Ein Rudel Laub streunt um die Häuser

erschien schon in LEIPZIG EXKLUSIV 04/12:

Ich sehe die besten Köpfe meiner Generation, vom Wahn zerfressen, marschierend, eine Armada mit Mario-Barth-Masken vor den Gesichtern, lustvoll auf ihre Schenkel klopfend, hin & wieder dazwischen eine Cindy aus Marzahn, in riesigen Arenen auf das heilige Wort wartend. Ich sehe 11jährige Kinder voller Kristalle. Ich sehe die Abwesenheit von Schmerz. Und von Mitleid.

 

Keine Sonne streichelt meine Augen in den Innenstadtschluchten zwischen Konsumistenkirche und Geldtempel, rasende Irre, bepackt mit Einkaufstüten und in den Händen bittersüßsaftklebrige Plastikbecher für das Geld, für die lebenslängliche Hingabe an die Legende vom Wachstum.

 

Und Deutschland vorneweg. Wir sind wieder wer.

 

Ich sehe schreiende und vandalierende Gute-Jungs-Gangs in Straßenbahnen, in denen ältere Frauen mit eingezogenen Köpfen krampfhaft versuchen durch mit Werbung verpflasterte Fenster ein Fitzelchen Gemeinschaft zu erspähen.

Ich sehe Leipzig im Herbst. Und im Winter. Im Frühjahr und Sommer.

Die Feuerwerke zerplatzen krachend und zerreißend alltäglich und immerfort – und Ah und Oh und kindliches Glotzen an die Himmel.

 

Ich sehe Kaufland-Plastiktüten wehen. Ich sehe Werbeprospekte flattern. Und Hunde. Kot und Kotze. Im Ungeziefer-El-Dorado suchen Kinder nach einem sauberen Platz zum Spielen. Doch überall stehen Automobile im Weg.

 

Auf Bergen aus Kunststoff tanzen blinkende Mädchen und Jungs mit Verkehrsknotenpunkten in ihren Ohrläppchen selbstvergessen zu housegemachten Tönen. Tönerne Burgen grenzen ab und schließen aus.

by pr

by pr

 

Eben Ornament & Verbrechen, uralte Magnettonbandkassetten zwitschern durch die Baubrachen. Ein Rudel Laub streunt um die Häuser. Hippe Kunststudenten malen uns in Strich und Boden. 50-Euro-Billiggitarren spielen den morgens 04:00 Uhr aufstehenden Bäckermeister gegen die Wand. Der versteht die Welt nicht mehr. Muss er ja auch nicht. Die Antworten gibt ja schon seit Jahren Günther Jauch und ein Kriminologe namens Pfeiffer. Nagut – und dieser Sarrazin.

 

Fußballfans ziehen, bis an die Zähne bewaffnet, hassgeladen und kirre durch die Straßen und metzeln und schlachten und trampeln herab. Sie nennen es Tradition. Und glauben es sogar.

Hier möchte ich aussteigen.“ sagt ein strubbeliger Junge. Doch sein Vater reißt ihn mit. Kurz darauf platzt sein traumrandvolles, zukunftslichtes Hirn unter einem Holzknüppel – zu Ehren des Vereins.

 

Streifenpolizisten drehen langsam ihre Runden in Flakwesten und Nachtsichthelmen. Uzis hängen an ihren Gürteln. Hinter den Vorgärtenummauerungen hocken junge Drum&Bass-Freiraumerkämpfer mit Farbgewehren. Sie ballern im Takt ihrer Helden in meine Nächte. Manchmal wünsche ich mir eine MPi-Garbe, mitten hinein.

 

Zwischen den nie fertiggestellten Hitlermonumenten aus Wagneralpträumen und Nibelungen liegen sich eine Princess of Darkness und ein schmallippiger, dürrer Möchtegerndracul in den Haaren. Die wahre Seele der Stadt hat ihre Passnummer in den Nacken tattoowiert, die permanente Zahl des Tieres, nachprüfbar. In Registrierkassen und Steuererklärungen Lebensfunken, mehr nicht.

