Luxusartikel blockieren andere Leben (Interview mit Dirk Bernemann)

erschien schon in FRIZZ LEIPZIG 11/11:

Einer, der Literatur äußerst unterhaltsam vortragen kann – und davor in monatelangem Feinschliff bearbeitet, ist Dirk Bernemann. Mit „Ich habe die Unschuld kotzen sehen“ war er fast ganz oben, doch etwas zu schräg, zu sperrig für die Aufmerksamkeit der Manipulierer des Massengeschmacks swingt er immer noch im Independentverlagsbecken rum. Und fühlt sich gut dabei. Mit neuem Buch und bester Laune beehrt er am 03.11.11 das Leipziger HelHEIM und Shevek Walden (Volly Tanner)  hatte dazu schon mal ein paar Fragen an ihn:

Hallo Dirk. Dein neuester Schlag ins Literaturkontor heißt „Trisomie so ich dir“. Sprachlich fein gefochten – rein vom Titel her. Was ist jedoch zwischen den Deckeln versteckt?
Hallo Shevek. Eine zärtliche Geschichte ist das beinah geworden. Die erste Inspiration vor Beginn dieses Buchs war eine Fensterscheibe, auf der Regen aufschlägt und Regentropfen ziehen zunächst ihre Bahnen, um sich dann irgendwo konkret zu treffen und zu verbinden zu einem größeren Tropfen. Genauso geht es den drei Protagonisten in meinem Buch, anfangs sind es drei Zufallsexistierende, am Ende schließt sich ein Kreis, die Schicksale fließen zusammen und kollidieren und ab da bekommt das Buch auch eine gewisse Heftigkeit.

Mit Deiner „kotzenden Unschuld“ bist Du sogar bei Heyne gelandet. Jetzt bist Du beim Unsichtbar-Verlag, früher kam Vieles bei Ubooks heraus. Ein Kuddelmuddel! Ist das derzeit Usus im literarischen Markt. Dieses Hin- & Hergewechsle?
Ich weiß nicht, wie andere Autoren das machen, aber ich geh halt dahin, wo es mir gut geht. Da wo es menschlich und künstlerisch passt und vor allem auch zu mir passt. Und das ist beim Unsichtbar-Verlag jetzt absolut so. Der Verlag kommt mit ganz viel Indie-Charme um die Ecke, dafür aber auch mit einer gehörigen Portion Professionalität.

Wenn Du tourst, dann tourst Du richtig! Ist das nicht extrem anstrengend? Dieser permanente Alkoholmissbrauch auf Lesungen zur Zeit?
Ich bin gespannt ob auf die folgende Tour auch wieder eine Therapie folgen muss, haha. So glamourös am Bierfass gebaut ist das Tourleben aber gar nicht. Du sitzt viel in der Bahn, im Bordbistro vom ICE kostet ein Weizenbier 4,20 Euro, das hält man nicht lange durch, wenn am Ende der Fahrt noch Restgeld und Resthirn vorhanden sein soll. Ich lese lieber.

Kannst Du eigentlich von Deinem Schreiben leben? Ich meine, Peter Hein von Fehlfarben hat ja auch nebenbei Kopierer verkauft.
Manchmal ist es ziemlich hart und mein Vermieter war auch schon in Begleitung seines Anwalts bei mir, aber im großen und ganzen läuft die Sache. Die essentiellen Dinge im Leben sind zu leisten, Luxusartikel blockieren andere Leben.
by bernemannpromo
In Deinem HP-Gästebuch schreibt ein gewisser Nick: „Dann Texte sind so herrlich graubunt. Mag sowas. Fühlt sich an wie Kaffeetrinken und Streuselkuchen essen an Sonntagnachmittagen nach Flohmarktbesuchen.“ Getroffen? Wie würdest Du den Charlotte-Roche-Konsumisten erklären, was Literatur wirklich ist?
Ich weiß ja nicht, ich find den Satz komisch, von dem strahlt so eine gewisse Gemütlichkeit ab und es ist weiterhin sehr ungemütlich in meinen Texten und durch die meisten weht der raue Wind des real existierenden Realismus. Aber vielleicht ist für den Herrn ja Kaffee und Kuchen ein Symbol der Unzufriedenheit und Auflehnung, wer weiß? Ob Charlotte Roche wirklich Literatur ist, kann ich nicht sagen, aber es scheint einen gewissen Nerv zu treffen. Aber ich bin und bleibe sehr skeptisch bei Massenphänomenen, wie diesem. Die literarische Qualität dieser Frau kann ich aber nicht beurteilen. Literatur muss für mich persönlich eine schwere Tiefe haben, vorbei an Oberflächlichkeiten hämmern können, gerne auch mal schlecht ausgehen können und nicht zwangsweise unterhalten müssen.

Am 03.11. trittst Du ja im HelHEIM auf. Ein Heimspiel?
Ich freue mich in der Tat sehr, ins Helheim zurück zu kommen, ich glaube zweimal war ich bisher da.

Danke für die sehr angenehmen Antworten. Bis zum Donnerstag im Heim!

http://dirkbernemann.de/

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Eine Antwort zu Luxusartikel blockieren andere Leben (Interview mit Dirk Bernemann)

  1. Leina Wald schreibt:

    Luxusartikel blockieren Leben. Wie recht er hat. Danke.

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