Fällt ein Baum wachsen andere nach! (Das große Interview mit Michael Schweßinger)

erschien schon im FRIZZ Leipzig Dezember 12:

Michael Schweßinger, Autor der „Stadtapokalypsen“ geht nach Irland und die Edition PaperONE macht den Sack zu. Viel Bewegung im literarischen Leipzig. Klar, dass FRIZZ-Redakteur Ray Voltez (Volly Tanner) da den Hauptprotagonisten ausfragen musste:

Wenn diese Zeitschrift erscheint, sind Sie schon nicht mehr in Leipzig ansässig. Warum geht’s denn weg und wo geht’s hin?
Es gibt Menschen, die tragen eine gewisse Ruhelosigkeit im Herzen, der sie hin und wieder nachgeben müssen. Ich nenne es immer Steppenwolfsyndrom. „Einen Regenbogen, der länger als eine halbe Stunde am Himmel steht, schaut man nicht mehr an“. Das ist glaube ich von Goethe, aber da ist was dran. Für mich als Schriftsteller, der seine Stories immer sehr nah an der Realität baut, sind neue Eindrücke vermutlich wichtiger, als für einen Romancier, der aus den Tiefen seiner Phantasie schöpft. Ebenso wichtig sind diese Bruchstellen im Leben, durch die manchmal das klarste Licht schimmert. Von daher eben eine zeitlang ländliches Irland, was man schon als Kontrapunkt zu dieser pulsierenden Kunst- und Literaturszene in Leipzig sehen kann.

by volly tanner

by volly tanner

Sie waren ja eine der dunkel-schillernsten Figuren des hiesigen Lesebühnenzirkus. Wie stellen Sie sich das Leben in Irland ganz ohne den Publikumserfolg vor?
Klar ist das ein schönes Gefühl, wenn man auf der Bühne steht, die Bude und das Glas ist voll und die Girls lächeln dich an, aber Erfolg stand nie in der Mitte meines Schreibens. Ich würde sogar sagen, dass er mir heute noch unwichtiger erscheint, als zu Zeiten von „In darkest Leipzig“. Die gerade mal vierzig Seiten meiner „Stadtapokalypsen“ haben mich mehr Energie gekostet, als alle Bücher davor zusammen. Wenn ich auf das Erfolgspferd springen wollte, würde ich leichtere Kost schreiben und die literarischen Untertage-Arbeiten sofort einstellen. Also die Priorität liegt beim Schreiben und wenn man damit Erfolg hat, ist das eine schöne Sache, mehr aber auch nicht.

Was machen aber jetzt die Autoren der Edition PaperONE? Und was machen Herr Baglieri und Herr von Grimm?
Nun, das war keine leichte Entscheidung, den Verlag aufzulösen. Viele Autoren sind uns über die Jahre ans Herz gewachsen, aber da müssen sie jetzt durch, um das mal kurz und schmerzlos zu sagen. Wir haben ja auch gespürt, wie wahnsinnig anstrengend diese Verlagsarbeit ist, wenn man noch Fulltime beschäftigt ist und hin und wieder selbst was schreiben möchte. Irgendwann musst du halt dann entscheiden, was willst du verwirklichen, deine Kreativität oder die der Autoren. Aber es gibt so viele Verlage in Deutschland und natürlich auch die Möglichkeit selbst so etwas wie PaperONE auf die Beine zu stellen. Fällt ein Baum, wachsen andere nach. Es ist natürlich schön, dass Jan Lindner mit dem Berliner Verlag periplaneta und Klaus Märkert mit dem Eisenhut-Verlag, gleich neue Verleger gefunden haben. Ich denke, da wird sich für einige Autoren was ergeben.
Olli Baglieri ist zur Zeit sehr mit Fotografie beschäftigt und Hauke ist ja weiter bei Schkeuditzer Kreuz und Lesebühne West aktiv. Also es ist nicht wahrscheinlich, dass man von uns nichts mehr hören wird.

Schriftstellersein vergeht ja nicht nur weil rundherum irische Butter gefördert wird. Steht denn literarisch etwas an, vielleicht der ultimative Roman?
Da hast du recht. Aufs Genre will ich mich da nicht festlegen und die Story ist mir immer noch am liebsten. Aber für mich ist es auch ein wenig „Back to the roots“, also mal wieder neugierig sein, beobachten, aufschreiben. Mal sehen, was dann dabei rauskommt. Das ist dort natürlich ein rechtes irisches Saukaff. 1500 Einwohner, aber 27 Pubs. Es gilt als Mekka der Pferdefreunde. Die älteste Pferdemesse Irlands findet jedes Jahr im August statt. Ein Wochenende mit unzähligen Rennen, da werden Haus und Hof verwettet und natürlich kräftig gepichelt. Ich hab da keine Sorge, dass da nicht die ein oder andere Story auf meinen Bierdeckel landet und in meinen Job als Bäcker die Iren für deutsches Roggenbrot zu begeistern, wird natürlich auch eine lustige Sache; das ist ungefähr so, als wenn du versuchst im Muldental afrikanisches Fladenbrot zu verkaufen. Naja, vielleicht nicht ganz so schlimm, aber in jedem Fall bleibt es spannend.

Und wie können hiesige Schweßinger-Fans mit Ihnen in Kontakt bleiben?
Naja, über facebook und Internet dürfte das kein Problem sein. Ich werde mir vielleicht so ein Blog zulegen und natürlich können die Schweßinger-Fans, wenn sie es gar nicht mehr aushalten, anfragen, dann komme ich auch mal zu ner Lesung vorbei.

Danke, lieber Herr Schweßinger und viel Freude in Irland.

Text & Foto: Ray Voltez (Volly Tanner)

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