Ferienlager. Lebenslänglich. – Volly Tanner traf Holger Osterloh.

erschien gerade im FRIZZ 02/13:

Holger Osterloh kommt endlich nach Leipzig. Der Party-San und Wissende in Sachen Malle-Schlager schlägt actionreich und wortgewandt in die Kerbe, die da Vorurteil heißt und langt so manchem Bildungsreisenden ans Zwerchfell. Schließlich muss die Wahrheit gesagt werden – im Horns Erben, am 20.02.2013. Shevek Walden (Volly Tanner) quetschte, über den Sangriabottich gebeugt, am braungebrandten Entertainer herum, es war grad Fluglotsenstreik und auf dem Flughafen Leipzig-Halle Zeit und Muße:

Hallo, Herr Osterloh. Faszinierend, Sie haben dem Ballermann den Rücken gekehrt und leben nun in Berlin, in Kreuzberg gar. Von den Gestaden der Irren des Südens in den Morast der Kloppies und Hipster. Sind Sie Masochist? Oder ein neues Günter Wallraff?
Der Wallraff-Vergleich gefällt mir. Der Urvater des Enthüllungsjournalismus geht ja auch dahin wo es richtig wehtut. A propos Schmerzen: Gerade weil ich kein Masochist bin, konnt ich gar nicht anders, als meine traumatischen Erfahrungen im Paralleluniversum Mallorca durch therapeutisches Schreiben selbst zu verarzten. Das Rezept dafür habe ich mir einfach selbst ausgestellt. Darauf steht: Tue Schlechtes und rede darüber. Im Kreativ-Biotop Kreuzberg lässt sich das übrigens hervorragend machen.

 

Holger Osterloh am Topf der Genüsse.

Holger Osterloh am Topf der Genüsse.


Was haben Sie denn da genau gemacht auf der Insel?
Ich habe jahrelang als Party-Animateur in einem der größten Pressluftschuppen am Ballermann gearbeitet: Schlagersänger anmoderieren, Saufspiele veranstalten, mit den Gästen „Das rote Pferd“ tanzen, ZickeZackeZickeZacke – HoiHoiHoi, Prost Ihr Säcke – Prost Du Sack, das volle Programm. Aber eben auch beobachten, staunen, mich immer wieder fragen: Was mache ich hier eigentlich?


Sie nennen sich berufsbezeichnend Bespaßungsaktivist und bieten am 20.02. eine Action-Lesung im Horns Erben an. Das klingt ja auch irgendwie völlig unentspannt. Ist Ihr „Die Wahrheit bleibt auf der Insel“ nicht auch ein Nachtreten auf die gestrandeten und verbrannten Sangria-Schluck-Spechte?
Das Nachtreten überlasse ich gern dem Unterschichtenfernsehen. Dort können wir uns daran laben, wie sich die brave Tante Hilde aus Bottrop samt Kegelclub fürchterlich auf den Schlamm hauend der Lächerlichkeit preisgibt. Viel mehr als ein Sammelsurium der Touri-Kuriositäten interessieren mich die Schicksale der Menschen, die die Party-Infrastruktur am Laufen halten. Da ist zum Beispiel der tschechische Kellner, der einst, vom puren Hedonismus getrieben, als holder Jüngling nach Malle kam. Jetzt ist er Mitte dreissig, schenkt immer noch allnächtlich billigen Fusel an volltrunkene Friseusen aus, verfeiert sein Salär anschließend immer noch bei der täglichen After-Hour-Party und stellt auf einmal fest, dass er ohne Freunde, ohne Familie, ohne Kohle dasteht. Für ihn und für so viele andere, die den Absprung nicht schaffen, heißt es: Ferienlager. Lebenslänglich.

Ich muss leider zugeben, dass ich höchstselbst schon die Insel beschwirrte, jedoch auf den Spuren des großen Chopin. Selbst dabei wurde ich von Taxifahrern beschissen. Wie waren denn Ihre Erfahrungen mit den Eingeborenen? Ich meine nicht die Ballermänner, eher die Olivenöl-auf-Brot-Träufler.
Herr Tanner, wenn ich Sie unverschämterweise korrigieren darf­: Beim Feiervolk handelt es sich mitnichten um Ballermänner. Der Fachmann spricht hier vom Stamm der Ballergermanen. Echte Spanier? Hab ich da höchstens im Supermarkt an der Kasse gesehen. Die meisten sind ja saisonal zugereiste Feierarbeiter: ungarische Gogo-Taenzerinnen, rumänische Sandburgenbauer, indische (!) Currywurst-Verkäufer. Die Eingeborenste, die mir einfällt, war Ursel, 63, aus Duisburg. Beruf Türsteherin, Stimme wie Joe Cocker, Haut wie ne Lederhandtasche. Seit der Landung des allerersten Ferienfliegers führt sie “ihren” Laden mit eiserner Hand. Ich hab sie mal gefragt, ob sie eigentlich einen Mann hat. Antwort: Nee, die hab ich alle abgeschossen.

Gibt es in ein paar Jahren dann eine Action-Lesung übers Hipstertum in Berlin?

Ach, wissen Sie, zur Selbstinszenierung der Latte-Macchiato-Lebenskünstler ist doch schon alles gesagt. Ich finde es viel interessanter, darüber zu berichten, wie im Mikrokosmos Malle Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Denn wer kennt bitteschön den unbekanntesten Möchtegern-Schlagerstar der Playa de Palma oder den coolsten Anschnacker der Schinkenstraße? Und ich habe noch so viel Material, dass es mit Sicherheit eine Fortsetzung des Programms geben wird. Damit es in Zukunft nicht mehr heissen muss: Die Wahrheit bleibt auf der Insel.

Holger Osterloh – Die Wahrheit bleibt auf der Insel – Horns Erben, 20.02.2013

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