich dem Team vor zwei Jahren angeschlossen, eigentlich, jetzt kann ich es ja verraten, um die Organisation etwas zu optimieren – es war offensichtlich, dass die immer weiter wachsende Veranstaltung mehr Helfer braucht. Was ich nicht geahnt habe – dass es nur ehrenamtliche Helfer im Verein gab und ich es mir leider nicht leisten konnte, sehr viel Zeit für die Westbesuch-Organisation aufzubringen. So geht es ja vielen in den Kunst und Kulturbranchen. Ich habe Kulturmarketing studiert und kenne den Weg, den man nach seinem Abschluss vor sich hat, bis daraus eine konkrete Aufgabe wird. Ich hoffe, diese jetzt gefunden zu haben. In der Kultur – dem Westbesuch anzugehören. Und im Marketing – Finanzierungsmöglichkeiten für Künstler und Kulturschaffende zu finden, ohne dass diese jahrelang ehrenamtlich oder als Praktikant arbeiten müssen.

Was für Highlights habt Ihr zum WESTBESUCH in petto?

Steffen Balmer: Ich glaube über die aktuelle Planungssituation in Bezug auf die beteiligten Akteure und Aktionen kann Christiane mehr berichten. Ich persönlich freue mich auf die Live-Musik vor dem Underground und die geplanten Trottoir-Konzerte nach 18 Uhr.

Christiane Schulze: Alles wird natürlich nicht verraten (zumal die Anmeldefrist gerade erst zu Ende geht). Was ich immer sehr mag, sind die ansässigen Akteure, die an diesem Tag auf die Straße kommen: vor dem Delikatessenhaus gibt es Tumult, F-STOP laden zum Sit-In, der Westflügel kommt auf die Straße und Koalpha lassen Buchstaben tanzen. Daneben wird es eine Kletterwand, Akrobaten, Tanzgruppen und einen Löt-Workshop geben. Vielleicht können wir sogar Anna Linde noch einmal auf die Straße holen – ihre Zwischennutzung der KHS 55 war äußerst gefragt und die Pflanzenmenge eine Wohltat für die stadtgetrübten Augen.

Und was wünscht Ihr Euch von den Besuchern?

Steffen Balmer: Ich wünsche mir von den Besuchern, dass diese viel Spaß haben, sich auf die ein oder andere Art und Weise beteiligen und vielleicht sogar selbst aktiv werden. Darüber hinaus ist es uns wichtig, dass wir reichlich Rückmeldungen darüber bekommen, was besonders gefallen hat, aber auch was nicht so gut geklappt hat und was wir zum nächsten Kultur- und Stadtteilfest verbessern sollen. Und besonders freuen wir uns, wenn jeder etwas mit nach Hause nehmen kann – sei es die Erinnerung an ein gutes Gespräch, eine aufregende Begegnung oder den ein oder anderen Trödel. Wenn jeder den Klang des Leipziger Westens noch eine Zeitlang in sich spürt, sind auch wir glücklich.

Und Christiane? Was denkst du?

Christiane Schulze: Ich genieße den vielen Trubel und ehrliches Feedback, um den WESTBESUCH noch lange auf der Straße erhalten und damit erfreuen zu können.

Www.westbesuch.com

Text & Foto: Ray Voltez

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