Ein HOCH auf das Leipziger PerformanceKollektiv FORMLOS (Eine Lobhudelei!)

Mitte des Jahres 2010 hatte ich die Ehre in der Jury zu den Amateur Theater Tagen im Lofft zu sitzen & einen guten Überblick über das derzeitige Geschehen im Off&Amateurtheaterbereich geboten zu bekommen. Die junge, charmante Performancegruppe FORMLOS gewann absolut verdient das Festival. Somit blieben sie auch auf meinem medialen Schirm und ich durfte ihr Inneres, ihre Kämpfe und ihr Wachwerden miterleben. Gewachsen aus einem Freundinnenkreis geschah hier das Wundervolle: kreativ setzten sich die jungen Frauen mit ihrer Umwelt, ihrem Umfeld, den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Themen auseinander und hinterließen eigene Fußabdrücke.

 

Mit ihrem lehrbuchunabhängigen Ansatz transportieren sie Motivation. Sie schaffen es ihre Welten zu öffnen und „fremde“ Zuschauer mit einzubeziehen.

Im Jahr nach dem ATT-Gewinn verschweißte sich die Gruppe zu einem starken Ensemble, konsequent gehen sie ihren Weg – auch und bewusst gegen den Theater-Mainstream. Sie sind unbequem und frei in ihrer Mittelwahl und zwingen die ihnen gewogenen Zuschauer zum Denken. FORMLOS liefert eben nicht einfaches Unterhaltungstheater, pures Entertainment oder vorhersehbares Kabarett – nein, bei den Formlosen ist die Form ungestaltet, ungewohnt und eigen.

 

Laura & Frau Schmidt von den FormLOSen Kollektivistinnen

Laura & Frau Schmidt von den FormLOSen Kollektivistinnen

Besonders fasziniert mich als Kulturbeobachter und -macher der Zusammenhalt, die Fairness im Umgang miteinander und die warmherzige Zuneigung der unterschiedlichen – sich hier im Formlos-Schoß gefundenen – Mitstreiterinnen. Auch da sind sie seltene Ausnahme, zeigen sie doch auf, dass im Theater Erfolg nicht über Zickereien oder Rampenlichtgedränge funktionieren muss, sondern, dass Gemeinschaft, Freundlichkeit und der Spaß an der Arbeit – nicht der Zwang zum Erfolg – eine Gesellschaft (und dies ist die FormlosGruppe – eben im Kleinen) zu wundervollen Ergebnissen führen kann.

 

Formlos ist aber auch kein Nachspielkollektiv. Die Stoffe werden selber erarbeitet, die Texte entstehen im Team, alle Fähigkeiten und Stärken der einzelnen Protagonistinnen sind aus der Form geschlagen, definiert und werden ohne falschen Neid oder falsches Herausheben der Gruppe einverleibt.

 

Das ist gut so. Das ist selten. Damit macht man höchstwahrscheinlich nicht die ARENA voll – aber man öffnet Herzen und Hirne. FORMLOS ist ein Angebot ans Andersmachen. FORMLOS biedert sich nicht an. FORMLOS ist stark durch Gemeinschaft.

 

Ich muss zugeben, dass ich ihre Stücke nicht vollständig verstehe – aber sie bringen mich ganz persönlich dazu über die Lebenswelten einer mir recht fernen Generation nachzudenken und mit meinen Mir-Nahen darüber zu reden, mich auszutauschen, andere Sichten anzunehmen, tolerant zu werden, wo Pauschalisierungen und Vorurteile viel zu oft die Hirne verkleistern – eben auch ganz sicher meines!

 

Ich wünsche den FORMLOS-Frauen alle Unterstützung. Ich glaube an ihre Gruppe und an die einzelnen Teile des Ganzen. Und ich wünsche mir viel mehr kantige, widerspenstige Kultur, die sich nicht irgendwelchen Lehrmeinungen unterordnet, sondern die selber ausprobiert und gestaltet.

 

Mit besten Grüßen: Volly Tanner (Schriftsteller/ Journalist/ Musiker/ DJ & Schauspieler)

Leipzig, der 27.07.2011

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