Der Wert der Kunst hat nichts mit dem Marktwert zu tun! (Laudatio für Ulla Le Landias-Biel)

Laudatio für die Vernissage Ulla Le Landias-Biel im ZAROF-Headquarter Leipzig – von Volly Tanner

Am 20. März 1939 wurden im Hof der Hauptfeuerwache Berlin-Kreuzberg – wie bizarr, wenn man sich schon allein den Ort der Tat vergegenwärtigt – tausende, als entartete Kunst verfemte Kunstwerke aus öffentlichen Sammlungen verbrannt. Bilder des Expressionismus, des Dadaismus, Werke der Neuen Sachlichkeit, daneben surrealistische und dem Kubismus zuzuordnende Stücke: Barlach, Beckmann, Pechstein, Kokoschka, Kollwitz, Otto Dix, Paul Klee – alles Bilderwelten, die den Machthabenden gefährlich und vernichtenswert schienen.

Ulla Le Landias-Biel by Volly Tanner

Fast gleichzeitig erblickte in Hanau am Main ein kleines Menschenkind voller Zuversicht das Licht unserer Welt, ein Menschenkind, das reisen sollte in den Jahren, das leben sollte und Menschen kennenlernen durfte, eine Einzelne im Ganzen, die erwachsen wurde und trotzdem nicht verstummte, eine junge Frau, die reifte, lebte, liebte und malte…

Ulla Le Landias-Biel´s Bahnhöfe, Ausstiegsmöglichkeiten für Aufenthalte, waren gebaut am Bodensee, in Köln, Paris und London, Karlsruhe, Frankfurt am Main und itze in Leipzig. Die junge Frau studierte die französische und englische Sprache, arbeitete als Übersetzerin und Sprachlehrerin, wechselte zum Bergfest der Lebensreise ins Fach Sozialarbeit und wurde Lehrerin.

Seit Anfang der Achtziger des Jahrtausend-beschließenden Säkulums kommunizierte Frau Le Landias-Biel in Collagen, Frottagen und Objekten – später dann mit den Mitteln der Zeichnung und Tusche. Sie lernte an Künstlern, wie dem Offenbacher Maler Helmut Jahn, wechselte die Metiers und entzog sich allzu bequemer marktkonformer Einordnung, einfach durch ihre Vielfältigkeit. Dadurch waren ihr leider die Aufmerksamkeit, glücklicherweise aber auch die Begrenztheit der Kunsteliten aus den Elfenbeintürmen des Akademismus verwehrt.

Sie selber sagt dazu in einem Interview für die Leipziger Internetzeitung: „Mich treibt eher der Wunsch nach Kontakt mit den Menschen. So kann ich viele Leben erfahren. Das bereichert mich.“ und verweist so auf ihre ganz eigene Sicht auf die Aufgaben und Möglichkeiten der Malerei, nämlich Bindeglied zu sein zwischen den Leben, Geschichten und Geschichte bildhaft zu erzählen, aufzubewahren und aus der Anonymität zu reißen.

Ein hehres Ziel: zu schaffen, nicht um in erster Linie zu verkaufen oder zu bedienen, sondern um zu erzählen.

Und das ihr dies unbestritten gelingt zeigt die heute hier eröffnete Ausstellung – mit der Geschichte des berühmten Chirurgen, der selbst an Alzheimer erkrankte und dessen Hirn löchrig wurde, mit dem Tanzpaar, welches angsterfüllt vor der nächsten Herausforderung – dem Bühnenvorhang, der Generalprobe oder was auch immer – zitternd und aneinander geschmiegt verharrt. Mit dem Strudel der Ereignisse, der Innenschau, der Kälte, erzeugt mit Farbe und Spachtel – oder dem städtisch kastenhaften Miteinander.

Immer sind da Geschichten von realen Personen, die Ulla Le Landias-Biel auf Leinwand bannt, immer ist da Metapher und Gefühl, eine emotional bestückte Brücke, die den Schauenden in Frau Le Landias-Biel´s Welt zieht, um ihm die Möglichkeit der Reflexion zu verschaffen.

Sie selber macht sich dadurch auf, öffnet sich, schabt die von außen aufgepackten Schichten aus Konsum und Trend von sich, entpackt sich förmlich – um statt Kasten und Kästen die universelle Vielschichtigkeit, die Mehrdimensionalität jedes einzelnen Individuums zu feiern.

Denn Mensch ist stark, der Mensch ist groß. Und einig und wertvoll …

Unter all den Ängsten und Fremdbegrenzungen leuchtet jede einzelne Geschichte wie ein Stern. Nach all der kleinlichen und kleingeistigen Verarmung der zu Kunden und Konsumenten degradierten Kreaturen, die sich als Herrscher dieser Welt begreifen, ist Toleranz und Mitmenschlichkeit und Aufmerksamkeit und Mitgefühl.

Wir alle sind unterschiedlich.“ sagt Ulla Le Landias-Biel – „Wir alle sind eigenständig und ganz.“ Und dies, sogar manchmal ironisch gebrochen, zu malen ist große Meisterschaft.

1939 ist gar nicht solange her. Heute brennen Bilder zwar nicht mehr öffentlich – aber auch Ignoranz und Oberflächlichkeit des Betrachters kann eine Art, wenn auch eine subtilere, von Ächtung sein. Ein permanentes Schielen auf Vermarktbarkeit und Mehrwert kappt die aus dem kunterbunten Einerlei des Massenkonsumismus herausspringenden edlen Kräfte.

Das Diktat des Marktes behindert und verletzt, schmirgelt Kanten und Verkantungen unmenschlich glatt und erzeugt einen Status Quo, der nur durch die „totale Balz ums Goldene Vlies“ erhalten bleibt.

Braucht es diesen Status Quo aber wirklich? Ist Kunst nicht eine offene Tür, eine Schwelle, die überschreitbar ist, ein kurzer Zwischenhalt auf der großen Reise Menschwerdung – ein Blick hinter die Stirn?

Halten Sie, liebe Ausstellungsbesucher, einen Moment inne. Atmen Sie durch. Springen Sie für kurze Zeit heraus aus dem Hamsterrad, vielleicht gefällt es Ihnen ganz gut auf der Standspur, die Luft ist jedenfalls angenehmer in den Wäldern hinter den Rastplätzen …

Atmen Sie durch und geben Sie den Bildern von Frau Ulla Le Landias-Biel die Chance sie zu berühren, denn dafür wurden sie gemacht. Sie haben hier ein Stück Leben, das Ihnen die Künstlerin darreicht, ein Stück Größe, heraus gebrochen aus dem Sein.

Und fühlen Sie in sich hinein. Da leuchtet ein Stern. Der braucht nicht viel. Nur Aufmerksamkeit und Zeit und Nahrung.

Naja – und vielleicht wollen Sie auch ein Stück mit nach Hause nehmen, ein Bild oder einen Gedanken. Die Bilder können Sie gerne erstehen, Gedanken müssen Sie sich schon selber machen.

Ich wünsche Ihnen und uns einen wunderbaren Abend. Und bitte: Werden Sie aufmerksam.

Danke, Frau Le Landias-Biel, danke für ihre Bilder!

Leipzig; 26.07.2012

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