Volly Tanner hakt ein – Das letzte Wort: Michael Hametner

erschien schon im FRIZZ Stadtmagazin:

MDR-Literaturredakteur, früher Schauspieler und Regisseur, jetzt Moderator

und „Graue Eminenz“ des hiesigen Literaturbetriebs:

Herr Hametner, vollenden Sie bitte diesen Satz: An Leipzig hat mich in letzter Zeit besonders aufgeregt,:

dass es im Rathaus erkennbar kein ausreichendes Engagement für die Freie

Szene gibt.

Was muss sich ändern?

Ich war selbst lange – zwanzig Jahre! – in der Freien Szene zuhause (Poetisches Theater/Studiobühne) und weiß, welchen schönen Doppeleffekt solche Kunstprojekte haben: für die Macher und fürs Publikum. Freie Kunstszene – das ist die Basis für vieles und das Sprungbrett für viele. – Also: wer das nicht sieht und fördert, ist halb-blind. Wer sie nicht fördert, macht die Freie Szene kaputt. Ich bleib mal beim Theater, wo ich mich noch am besten auskenne. Wenn sich freie Theater schon mit vermeintlich publikumssicheren Inszenierungen nach der Abendkasse strecken, bleiben sie in jedem Fall unter ihren Möglichkeiten. Davor kann sie nur eine Förderung bewahren, die Theater-Kunst möglich macht und nicht selbsterklärtes Boulevard-Theater. – Zum Beispiel: Ein Mann wie Krause-Zwieback darf nicht um Produktionskosten betteln müssen, wenn er nicht genügend Zuschauer hat, die ihn verstehen. Es gibt auch Kunst, die mehr will, als sie zu verstehen. Eine Avantgarde, die aus der Szene kommt, braucht Geld. Soll es denn schon bei der Szene Quotendruck geben?

Michael Hametner ins Helle gezerrt von Volly Tanner

Michael Hametner ins Helle gezerrt von Volly Tanner

Wie würden Sie Leipzig beschreiben, für den, der die Stadt nicht kennt?

Nicht an allen Ecken attraktiv, manchmal sogar zum Wegschauen – aber immer und überall spannend. Eine Stadt mit Kraft. – Apropos „Wegschauen“: Mein Fensterblick auf die Ruine am Connewitzer Kreuz/Scheffelstraße – war das mal eine Schuhfabrik? – kann man nur hindurchschauen. Aber wenn ich mit diesem Schandfleck im Rücken abends in die Innenstadt gehe, dann brauche ich multitaskische Fähigkeiten. Überall ist was los. Lesungen hier, Literaturshows dort.

Welcher Ort ist Ihnen der liebste in der Stadt?

Der Teil des Stadtwalds zwischen Wildpark und Rennbahn – herrlich: vom Bärlauchteppich im Frühling bis zum Blätterfall im Herbst. – Unter Leuten: das Centraltheater (so oder so) und unter Freunden: das Kowalski. – Mit dem Theater ist das so: Es ist und bleibt die einzige Live-Spiel-Kunst, was auch immer Central-Intendant Hartmann damit macht. Die Schauspieler schonen sich nicht – der Intendant schont sich auch nicht. Das Ergebnis sieht derzeit nur immer ein bisschen gleich ratlos aus.

Wenn Sie in die Zukunft schauen, welche Pläne und Visionen haben Sie?

Ich gründe eine zweite Tages-Zeitung für Leipzig – fehlt mir leider das Geld dazu. Eine Stadt wie Leipzig braucht (mindestens) zwei veröffentlichte Meinungen – wer sagt, es gibt keine Alternative, unterschätzt die Alternative. Es darf doch wohl nicht wahr sein, dass es in der DDR-Zeit auf den Kulturseiten (freilich nur dort!!) der vier Leipziger Zeitungen mehr Vielfalt gab, wenn Herr Hofmann dies schrieb, Herr Antosch klug und spitz das Gegenteil, Frau Peuker und Frau Stephan ihre Meinung kund taten und Herr Middell allem gelassen widersprach. – Und MEINE Pläne? Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach Leipzig holen: ob große Namen oder kleine Namen – in jedem Fall: streitbare Bücher, die mir die Welt entdecken, wie sie ist und wie sie sein sollte.

Worauf freuen Sie sich in der nächsten Zeit besonders?

Ich freue mich auf den Sommer in der Stadt: tags am See, abends im Freisitz, nachts am Schreibtisch.

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