 

500 000 mal unterschiedlichste Individualität, passgenau eingefügt in ein perverses und obszönes Lied vom Kapital, kein einziger Hauch Identität, außer vielleicht ein bisschen: weiter, höher, größer – und etwas besser als die Anderen …

 

Unter lackschwarzen Lackritzhaaren und tellergroßen Bambiaugen brüllen Zahnweißmünder Bedürfnisse in meine Realität. In den Vororten albern Kinder. Weitab vom Rummel fliegen Libellen. Über den Köpfen der Städter Bomber, Friedensgüter für die Aussätzigen, die Abgestempelten, Schuldigen. Im kehligen Flüsterton sagt eine Tänzerin: „Schon eigenartig hier. Mir ist ganz unfrei!“

 

Fließbänder voller gelber, quiekender Flauschebällchen surren durch Fertigungshallen gigantischen Ausmaßes. Am Ende schreddern metallne Zähne gerade geborenes Leben zu Knochenmehl. Dafür hat mein Hühnerfilet aber auch passgenau und DIN-gerecht die richtige Größe für meine Teflon-beschichtete Edelbratpfanne. Prioritäten sind wichtig! Wir reden hier von Recht, Herr Tanner, nicht von Gerechtigkeit.

 

Die Aliens mit den freundlichen Pillen, Ludwig Hirsch erzählte von ihnen, verloren im Gedröhn der CD-Produktionsstätten, kommen nicht zu Lande. Sie schütteln ihre Köpfe und drehen ab. Hier ist Hopfen und Malz verloren, naja, vielleicht können wir die Becher noch eine gewisse Zeit aneinanderschlagen, doch geschlagen liegen wir längst und quer über den Gedanken an irgendein hoffnungsvolles Morgen.

 

Ein Jogger trägt seine eigene Last. Er schwitzt und schnauft und kauft sich einen Hometrainer, für das Training nach dem Training und stopft sich später mit Gänseleber, zum Fest des „An-Die-Latten-Genagelten“ bis es tropft. Aus den Mundwinkeln klebrige Fäden, auf den Knochen Wohlstand und Schwere.

 

Und dies ist meine Geschichte. Ich liege auf dem Bauch und schaue hinaus in die dunkle, nasse Welt. Hinter mir Rucksäcke mit Müll, mit Anweisungen, dem süßen Blues der Chemiestadtorte, mit freudlosen Kathedralen, in denen ich so oft auf die Knie sank und in denen niemand mich erhörte, als ich schrie und wimmerte. Die Schläge prasselten. Hämatombilder. Fast schon Kunst. So zu erwachsen.

 

Im Gefängnis Kindheit fiel ich durch meine Gedanken ins Hier. Aus den Mauern rosige Säuglingsarme, wedelnd und lautlos. Hier aber ist Krach. Und völlige Unlogik. Kein Augenaufschlag Morgen. Kein Miteinander.

Nur: „Das steht mir doch zu! Das war schon immer so. Und Männer, das weißt Du doch, Männer sind so. Das ist das ewige Gesetz. Da wird sich nie was ändern.“

 

Dazu roter Saft überall, warm und stoßweise – im Rennwagen-Golgatha bluten die Langsamen im Staub.

 

In den Wahnsinnsstädten, die wachsen und wachsen, auf den gezirkelten Landmassen, unter dem geteilten Himmel der Zivilisation, dort, wo Dolmengräber mit Graffiti besprüht, umgestoßen und mit Scheiße beschmiert unter Panzerketten zerbröseln, dort ist kein zu Hause. Nur Inseln ohne Ufer. Nur Gestrüpp. Nur Blitze und Donner. Und planloses Geschiebe der Ping-Pong-Spieler, Elektroschock und Wassertherapie. Schließlich ist Tollhaus-City. Schließlich ist…

 

Kurz neben der Stadt sind sie stumm und klug. Sie füttern die Hühner und bringen Kälber zur Welt. Sie tragen blaue, graue und meist auch befleckte, teilweise vor Dreck starrende Klamotten und rauchen Juwel-Zigaretten. Abends sitzen sie in den Höfen und trinken Schnaps, zwei/drei Gläser, Fläminger Fuchs.

Hier hörst Du noch Vögel zwitschern, Freund, hier fliegen Kraniche und Supermärkte haben Mittagspause, die Abfahrt der Fähre bei Pretzsch bestimmt den Ablauf der Gezeiten. Und Du spürst den Wind im Gesicht oder im Rücken. Die Pferde kacken ins Gras. Und die Bäuerin lächelt weise.

 

Ein immergrüner Mann namens Siddhattha sitzt zwischen den Wiesen und hat die Augen geschlossen. Das Rad dreht sich. Vierundzwanzig Speichen. Acht Pfade. Und keine Bedürfnisse mehr. Nur noch Wärme und Licht und Nahrung.

 

 

(Dieser Text ist eine Hommage an Lydia Daher, Michael Schweßinger, Allen Ginsberg, Douglas Coupland und die vielen Nachfragenden)

 

priesitz bei pretzsch bei bad schmiedeberg

priesitz bei pretzsch bei bad schmiedeberg

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tanners Texte abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s