Damit der Hahn kräht! (Interview mit Andreas Schmidt)

erschien schon im BLITZ! Leipzig:

Um Leipzig zu promoten gibt es viele Gesichter – eines jedoch hält sich meist im Hintergrund. BLITZ! (Volly Tanner) gab Andreas Schmidt eines seiner äußerst seltenen Interviews:

BLITZ!: Hallo Andreas – Hier auf der Karl Heine Straße treffe ich Dich bodennah. Im Job thronst Du als Leiter Öffentlichkeitsarbeit/PR der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH im Uni-Riesen, ganz oben – wie ist der Blick aus luftiger Höhe aufs Gezappel der Wuseligen?
Andreas Schmidt: Es ist spannend, direkt am Puls der Stadt zu sein und das aktuelle Baugeschehen mitzubekommen. Man sieht, dass Leipzig noch längst nicht fertig ist. Fast täglich sind überregionale Journalisten oder Reiseveranstalter zu Gast, denen wir von oben die Stadt zeigen. Die Besucher sind vor allem vom vielen Grün beeindruckt, das sich wie ein breiter Gürtel durch die Stadt zieht.

BLITZ!: Themen gibt es zuhauf zu besprechen – was ist denn zum Beispiel Deine ganz persönliche Meinung zur Badewannenrennendiskussion? Ein Sturm im See der Tränen? Oder hat da die Konservative sogar Recht mit Recht und Gesetz Badewannenrennbootverbote am Völkerschlachtdenkmal zu fordern?
A.S.: Ich habe diese Veranstaltung immer gern besucht und war von der Lebensfreude und dem Ideenreichtum der Beteiligten begeistert. Dass der Veranstaltungsort des beliebten Familienfestes nach 20 Jahren plötzlich in Frage gestellt wird, hat mich sehr überrascht. Ich versuche, beide Seiten zu verstehen und hoffe sehr, dass schnell ein neuer Standort gefunden wird. Aber wer legt eigentlich fest, wie getrauert werden muss? Während einer Reise nach Mexiko war ich an einem Totensonntag zufällig auf einem Friedhof. Diesen Tag haben die Angehörigen an den Gräbern ihrer Verstorbenen verbracht – jedoch nicht tränenüberströmt, sondern mit der Gitarre und dem Picknickkorb in der Hand. Das war eine beeindruckende Art, dem Toten zu gedenken.

BLITZ!: Leipzigs Innenstadt ist ein kunterbuntes vielsprachiges Sommerfest, ganze Touristenrudel grasen die Stadt ab nach Sehenswürdigem. Wie kommt der erhöhte Zustrom aber zustande? Es gibt ja auch Orte im Osten, wo kein Hahn mehr kräht.
A.S.: Anfang der 1990er Jahre hat der Tourismus in Leipzig kaum eine Rolle gespielt. Es gab nur rund 3.000 Hotelbetten und die Gäste mussten mangels Angebot private Zimmer buchen. In den vergangenen zehn Jahren sind die Übernachtungen von 1,4 Mio. auf 2.1 Mio. geklettert. In diesem Jahr verzeichnet Leipzig bis Juni zweistellige Zuwächse. Zum Erfolg beigetragen haben viele Unternehmen, vor allem die Leipziger Messe und der Zoo. Erfreulich ist, dass die Gäste oft mit geringen Erwartungshaltungen in die Stadt kommen und mit einem großen AHA-Effekt wieder abreisen. Mundpropaganda und die vielen Leipziger Attraktionen sind die glaubwürdigste Werbung, damit der Hahn kräftig kräht…

BLITZ!: Wenn alles so flutscht, wie sich das unsere Stadtväterchen- und Mütterchens wünschen, haben wir ja bald Meeresanschluss. Was denkst Du sind die Auswirkungen – auch touristisch – wenn am Lindenauer Hafen so richtig ins Bauen geht? Und irgendwas irgendwann dann fertig ist?
A.S.: Ich hoffe, es dauert nicht mehr lange, damit ich mit dem Boot von der Elster an die Alster fahren kann. Neben der Leipziger Notenspur bietet die Thematik Wasserstadt Leipzig das größte touristische Potenzial. Die vor über 100 Jahren entwickelten Visionen des Industriepioniers Karl Heine werden endlich Wirklichkeit. Dass Leipzig so eine herrliche Kombination aus Industriearchitektur und Wasserwegen bietet, macht die Leipziger stolz und verblüfft die Gäste. Die über 150.000 Besucher beim diesjährigen Wasserfest zeigen, welche Sogkraft vom Wasser ausgeht.

BLITZ!: Viele machen sich Gedanken, was Touristen in Leipzig interessieren könnte – genauso faszinierend dürfte aber auch die Frage sein: Was interessiert Touristen in Leipzig überhaupt nicht? Gibt’s da eine Antwort aus Deinem berufenen Munde? Wo ists gut, so wie es ist – auch ohne Tourismus?
A.S.: Es gibt nichts, was Touristen nicht interessiert. So weilten zum Beispiel Ende Juni Tausende Geocacher in Leipzig und füllten die Hotels rund um die Leipziger Messe. Diese suchten Caches an Orten, die viele Leipziger nicht mal kennen. Es gibt also kaum einen Winkel, der völlig unentdeckt bleibt. Dafür sorgen zunehmend auch die sozialen Netzwerke. Da hilft nur der Rückzug in den eigenen Schrebergarten…
andreasbyvollytanner
BLITZ!: Und Andreas Schmidt privat? Wo entspannst Du Dich? Ich meine, bei LTM zu arbeiten dürfte ja auch ganz schön stressig sein, all die jungen Praktikantinnen anzuleiten und so….
A.S.: Ich bin selten ohne Fahrrad und Fotoapparat unterwegs. Stadtgeschichte zu dokumentieren, Lost Places zu entdecken oder mich in urigen Kneipen zu treffen, das entspannt mich am meisten. Und die von dir angesprochenen Praktikantinnen sorgen natürlich dafür, dass ich nicht einroste und mich mit aktuellen Trends beschäftige.

BLITZ!: Danke Andreas für Deine Gesprächsbereitschaft.

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