Der Mensch ist nur gemeinsam frei! (Interview mit FALKENBERG)

erschien schon im FRIZZ HALLE:

Falkenberg hat eine neue Scheibe am Start, passend zur Zeit FREIHEIT benannt. Und da der Hallenser damit auch auf Tour geht und etwas zu sagen hat, brauchts nur die passenden Fragen. Shevek Walden (Volly Tanner) stellt diese hier:

Groß prangt auf Ihrem neuen Album der Begriff FREIHEIT. Ist dieser die Klammer um die Lieder? Ist Falkenberg 2012 ein Philosoph geworden?
Auch „FREIHEIT“ ist nach „HAUTLOS“ ein Konzeptalbum. Ich brauche Themen die mich existenziell berühren, um Lieder zu schreiben. Wir befinden uns in einer Zeit des ernsthaften Hinterfragens. Die möglichen gesellschaftlichen Szenarien sind durchgespielt. Selbst die Konservativen stellen bestürzt die Systemfrage. Betrachten wir die Welt in diesem Moment und ziehen wir Parallelen zur Geschichte, können wir nur feststellen, dass das „Immer Mehr“ des Wachstums nur noch in unsere Unfreiheit und damit unseren Untergang führen kann. Ich reflektiere nur und schreibe Lieder. Philosophen sind geduldige Menschen. Geduldig bin ich nicht.
by PR
Ein weiser Mann sagte mal „Freiheit ist, seinen Bedürfnissen ebenbürtig zu sein.“ Ist wahre Freiheit, also die Persönliche, die dann die Gesellschaft bedingt, heute überhaupt noch möglich? Die Zwänge und Ängste sind doch mittlerweile Konzept.
Für mich persönlich ist Freiheit das Gefühl entscheiden zu können, doch es kann niemals nur um die persönliche Freiheit gehen. Der Mensch ist nur gemeinsam frei. Die persönlichen Zwänge erlegen wir uns in erster Linie selbst auf. Niemand kann dir befehlen, dich zum Beispiel mit einem weiteren Kredit in eine noch größere Abhängigkeit zu begeben. Die Zwänge jedoch, die uns der Staat auferlegt, die unsere Freiheit und unsere Lebenszeit beschneiden, könnten wir abwählen. Dazu müssten nur die von uns Gewählten ihr Wort halten und unsere Interessen vertreten, anstatt in Aufsichtsräten von Konzernen und Banken die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer zu machen und sich wie selbstverständlich die eigenen Taschen zu füllen. Die Menschen fühlen sich nicht mehr mit- und ernstgenommen. Die Phrasendrescherei der Politiker verhindert die notwendige Transparenz. Wichtige politische Entscheidungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es wird gelogen und verbogen und Angst wird geschürt. Angst war schon immer das effizienteste Machtinstrument. Angst frisst Freiheit und Freiheit stirbt an Angst.

Mit „Vor den Kathedralen“ positionieren Sie sich eindeutig – und zwar gegen die Machthabenden und auf der Seite der Occupies – der Demokratie Jetzt! Bewegung. Glauben Sie, dass Occupy erhalten bleibt, dass sich diese Bewegung wirklich erhärtet und im politischen und wirtschaftlichen Geschehen fest macht?
Es beginnt doch immer mit den Wenigen. Ich hab es erlebt. Es waren kleine Gruppen, die in den „Jungen Gemeinden“ oder in besetzten Häusern konspirative Zirkel bildeten. Heute, aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt, war es ihr Aufbegehren, das den Anfang vom Ende der DDR einleitete. Es ist schwer zu sagen, wo es die heutigen Bewegungen hintreibt. Wichtig ist doch vor allem, dass sie sich und damit etwas und andere bewegen. Ich hoffe, dass sich Occupy und „Echte Demokratie Jetzt!“ nicht vor den Karren der Regierenden spannen lassen, dass sie weiterhin keine Führer zulassen. Nur dann haben sie die Chance, zu einer verändernden und vor allem glaubwürdigen politischen Macht zu werden. Jeder, der diese Leute im Moment belächelt oder ihnen Planlosigkeit vorwirft, drückt doch damit nur seine eigene Hilflosigkeit aus.

Mittlerweile leben Sie ja wieder in Halle an der Saale, Ihrer Geburtsstadt – und haben dem Künstlerverschleißmoloch Berlin den Stecker gezogen. Wie lebt sichs in der Verlangsamung? Ist dies auch Freiheit, nicht mehr mitspielen zu müssen?
Ich hab diesen ganzen Glamour/Hippnes – Hype ja schon zu meinen Zeiten in Berlin nicht an mich rangelassen. Das Berlin von Heute hat von allem zu viel. Das wirklich Interessante und Neue hat mittlerweile kaum eine Chance bemerkt zu werden. Es gibt so gut wie nichts, was nicht sofort zu Geld gemacht wird. Die reichen Töchter und Söhne, die Entertainment-Zombies und Politikprofis verdrängen die Boheme aus ihren Refugien. In Berlin manifestiert sich neben all dem Glanz die Armut am deutlichsten. Trotz allem, ist Berlin für mich seit meinen Kindertagen, die Stadt in Deutschland. Ja, Berlin ist schnell. Es reißt dich mit. Ich habe mich dreißig Jahre mitreißen lassen. Das war gut und jetzt ausreichend.
Und Ja, ich bin raus. Von der Oberfläche abgetaucht in die Tiefe. Auch das ist Freiheit.

FALKENBERG & Die Band; Release Konzert zum neuen Album FREIHEIT; 23.03.2012; Halle/Saale | Schaufenster (Riff Club); 20.00Uhr limitierte Tickets gibt es über http://www.falkenberg-musik.de & 21.04.2012; Leipzig | der Anker 21.00Uhr

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s